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Ins Herz der Finsternis

20. Juni 2016

Kann man irgendeine Einleitung schreiben, die „Apocalypse Now“ gerecht werden würde? Kann man über irgendwas vernünftiges schreiben, um die Bandbreite des Films erklären zu können? Irgendwie habe ich ein bisschen Angst davor, überhaupt etwas zu schreiben. Denn „Apocalypse Now“ ist für mich einer der Film, der mich jedes Mal einfach nur vom Hocker haut. Ich weiß noch, wie ich die Redux-Fassung im Kino gesehen habe und in einer Mischung aus Wut, Verwirrung, Erschöpfung und Erleichterung aus dem Kino ging. Genau kann ich das nicht benennen, aber dieser Film ist mal wirklich das, was er sein will – eine Reise ins Innerste des Menschen (das hört sich natürlich immer so extrem hochtrabend an, aber in diesem Fall passt es einfach).

Diese Reise beginnt noch verwurzelt in der Realität, in der Captain Willard (Martin Sheen) den Auftrag bekommt, mit einem Boot von Saigon nach Kambodscha zu reisen – quer durch die Irrungen des Vietnam-Kriegs, um am Ende seiner Reise den abtrünnigen Colonel Walter E. Kutz (Marlon Brando) zu liquidieren.

Oben ohne ist erlaubt…

Ich kenne, wie schon erwähnt, nur die Redux-Fassung und auch wenn ich mich hier und da immer über die Länge von Filmen aufregen könnte, bei „Apocalypse Now“ hätte der Film auch noch länger sein können. Denn die Laufzeit passt so perfekt zu diesem Film, der uns ja auch auf diese Reise mit nimmt. Wir fangen in den Kriegswirren an und bewegen uns am Fluss entlang immer weiter in eine Welt, die irgendwie entrückt wirkt von der Wirklichkeit. Mehr und mehr dringen wir in den Wahnsinn namens Krieg ein, obwohl wir den ja schon gleich zu Beginn zu spüren bekommen.

Da wäre Willard selbst, der zugedröhnt in seinem Hotelzimmer entweder auf den Tod oder auf einen Auftrag (oder auf beides?) wartet. Der Heimkehrer, der zum Krieg zurückgekehrt ist, weil das Zuhause ihm nichts mehr bieten kann. Und dann haben wir da das andere Extrem in Lieutenant Kilgore, der mit Wagner-Musik und frischem Napalm am Morgen gegen seine Feinde vorgeht und somit auch irgendwie komplett in dem Irrsinn Krieg verschwunden ist. Man fragt sich bei diesen Charakteren irgendwie ständig, wie die wohl in der normalen Welt leben würden? Wahrscheinlich einfach gar nicht… oder sie würden werden wie Kurtz.

Denn das Mysterium Kurtz bekommen wir nur aus dem Off erklärt. Zahlreiche Dossiers, durch die Willard sich liest, versuchen zu ergründen, wann, wie und warum Kurtz verrückt wurde – doch bei der Reise müssen wir uns auch der Frage stellen, ob Kurtz in diesem Chaos wirklich der Böse ist? Die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen hier und das mag ich an diesem Film. Denn eigentlich gerät das Kriegstreiben in den Hintergrund, um Platz zu machen für das menschliche Treiben.

„Apocalypse Now“ fasziniert mich jedes Mal aufs Neue, wenn ich ihn sehe. Es ist ein Film, der seine Zeit voll auskostet, der in langen, ruhigen Einstellungen lieber im Nichts schöner Bilder verschwindet, statt Kriegsaction zu zeigen. Ich habe bei diesem Film immer so das Gefühl, Coppola hätte die Action nur gemacht, um als Kriegsfilm auch ernst genommen zu werden. Doch in Wirklichkeit ist das Ganze fast schon mehr wie Kubricks „2001“ – nur mit einer besseren Balance zwischen Bild-Ästhetik und Narration.

