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Guten Morgen, Lampe!

16. März 2016

Ich bin bei Literaturverfilmungen immer dafür, dass der Autor des Romans, der Kurzgeschichte, des Was-auch-immer selbst das Drehbuch zum Film schreibt. Ich glaube, das ist gut für den Autor, weil er sich weiterhin involviert fühlt und das ist gut für den Film, weil der „Spirit“ des Buches wohl von niemandem besser eingefangen werden kann, als von der Person, die es geschrieben hat. Wer schon einmal viel Herzblut in etwas investiert, wird später damit würdevoller umgehen als ein Fremder. Man nehme nur mal Markus Zusaks „Die Bücherdiebin“. Das war kein guter (auch kein schlechter) Film, Zusak selbst war auch nicht involviert. Und nehmen wir dagegen das letzte große Beispiel mit „Gone Girl“. Hier durfte Gillian Flynn ihr eigenes Buch adaptieren und hat es in meinen Augen geschafft, dass Drehbuch sogar noch besser zu machen als ihr eigenes Werk. Zum Glück hat auch die Autorin Emma Donoghue das Drehbuch zu ihrem Roman „Raum“ geschrieben…

Darin erzählt sie uns die Geschichte des Jungen Jack (Jacob Trembley), der mit seiner Ma (Brie Larson) in einem winzigen Raum haust… und dort bereits seinen fünften Geburtstag feiert. Jack kennt nichts anderes außer diesem Raum. Die Welt außerhalb des winzigen Oberlichts in dem kleinen Raum hat er nie erlebt… dort ist das All, dort leben Aliens (nach denen er und Ma dann und wann mal schreien, auch wenn die Aliens die beiden nie hören). Einzig und allein die Welt in Raum ist für Jack real… alles andere ist Fantasie: Die Menschen im Fernsehen, die Orte, die Tiere – einfach alles. Doch irgendwann erzählt Ma Jack, dass das nicht stimmt, dass ihr richtiger Name Joy ist und dass sie vor sieben Jahren von einem Mann, den sie nur Old Nick (Sean Bridgers) nennt, entführt wurde… und dass jetzt die Zeit gekommen ist, dass sie ausbrechen müssen.

Zu ernst, um Witze über die Eierschlange zu machen…

Ich hatte Donoghues Buch schon vor einiger Zeit gelesen und habe mich, nachdem ich von dem Film erfuhr, immer gefragt, wie Regisseur Lenny Abrahamson das wohl hinbekommen möchte: Denn der Roman erzählt die Geschichte ganz aus der Perspektive von Jack und da dauert es eine ganze Weile, bis man wirklich erkennt, dass mit diesem kleinen Raum und Jacks kleiner, heiler Welt etwas nicht stimmt. Doch ich bin jetzt, nachdem ich „Raum“ gesehen habe, sehr froh, verkünden zu können, dass Abrahamson es wirklich geschafft hat. Er behält immer die Sichtweise des Jungen bei – egal, was passiert. Und das tut „Raum“ sehr, sehr gut… denn es gibt viele Momente in diesem Film, wo man aus dieser „kindlichen“ Sichtweise hätte ausbrechen können – um den Zuschauer mit krasseren Bildern zu schocken. Aber Abrahamson behütet uns soweit es geht vor solchen Dingen… und steckt uns beispielsweise mit Jack in einen Schrank, wenn seine Ma besucht von Old Nick bekommt.

Denn wenn „Raum“ eines nicht will, dann ist es, den Zuschauer mit billigen und unschönen Effekten zu erhaschen. Vielmehr erzählt Abrahamson auf äußerst behutsame Weise von dieser ungleichen Symbiose zwischen Mutter und Sohn. Beide sind sie gefangen und für jeden von ihnen ist der andere ein Anker in diesem merkwürdigen Leben, das sie leben. Und dabei behält „Raum“ immer die kindlich-naive Sichtweise von Jack bei… und so starren wir selbst wie fasziniert auf all das, was die neue Welt zu erleben hat, als würden wir es zum ersten Mal in unserem Leben sehen.

