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Warten auf den Zwölf-Uhr-Zug

1. Juni 2016

Es ist doch das schönste Gefühl überhaupt, wenn ein Film nicht das ist, was man erwartet hat – im positiven Sinn natürlich. „The Gift“ und „The Invitation“ waren vor kurzem noch so Filme, die mich überrascht haben, weil sie eben nicht das waren, was ich angenommen hatte. Aber auch bei Klassikern ertappe ich mich immer wieder freudig, wenn die doch anders sind als erwartet. Ich meine, man nehme nur mal „The Deer Hunter“ – ein großer Antikriegsfilm, der den Krieg kaum darstellt, sondern sich viel mehr um die Psyche seiner Darsteller kümmert – die erst voller Freude in den Krieg ziehen und später traumatisiert ohne Ende aus dem Krieg heimkehren. Jetzt durfte ich erneut bei einem Klassiker so einen Überraschungsmoment erleben.

Ich habe mir endlich mal „High Noon“ angeschaut, jenen Western-Klassiker, in dem Gary Cooper als Marshal Will Kane eigentlich den Ruhestand mit seiner frisch angetrauten Ehefrau Amy (Grace Kelly) verbringen will. Doch dann erfährt er, dass der Bandit Frank Miller (Ian MacDonald) nach fünf Jahren aus dem Gefängnis entlassen wurde und mit dem 12-Uhr-Zug in Kanes kleinem Städtchen ankommen wird, um sich zu rächen. Statt einfach davon zu rennen, entscheidet sich Kane zum Bleiben. Er will sich Miller stellen.

Zum Glück wartet er nicht auf die Deutsche Bahn…

Das erste Mal habe ich den Titel „High Noon“ im Zusammenhang mit „Nicht auflegen“ gehört – ihr erinnert euch vielleicht noch an den Film, der in Echtzeit Colin Farrell in eine Telefonzelle. Damals las ich immer mal wieder von diesem „High Noon“, der der angeblich erste Film sein sollte, der seine Geschichte in Echtzeit erzählt. Dazu soll der noch ein Western-Klassiker sein… zum Zeitpunkt von „Nicht auflegen!“ war ich aber noch nicht bereit für „High Noon“. Jetzt schon… und bekam gleich eine nette Überraschung.

Ich gestehe, ich hatte mehr „Action“ erwartet. Immerhin hieß es, „High Noon“ sei ein Western. Doch wenn man es ganz genau betrachtet, passt Western nicht so richtig. Ja, es spielt zur richtigen Zeit und die Settings passen auch alle, aber trotzdem ist „High Noon“ kein richtiger Western. Sondern vielmehr ein spannendes Psycho-Drama über Stolz und Feigheit. Denn statt viel Geballer rennt ein etwas verzweifelter Gary Cooper eigentlich die ganze Zeit nur durch die Stadt und versucht, Leute dazu zu bewegen, ihm gegen den kommenden Schurken beizustehen. Stattdessen hauen alle möglichen Menschen ab oder empfehlen Kane, selbst aus der Stadt zu verschwinden.

„High Noon“ baut allein dadurch eine gewisse Art von Spannung auf, dass man immer noch hofft, dass es vielleicht einen Menschen geben wird, der Kane zur Hilfe kommt. Doch die bleibt aus und so müssen wir mit ansehen, wie Kane selbst immer mehr an seiner Aufgabe zweifelt. Regisseur Fred Zinnemann zieht die psychologische Spannungsschraube immer weiter an: Mit jeder Szene rücken die Zeiger an den verschiedenen Uhren näher an die Zwölf und mit jeder Szene scheint Kane einsamer und einsamer zu werden. Dieser Kane, obwohl er uns zum Anfang als strahlender Held vorgestellt wird, ist nicht in der Lage, die Truppen aufzubringen, um gegen das Böse zu kämpfen. Was zur Hölle ist da los??? So läuft das doch sonst nicht in einem Western. Und allein das macht „High Noon“ noch interessanter als die bloße Tatsache, dass der Film in Echtzeit abläuft. Das ist ohne Frage auch ein wichtiger Bestandteil, aber das Charakterdrama, das sich dahinter verbirgt, ist um so vieles aufregender.

Gary Cooper spielt der immer verzweifelter werdenden Kane mit einer inneren Würde, die Kane gut zu Gesicht steht. Grace Kelly geht fast ein bisschen in der Nebenhandlung unter – oder so möchte man meinen. Erst zur Mitte des Films wird deutlich, dass auch ihre Entdeckungen über Kanes Vergangenheit von Bedeutung sind. Trotzdem ist die Kelly in „High Noon“ scheinbar noch ein bisschen unterfordert… aber „High Noon“ war auch erst ihr zweiter Film. Einen Alfred Hitchcock hatte sie da noch nicht gefunden 😉

„High Noon“ – der Western, der mehr Drama und Psycho-Spiel ist, ist ein spannender Film, ohne die Hektik oder die Action, die man vermuten würde. Ich war angenehm überrascht – so gefällt mir das!

Wertung: 9 von 10 Punkten (ticktack, ticktack, ticktack… gleich schlägt’s zwölf!!!)

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5 Kommentare leave one →
  1. 3. Juni 2016 11:13

    Eine meiner liebsten Western. Schön, das er auch dir gefällt. 🙂

    • donpozuelo permalink*
      3. Juni 2016 11:24

      Ja, wirklich ein cooler Film, der sich halt stellenweise gar nicht unbedingt wie ein Western anfühlt…

Trackbacks

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