Zum Inhalt springen

Schwarzer Phillip

18. Mai 2016

Ich könnte jetzt wieder Stunden lang darüber schreiben, wie das so mit den Erwartungen ist, die man an einige Filme so stellt. Bei bestimmten Filmen sind es sehr hohe Erwartungen, sei es, weil es ein Franchise ist, das man liebgewonnen hat oder sei es, weil man durch Trailer und andere „gemeine“ Werbemittel den Mund wässrig geredet bekommen hat und es kaum noch abwarten kann, ins Kino zu rennen. Und wie das manchmal so ist, darf man halt gerade den Erwartungen, die auf Trailern aufbauen, eigentlich nicht zu viel Aufmerksamkeit schenken. Ansonsten kommt es im Kino dann irgendwie ganz anders als man denkt. So ist es mir mit Robert Eggers „The Witch“ passiert – ein Film, auf den ich mich tierisch gefreut habe, den ich als heimliche Hoffnung für den gruseligsten Film des Jahres (für mich) schon fest für meinen Jahresrückblick eingeplant hatte. Aber irgendwie war „The Witch“ dann doch ganz anders… aber bedeutet anders jetzt gleich schlecht?

Wir befinden uns im 17. Jahrhundert und der Puritaner William (Ralph Ineson) wird mit seiner Familie aus der kleinen Gemeinde in Neuengland verwiesen. Auf sich gestellt, fängt er auf einer Lichtung vor einem dunklen, dunklen Wald ein neues Leben an. Nach ein paar Monaten – die kleine Farm steht – bekommt die Familie Zuwachs: Kind Nummer Fünf, der kleine Samuel, wird geboren. Doch das Glück der Familie währt nicht lange, denn eines Tages, als die älteste Tochter, Thomasin (Anya Taylor-Joy) auf das Baby aufpassen soll, verschwindet es. Irgendjemand oder irgendetwas hat das Kind entführt…. und die Kinder scheinen sofort zu wissen, wer es war: die Hexe im Wald.

Sie sucht tapfer die Hexe…

Ich weiß gar nicht so genau, was ich wirklich erwartet habe. Ich habe jetzt bei weitem keinen vor Blut triefenden Horror-Film erwartet, aber schon etwas, dass mich so richtig das Gruseln lehrt, bei dem ich extrem angespannt im Kino hocke und schon ein bisschen mit dem Schwitzen anfange. Halt ein bisschen so wie einst bei „The Babadook“. Aber „The Witch“ ist genau das nicht. „The Witch“ ist kein „Horror-Film“ voller Effekthascherei und Jump Scares und viel Blut und Gedärmen, kreischenden Hexen, die am besten noch alles zerfleddern, was ihnen in den Weg kommt. Regisseur Eggers schlägt einen vollkommen anderen Weg ein und macht aus „The Witch“ dann wohl eher das, was man psychologischen Horror nennt. Der zusätzlich dazu auch noch ein bisschen Geduld und Einfühlungsvermögen von seinem Zuschauer verlangt.

Das braucht man vor allem, um sich diese Welt und das Denken von Williams Familie vor Augen zu führen. Da wird schon den Kindern eingeredet, dass sie alles schlimme Sünder sind, die sich am besten von allem lossagen sollten, um nicht in Versuchung zu geraten. Und trotzdem starrt Bruder Caleb seiner Schwester Thomasin hier und da mal vorsichtig in den Ausschnitt. Doch kaum hat er das getan, lastet sofort der Sündergedanken auf ihm. Das allein muss schon ein extremer Druck gewesen sein, all diese Gefühle, die Gedanken allein, für sich zu behalten. Und jeder in dieser Familie scheint in irgendeiner Weise mit sündigen Gedanken zu kämpfen. Da werden selbst die kleinsten Geheimnisse zur Belastungsprobe und der vermeintliche Rückzugsort Familie zum Pulverfass, das jeden Augenblick explodieren könnte.

