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Menschen, die zu Tieren verkommen

4. Juli 2016

Ich gehöre ja normalerweise zur Kategorie „Ich finde das Buch immer besser als den Film“. Doch es gibt dazu natürlich immer mal wieder die berühmten Ausnahmen zu der Regel… zuletzt passierte mir das mit „Gone Girl“. Und jetzt wieder mit J.G. Ballards „High Rise“. Ich weiß nicht so wirklich, was mich gestört, aber irgendwie bin ich mit der Geschichte über Menschen, die in einem neumodernen Hochhaus nach und nach der Anarchie verfallen, nie so richtig warm geworden. Die Idee an sich und auch die Ausführungen Ballards, der in seinem Roman die Geschichte ja aus verschiedenen Perspektiven erzählt, waren wunderbar. Aber so richtig gefesselt hat mich das Ganze nie, vielmehr habe ich mich irgendwann angefangen, sehr zu quälen mit der Story. Ballard kümmert sich nicht lange darum, die wahren Gründe für das Abrutschen in die Anarchie zu erläutern… es ist halt einfach in der Natur des Menschen und kann unter bestimmten Umständen einfach so nach und nach ausbrechen. Und wenn es in so einer isolierten Umgebung wie einem Hochhaus passiert, dann kann es irgendwann auch niemand mehr stoppen.

So sehr ich mich mit dem Buch auch gequält habe, so sehr wollte ich doch den Film dazu sehen, in dem Tom Hiddleston, Luke Evans, Jeremy Irons und Sienna Miller in die Wirren dieser Anarchie geraten. Sie alle leben im „High Rise“ – brav sortiert nach ihrem Einkommen leben die einen (die Reichen) ganz oben, während die Ärmeren ganz unten leben… und Tom Hiddleston lebt genau in der Mitte von all dem Chaos und wird damit so ein bisschen unser Protagonist.

Jetzt würde er gerne Thor rufen…

Ein viel wichtigerer Grund, warum ich „High Rise“ trotz meiner Probleme mit dem Buch sehen wollte, war Regisseur Ben Wheatley. Ich muss ja sagen, dass mich der Mann bis jetzt noch nicht enttäuscht hat. Bis auf seinen allerersten Film habe ich alles von ihm gesehen. Ich mochte „Kill List“ für die merkwürdige Art, in der hier Thriller mit Horror vermischt wurde. Ich mochte „Sightseers“ für seinen herrlich schwarzen Humor und das süßeste / merkwürdigste Duo seit Ewigkeiten. Ich mochte „A Field in England“, weil es der krasseste Trip seit Langem war und einer der Filme, die mich komplett unvorbereitet getroffen hat und mich trotzdem (oder gerade deswegen) so faszinierte. Und mit „High Rise“ setzt Wheatley diese Reihe gekonnt fort.

Etwas, dass Wheatley großartig macht, ist auch in „High Rise“ zu finden: ihm gelingt auch hier das Kunststück, sich dem Schubladen denken von Genres zu entziehen. Wenn mich jetzt jemand fragen würde, was „High Rise“ eigentlich ist… ich könnte keine zutreffende Antwort geben: es ist Thriller, Drama, politische Satire, Groteske, Albtraum-Fabel und irgendwie noch vieles mehr. Wheatley manövriert uns gekonnt durch das aufkeimende Chaos… und hält sich dabei vor allem in der Entstehung des Chaos sehr an das Buch: ein paar Stromausfälle, ein paar Kinder, denen verboten wird im Pool zu schwimmen… das muss ausreichen, um den drohenden Irrsinn im Hochhaus anzukündigen. Für manch einen ist das vielleicht zu wenig Erklärung, im Buch war es das für mich. Im Film hat es mich komischerweise nicht so sehr gestört.

Was vielleicht auch daran liegt, dass Wheatley uns mit Tom Hiddleston und Luke Evans zwei tolle Darsteller vor die Linse setzt, die den unterschiedlichen Verfall der Menschn gekonnt darstellen. Evans ist von vornherein schon ein Tier, das immer wieder an der Leine der gesellschaftlichen Regeln zerrt, ein Tier, das nur darauf wartet, dass man ihm einen Grund gibt. Hiddleston dagegen ist noch der Normale, der erst nach und nach seinen niederen, animalischen Gelüsten verfällt. Ich mochte sehr, wie Wheatley diesen Zerfall hier führt… immer in absoluten Extremen und dann setzt er uns doch wieder Hiddleston vor: der eine Hoffnungsschimmer, den wir in diesem Chaos noch haben, der eine, der vielleicht herausstechen könnte und uns den Glauben an die Menschheit doch noch zurückgeben könnte. Aber selbst das zerpflückt Wheatley so nach und nach – und hier darf sich ein Tom Hiddleston dann echt beweisen und einmal mehr zeigen, dass er wirklich ein großartiger Darsteller ist.

„High Rise“ hat mich wirklich ziemlich schnell in seinen Bann gezogen. Das stylische Setting, das mit der Zeit mehr und mehr zerfällt, die stylischen Menschen, die zu Tieren verkommen, die Musik und der Soundtrack, der eins der besten Abba-Covers von Portishead mit sich bringt und diese allgemeine Chaos-Stimmung, die unglaublich faszinierend ist. Es ist ein bisschen so, als würde man einem sozialen Experiment beiwohnen, das uns verdeutlichen soll, wie schnell wir doch alle Regeln hinter uns lassen können, wenn kein Druck von außen herrscht. Ein guter Freund, mit dem ich im Kino war, nannte „High Rise“ das „Clockwork Orange für eine neue Generation“ – und ich finde diesen Vergleich gar nicht so verkehrt.

Wenn man meckern wollen würde, könnte man Wheatley natürlich vorwerfen, dass er am Ende ein bisschen zu sehr in den chaotischen Bildern der Anarchie versinkt und theoretisch auch etwas früher damit hätte aufhören können, aber gut… wer will schon meckern? Ich mochte den Film… und Wheatley beweist hier einmal mehr, dass er ein toller Regisseur ist, der mit jedem Film neue, interessante Wege einschlägt.

Wertung: 8 von 10 Punkten (Menschen sind furchtbar… ich ziehe dann doch lieber aufs Land)

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5 Kommentare leave one →
  1. 4. Juli 2016 11:02

    Ich teile deine Wertung. Mir persönlich war allerdings der Übergang vom braven Hochhaus zum Anarcho-Bunker etwas zu krass. Wheatley behilft sich hier einfach mit einer Montage um den Übergang zu verdeutlichen. Danach muss man sich erstmal neu orientieren und das hat mich etwas rausgebracht. Ich weiß nicht, wie das im Buch gelöst ist; da darfst du mich gerne aufklären.

    Schleichwerbung in eigener Sache: https://filmkompass.wordpress.com/2016/05/09/high-rise-omu-2015/

    • donpozuelo permalink*
      4. Juli 2016 11:51

      Im Buch ist dieser Übergang leider auch nicht wirklich eindeutig erklärt, weswegen ich diese Montagen im Film eigentlich immer ganz gut fand. 😀

  2. 4. Juli 2016 13:14

    Du und deine Überschriften – ich war fest davon überzeugt, dahinter eine Besprechung von „The Lobster“ zu finden. :p

    • donpozuelo permalink*
      4. Juli 2016 15:27

      „The Lobster“ kommt noch… keine Sorge 😀 Aber stimmt, die Überschrift hätte da noch besser gepasst.

Trackbacks

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