Der Geruch des Morgens…

Doch die Faszination „Apocalypse Now“ besteht ja nicht nur aus dem Film an sich, sondern auch immer wieder aus den Geschichten, die es rund um den Film und seine Produktion zu erzählen gibt. Ob es nun der Herzinfarkt von Martin Sheen ist, der ihn fast getötet hätte; ob es ein überfetteter und unvorbereiteter Marlon Brando ist, der fast alles improvisierte; ob es das Überziehen von Budget und Drehzeit ist – alles an der Entstehungsgeschichte von „Apocalypse Now“ ist fast genau so verrückt wie die Handlung des Films. Was im Endeffekt wahrscheinlich dem Film nur gut getan hat, denn so wird aus der Apokalypse des Regisseurs etwas, dass sich in den Film einbrennt. Etwas, das man in der Dokumentation „Hearts of Darkness“ sehr schön sehen kann und die ich nach dem Film selbst auch nur empfehlen kann.

Also komme ich mal zum Abschluss dieses Gefasels über einen grandiosen Film, dem meine Worte gar nicht gerecht werden. Coppolas „Apocalypse Now“ ist ein bildgewaltiges Epos, dass sich gekonnt den Fragen nach Gut und Böse, Menschlichkeit, Wahnsinn und dem Sinn hinter allem stellt. Coppola findet für all das die passenden Worte, die passenden Bilder und verpackt es – gekonnt untermal mit wirklich toller Musik („The End“ von The Doors am Anfang und am Ende ist Gänsehaut pur) – zu einem Gemälde von einem Film, der für mich zu den besten des Genres gehört.

Wertung: 10 von 10 Punkten (diese Reise durch den Wahnsinn hin zum Wahnsinn ist einfach nur Wahnsinn!!!)

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15 Kommentare leave one →
  1. 20. Juni 2016 07:37

    Ein Meisterwerk!

    (Habe letztes Jahr dann auch mal Das Herz der Finsternis gelesen, das Buch, das dem Film los zu Grunde liegt. Das ist mittlerweile über 100 Jahre alt, was man ihm nicht anmerkt. Aber der Film toppt das Buch nochmal deutlich)

    • donpozuelo permalink*
      20. Juni 2016 09:49

      Das Buch liegt bei mir auch noch rum, bin aber noch nicht dazu gekommen, es zu lesen. Werde ich aber auf jeden Fall mal tun…

  2. 20. Juni 2016 09:19

    Muss ich auch unbedingt einmal wieder schauen. Habe seit ein paar Jahren auch endlich die tolle Blu-ray-Box mit beiden Fassungen und der Doku im Regal stehen. Aber ich befürchte, dass ich aufgrund der Länge wohl einschlafen würde… 😉

    • donpozuelo permalink*
      20. Juni 2016 10:04

      Die Doku ist echt spannend. Habe ich mir davor auch noch einmal angeschaut… und ja, der Film ist lang. Dafür sollte man schon ausgeschlafen sein 😀 Für zwischendurch ist der nichts

  3. 20. Juni 2016 16:42

    Tja hier bin ich nur mit der Kinofassung richtig vertraut, auch wenn ich die Redux irgendwann mal gesehen hatte, aber ich mag das nachträgliche Einfügen von Szenen prinzipiell nicht. Daher ist mein Gefühl einer längeren Version gegenüber auch ein anderes, einfach weil ich es anders gewohnt bin.
    Ich liebe Brando, der alte Anarchist. Er konnte doch einfach jeden in den Wahnsinn treiben.

    • donpozuelo permalink*
      20. Juni 2016 22:01

      Ich mag die Reduxfassung. Zumal das ja eh alles gedreht und nur wegen der Länge nicht verwendet wurde. Und es passt…

      Was Brando angeht, ist der Typ wirklich krass…

  4. 24. Juni 2016 19:04

    Jawoll.

    Immer noch nicht gesehen habe ich leider „Hearts of Darkness“, der ja ähnlich sehenswert sein soll. Muss demnächst mal sein.

    • donpozuelo permalink*
      24. Juni 2016 22:23

      Die Doku ist wirklich sehr interessant… und voll auf einem Level mit dem Film 😀

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