Und in diese angespannte Situation kommt jetzt das Gerede von der Hexe. Der Alptraum beginnt… mit Anschuldigungen, Vorwürfen, Vermutungen. Was „The Witch“ uns damit auf subtile und sehr, sehr schleichende Art zeigen will, ist wie diese Familie in Beschuldigungen und Zweifeln zerfällt und zerstört wird. Da reicht dann schon das Konzept „Hexe im Wald“ aus, um die Gemüter gegeneinander aufzubringen.

Was dem Film echt gut gelingt… bis halt auf die Tatsache, dass man wirklich Geduld mitbringen muss, weil eben auf große Effekte oder sonstiges verzichtet wird. Gerade mal zum Ende hin wird „The Witch“ ein bisschen „krasser“, ansonsten ist das Ganze eher von langsamer Art. Zweifel verbreiten sich halt eher langsam, der ganze Film ist wie in Trance zu betrachten. Die Bilder erinnern an karge, farblose und melancholische Gemälde über die Gründerzeit, die Musik erinnert in ihrer unheimlichen Atonalität an das grausame Gekreische aus Kubricks „2001“, wenn der Monolith zum Vorschein kommt – der gesamte Film strahlt etwas innerlich Unruhiges aus, das man nie so richtig fassen kann, das einen verstört. Dazu noch die etwas stelzigen Dialoge (die angeblich alle auf wahren Niederschriften beruhen) und man fühlt sich halt wirklich, wie in einer anderen Welt gefangen. Eine Welt, an die man sich erst gewöhnen muss… die dann aber doch einen gewissen „Zauber“ hinterlässt und einen stark ins Grübeln bringt, was denn nun davon wirklich wahr gewesen ist und wieviel letztendlich die Angst vor dem Zorn Gottes, die Vorstellungskraft kindlicher Fantasien, etc.

Die Darsteller, allen voran die junge Anya Taylor-Joy, passen perfekt in diese stocksteifen Rollen, verleihen dem Ganzen dann aber auch wieder diese gewisse Note der Unnatürlichkeit. Irgendwie möchte man das Verhalten dieser Menschen gar nicht wirklich glauben, die vielmehr von ihrer Angst vor ihren Sünden eingenommen werden, anstatt sich wie echte Menschen zu verhalten, sich wie eine Familie zu verhalten.

„The Witch“ ist ein sonderbares, melancholisches Bild von einer Welt, die so fremd wirkt, dass sie allein schon unheimlich ist. Da reicht dann schon der Gedanke an eine schlimmere Macht aus, die dieses merkwürdige Konstrukt zerstören könnte – und das zu jeder Zeit. Ein merkwürdiger Film, der aber noch lange nachwirkt.

Wertung: 7 von 10 Punkten (die Hexe ist zwar immer da, doch nie da… uhhhh, spooky!!!)

3 Kommentare leave one →
  1. 18. Mai 2016 08:21

    Zwar hatte ich mich auch auf diesen Film gefreut, aber meine Erwartungen gingen in Richtung Drama. Ich hatte die Kritik einer Freundin, die ihn bereits in den USA gesehen hatte völlig falsch interpretiert und dachte nicht wirklich an einen Hexenfilm, entsprechend verwirrt war ich als es dann doch einer war. Aber der eigentliche Horror ist natürlich dieser kalvinistische Lebensstil. Nichtsdestotrotz ein Film, der mir auch noch total im Gedächtnis ist und auch bleiben wird mit ganz starken Bildern. 🙂

    • donpozuelo permalink*
      18. Mai 2016 09:20

      Wie gesagt, ich kannte eigentlich nur den Trailer und der geht ja schon mehr in Richtung Grusel / Horror… aber ja, wenn man sich dennoch drauf einlässt, ist es wirklich ein krasser Film… auf jeden Fall auch mal was anderes.

Trackbacks

  1. Das Biest kommt! | Going To The Movies

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: