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Schandmaul in Rot

10. Februar 2016

Als 2009 „X-Men Origins: Wolverine“ in die Kinos kam, waren wohl die meisten Comic-Fans schwer geschockt. Nicht nur weil der Film an sich einfach Mist war, sondern weil die Macher eine der kultigsten Comic-Figuren überhaupt nicht verstanden hatten… und dabei so dermaßen verhunzten, dass das Ganze wirklich körperlich weh tat. Denn das Team um Regisseur Gavin Hood entschied sich dazu, den „Merc with a Mouth“ einfach mal zum „Merc without a Mouth“ werden zu lassen. Und so wurde uns ein Deadpool präsentiert, wie wir ihn noch nie gesehen haben und nie wieder sehen wollen: Statt cooler Sprüche im roten Anzug war dieser Deadpool ein komischer Super-Mutant, der Laseraugen hatte und seine Arme zu Schwertern werden lassen konnte, aber der halt auch einen zugenähten Mund hatte. Das zog damals den Unmut (ich drücke es mal vorsichtig aus) der Fans auf sich und war einfach nur ein weiterer Grund, warum der erste „Wolverine“ auch einfach nicht zu genießen ist (zumal der Gedanke einen Film zu haben, in dem Deadpool gegen Wolverine antritt, schon echt verlockend ist).

Der Gedanke, dass es jemals einen vernünftigen „Deadpool“-Film geben würde, schien seitdem eher unwahrscheinlich… aber wie heißt es so schön? „Sag niemals nie!“ Und so wagte es ausgerechnet Ryan Reynolds, „Deadpool“ noch einmal auf die Leinwand zu bringen. Natürlich gekonnt mit markigen Sprüchen wie „Der letzte Deadpool war wirklich eine Katastrophe!“ und „Jetzt wird alles richtig gemacht, die Fans werden es lieben“. Nun denn… schauen wir mal, ob Fans den neuen „Deadpool“ wirklich lieben werden.

Im neuen „Deadpool“-Film geht es noch einmal von vorne los. Wir erfahren, wie der Söldner Wade Wilson (Ryan Reynolds) zu „Deadpool“ wird. Und das Ganze fängt mit einer Liebesgeschichte an: Denn Wilson verliebt sich in die Stripperin Vanessa (Morena Baccarin), doch das große Glück der beiden wird zerstört, als bei Wade Krebs diagnostiziert wird. Auf der Suche nach einer Heilung lässt sich Wade auf ein waghalsiges Experiment ein: Er wendet sich an den zwielichtigen Ajax (Ed Skrein), der Wilsons Mutantengene „erweckt“ – extreme Heilungskräfte, die Wade nahezu unsterblich machen. Blödes Nebenprodukt von Ajaxs Effekten: Wilsons komplette Haut ist komplett verbrannt und verunstaltet… weswegen Wilson nun einen gewissen Hass auf Ajax hat und ihn verfolgt, in der Hoffnung, der könnte ihn wieder normal werden lassen, damit er zu Vanessa zurückkehren kann.

So muss er sein und nicht anders…

So… man kann es eigentlich gleich von Anfang an sagen: Die Story zu „Deadpool“ ist wirklich nicht das Beste an diesem Film. Es ist halt die typische, unspektakuläre Origin-Story, die sich wahrscheinlich jeder Fünf-Jährige hätte ausdenken können. Gut, man hätte natürlich irgendwie damit rechnen können, dass die Story des Films nicht sonderlich ausgereift sein würde, aber ich hatte trotzdem ein kleines bisschen die Hoffnung, dass Regisseur Tim Miller daraus mehr machen würde. Immerhin würzt er das Ganze ein bisschen damit, dass er nicht wirklich am Anfang beginnt. Stattdessen startet er mit ordentlich Action und streut die eigentliche Origin-Story in Rückblenden in den Film. Allerdings sorgt das auch hier und da dafür, dass die unterschiedlichen Tempi der Story sich nicht gut miteinander vertragen: da geht’s dann von knallharter Action zur Liebesgeschichte, von knallharter Action zum üblichen Schurken-Gelaber… so hat „Deadpool“ rein story-technisch gesehen zahlreiche Höhen und Tiefen…

… und anfangs leider auch das Problem, dass man das Gefühl hat, eigentlich alles schon zu kennen. Denn die Szene, die wir aus den Trailern kennen, die Szene, in der Deadpool mehrere Typen auf einer Autobahn eliminiert, sehen wir gleich noch einmal… und kennen sie halt schon bis vielleicht auf den ein oder anderen Zusatz. Wer also die Trailer noch nicht gesehen hat, hat gleich viel mehr Spaß. So hatte ich eine Zeitlang echt immer Angst, ich hätte schon alles von „Deadpool“ gesehen, ohne den Film eigentlich gesehen zu haben.

