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Für die Wahrheit

24. Februar 2016

Ich finde es immer skurril, wenn man in Filmen Leuten bei der Recherche zuschaut. Noch skurriler ist es dann, wenn sie das nicht mal eben vor ihrem Computer machen und sich einfach angestrengt durch tausende von Seiten klicken, sondern tatsächlich so richtig Recherche betreiben müssen. In Bibliotheken gehen, Archive durchforsten und so was. Da habe ich dann immer so das Gefühl, als wäre sowas aus einer längst vergessenen Zeit. Diesen Gedanken finde ich witzig, zu einem gewissen Teil aber auch immer ein bisschen unheimlich. Mittlerweile verlässt man sich so auf das, was man im Netz lesen kann – existieren Bibliotheken überhaupt noch??? 😉

2001 gab es sie zumindest noch, denn da verbarrikadiert sich das Spotlight-Team des Boston Globes unter anderem auch sehr häufig in Bibliotheken. Spotlight ist das investigative Team, das sich auf Langzeit-Recherchen spezialisiert hat. Als der Journalist Matry Baron (Liev Schreiber) neuer Chefredakteur des Globes wird, setzt er das Spotlight-Team unter der Leitung von Walter Robinson (Michael Keaton) auf ein extrem heikles Thema an: sexueller Missbrauch an Kindern durch Mitglieder der katholischen Kirche in Boston. Was Robinson und sein Team (Mark Ruffalo, Rachel McAdams und Co.) dann jedoch enthüllen, ist noch viel erschreckender…

Filme, die auf solchen wahren Begebenheiten beruhen, hinterlassen immer einen extrem Kloß im Hals und „Spotlight“ von Tom McCarthy bildet da keine Ausnahme. Das Thema Kindesmissbrauch an sich ist ja schon mehr als nur harter Toback, der nur schwer zu verdauen ist. Doch was da dann noch über die Kirchenväter Bostons zutage geführt wird, ist noch viel krasser. Das Traurige an der ganzen Geschichte ist, dass sie halt wirklich wahr ist – und das es leider kein Einzelfall ist, wie uns die letzten Jahr selbst in unserer Heimat gezeigt haben. Dabei muss man es McCarthy und seinem „Spotlight“ zugute halten, dass sie die Story jetzt nicht noch einmal extra aufblasen. Wozu auch? Allein das, was wir in diesem Film zu hören bekommen, ist schon mehr als genug. Die Geschichte spricht halt für sich und jagt uns mit jeder Minute, mit der wir mehr von der schrecklichen Wahrheit erfahren, heftigere Schauer über den Rücken.

„Spotlight“ ist, wie schon erwähnt, ein Film, der ohne krasse Bilder auskommt (von denen hat man eh schon genug im Kopf). Der Film schwingt sich dabei aber auch nicht auf, die Journalisten als die absoluten Großhelden darzustellen. Natürlich sind sie es, die die Wahrheit ans Licht bringen und die Kirche auf den Pranger stellen. Gleichzeitig verpasst es der Film aber auch nicht, die Journalisten ebenfalls „vor Gericht zu stellen“. Denn wie wir erfahren müssen, hatte schon lange vorher jemand einen Hinweis zu den Geschehnissen gehabt, ohne zu reagieren. Das wird zwar nur so nebenbei dann und wann mal erwähnt, macht aber auch deutlich, dass wir es halt nicht nur mit strahlenden Helden zu tun haben. Immerhin haben sie es irgendwann mal als nicht so wichtig abgestuft – und wer kann schon vorher sagen, was jetzt wirklich wichtig ist und was nicht, bevor man sich nicht einmal damit beschäftigt hat.

„Spotlight“ ist von der Geschichte her also wirklich ein harter Brocken, ein Film, der noch lange nachwirkt. Aber, und das muss ich jetzt auch eingestehen, es ist kein Film, der mich als Film beeindruckt hat. Die Story reicht McCarthy hier halt aus, die wird (und muss) ja auch nicht noch sonderlich ausgeschmückt werden. Nur letztendlich fand ich es dann halt rein vom Film her betrachtet, eher unspektakulär umgesetzt. Der Film besteht halt auch nur aus Interviews, Redaktionssitzungen, Besuchen in Archiven und der Bibliothek, Gesprächen und noch mehr Konferenzen. So baut sich sehr, sehr langsam und schleppend das Geschehen auf. Da das aber, wie gesagt, immer schlimmer wird, könnte man sich mit der extrem ruhigen Erzählweise schon fast anfreunden – so als eine Art Ruhepause für das immer schlimmer werdende Kopfkino. Aber wie gesagt, ich fand es ein bisschen sehr lang und langwierig.

Dazu kommt zwar ein umwerfender Cast mit großen Namen wie Michael Keaton (von dem ich es echt cool finde, dass er nach „Birdman“ jetzt vielleicht wieder öfter zu sehen ist), Mark Ruffalo (von dem ich jetzt immer noch nicht so recht weiß, warum man ihn für einen Oscar nominiert hat), Rachel McAdams (siehe Mark Ruffalo), Stanley Tucci, Liev Schreiber und Co. Sie waren alle gut, aber so richtig krass umgehauen hat mich auch niemand.

Somit lässt mich „Spotlight“ ein wenig zwiegespalten zurück: ich fand den Film gut und auch die Tatsache, dass man diese Geschichte erzählt. Aber wie man die Geschichte erzählt, war echt schleppend. Trotzdem finde ich, dass es ein wichtiger Film ist, der deutlich macht, wie wichtig es ist, immer noch freie Institutionen zu haben, die es sich trauen, gegen etwas viel Größeres als sie selbst (in diesem Fall Zeitung gegen Kirche) vorzugehen. Dass das Ganze jetzt natürlich nicht in atemberaubendem Tempo erzählt werden kann, ist mir klar. Trotzdem zieht sich der Film halt ein bisschen. Die Botschaft bleibt aber trotzdem die Gleiche.

Ich bin gespannt, wie der Film bei den Oscars abschneiden wird. Mein Favorit (nach allen Filmen, die ich bisher gesehen habe) bleibt im Moment „The Big Short“. Schauen wir mal, was nächsten Sonntag passieren wird.

Wertung: 7 von 10 Punkten (schnörkellose, ehrliche Schilderung erschreckender Ereignisse auf etwas schleppende Art und Weise)

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