So viel darf man vielleicht an dieser Stelle nämlich verraten: Wir begeben uns auch in die Welt außerhalb von Raum (etwas, dass der Trailer ja schon verrät)… und zwar genau zum richtigen Zeitpunkt. Denn die Enge von Raum erdrückt uns nach einer Weile, man hat selbst das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen und möchte einfach nur raus. Man möchte mit Ma und Jack schreien und schreien, bis die Aliens sie endlich doch hören. Und wenn man diesem Raum entkommt (gemeinsam mit Jack), dann ist das ein erster großer Befreiungsschlag, ein filmisches Aufatmen, eine Erleichterung… die in der Ernüchterung endet, dass Ma und Jack einfach nur in einen neuen, etwas größeren Raum kommen, weil vor allem Ma nicht mit der Welt klarkommt. Auch hier beweist der Film großes Feingefühl und beleuchtet gekonnt, wie schwer die Freiheit auf den beiden liegt, wie schwer es ist, die Fesseln von Raum abzustreifen und sich selbst zu finden.

„Raum“ ist ein unglaublich unfassbarer Film (bei dem man unweigerlich an die Namen Kampusch und Fritzl denken muss). Es ist bedrückender Film, der jedoch das Kunststück vollbringt, uns am Ende nicht total erschlagen gehen zu lassen. Es ist ein packender Film, der einen nicht eine Minute in Ruhe lässt… und das liegt zum größten Teil an einer umwerfend guten Brie Larson, die hier wirklich zu Recht mit dem Oscar ausgezeichnet wurde (sagt der Mann, der kaum die restlichen Nominierten in Aktion erlebt hat, aber gut). Aber so vielschichtig und ergreifend Larson auch spielt, ohne die Hilfe des jungen Jacob Tremblay wäre all das nicht möglich gewesen. Tremblay spielt den jungen Jack unglaublich gut, so gut, dass es fast zu schade ist, dass er nicht selbst für einen Oscar nominiert wurde (aber gut, dann hätte Leo vielleicht noch verloren und wäre durchgedreht). Tremblay und Larson liefern ein umwerfendes Mutter-Sohn-Gespann, die sich mal zoffen, mal lieben, aber immer für einander da sind.

Lenny Abrahamson hat nach dem etwas optimistischeren „Frank“ ein neues, kleines Meisterwerk abgeliefert. „Raum“ ist ein bewegendes Drama mit zwei großartigen Darstellern…

Wertung: 10 von 10 Punkten (harter Stoff behutsam und präzise umgesetzt)

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4 Kommentare leave one →
  1. 16. März 2016 22:19

    War da nicht ne Filmstarts Preview? Ich gewinne da grundsätzlich nicht mehr :))
    Aber ich werde den Film auf jeden Fall ansehen. Ich mag Brie so gerne.

    • donpozuelo permalink*
      17. März 2016 09:57

      Du kennst doch jemanden, der bei denen arbeitet. Kannste dem nicht beim nächsten einfach Bescheid sagen? 😉 😉

      Und ja, Brie Larson ist toll!!!

  2. 4. Juli 2016 11:11

    Leider lief der Film nicht in jedem deutschen Kino. Ich musste also auf den DVD-Start warten. Auf der anderen Seite lohnt sich das Warten hier wirklich, denn trotz kleinerer Längen ist der Film wirklich nahezu perfekt. Ich musste an Peter Jacksons THE LOVELY BONES (IN MEINEM HIMMEL) denken, der hatte auch diese postive Grundstimmung trotz einem fürchterlichen Verbrechen. Brie Larson und Jacob Trembley sind einfach ein starkes Team.

    Hier ein bißchen Schleichwerbung: https://filmkompass.wordpress.com/2016/05/25/room-omu-2015/

    • donpozuelo permalink*
      4. Juli 2016 11:53

      „The Lovely Bones“ mochte ich nicht. Da hatte ich die ganze Zeit irgendwie andere Erwartungen an den Film, dass das Mädchen aus dem Jenseits mehr Einfluss auf die Geschichte hat… irgendwie sowas. Ein netter Film, aber hat mich am Ende nicht so umgehauen. Da war „ROOM“ schon ganz anders… der war echt krass. Und das Buch ist auch sehr zu empfehlen.

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