Zum Glück ist aber irgendwann auch diese Sequenz vorbei und Tim Miller hat dann noch einiges mehr zu bieten. Und anders als alle anderen Marvel-Superhelden-Filme hat „Deadpool“ sein R-Rating wirklich verdient. Denn der „Merc with a Mouth“ hat halt wirklich ein dreckiges Mundwerk und noch dreckigere Methoden, seine Gegner zu killen. Die Action rockt, sie ist rasant und eben extrem gewalttätig… ohne sich allerdings im Blut zu baden. „Deadpool“ macht jetzt das R-Rating nicht zum Selbstzweck und liefert Splatter am laufenden Bahn. Es ist halt einfach nur sehr explizite Gewalt, die aber halt zu „Deadpool“ passt und natürlich durch den Humor immer wieder ein bisschen erträglicher gemacht wird.

Der Hauptgewinn bei „Deadpool“ ist aber tatsächlich „Deadpool“ selbst. Dieser Film ist wirklich ein Film für die Fans, weil er die Figur Deadpool wirklich verstanden hat und ziemlich cool fürs Kino in Szene setzt. Ryan Reynolds hat sichtlich Spaß daran, ein zynisch-sarkastisches Arschloch zu sein, das man aber trotzdem einfach nur cool findet. Die Sprüche sitzen zu jedem Zeitpunkt… und das, was Deadpool in den Comics so auszeichnet, sitzt im Film auch: Das Durchbrechen der vierten Wand. Da dreht Deadpool mal die Kamera beiseite, weil „ihr das jetzt nicht sehen wollt“. Aber auch das kostet Tim Miller jetzt nicht bis zum Erbrechen aus, sondern verabreicht uns diese „Fourth-Wall-Breaks“ in voll dosierten Dosen. Dazu gibt’s dann immer noch herrliche Seitenhiebe auf alles, was es eben so gibt – selbst Ryan Reynolds und der komische Deadpool werden schön auf den Arm genommen.

Was man dem Film aber leider auch anmerkt, ist eben die Tatsache, dass man sich hauptsächlich bemüht hat, „Deadpool“ an sich richtig hinzubekommen. Das ist grandios gelungen, nur kommen dadurch alle anderen Charaktere viiiiiiel zu kurz. Ed Skrein ist halt der typische britische Bösewicht, Power-Frau Gina Carano darf als Schergin ein bisschen böse dreinschauen und leider ist auch „love interest“ Morena Baccarin einfach nur ein optischer Leckerbissen. Die zwei X-Men, die sich „Deadpool“ an die Seite stellen, hätte man sich leider auch sparen können.

Somit ist „Deadpool“ jetzt also nicht der Überfilm. Es ist nicht einmal ein wirklich besonderer Film, es ist eigentlich sogar ein sehr durchschnittlicher Film. Der aber dank eines großartigen Ryan Reynolds absolut unterhaltsam ist. Denn Reynolds hat „Deadpool“ verstanden, das merkt man und daran hat man dann auch seinen Spaß!

Wertung: 7 von 10 Punkten (typische Origin-Story, untypischer Held)

P.S.: Wartet unbedingt den Abspann ab, denn es gibt eine Post-Credit-Scene wie es sie nur bei einem Charakter wie „Deadpool“ geben kann

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15 Kommentare leave one →
  1. 11. Februar 2016 20:05

    Schöner Artikel! 🙂 hab mal n Abo dagelassen. Ich war ehrlich gesagt nicht gerade begeistert von Deadpool, aber naja 😀

    • donpozuelo permalink*
      11. Februar 2016 23:04

      Danke… für beides 😉 Was hat dir denn nicht gefallen? Ich fand ihn sehr unterhaltsam…

      • 11. Februar 2016 23:12

        Ja war schon unterhaltsam, aber irgendwie waren mir die Witze zu teilweise zu platt. Ich bin da etwas eigen 😀

        • donpozuelo permalink*
          11. Februar 2016 23:59

          Haha… ja, platt waren sie teilweise schon, aber es hat für mich einfach gut zu Deadpool gepasst. Platte Witze gibt’s ja in den Comics auch zuhauf…

  2. 12. Februar 2016 01:20

    Ich hatte auch viel überlegt, was ich wie schreiben würde, wie ich den Film bewerten würde,… letztendlich aber überzeugte mich die Tatsache, dass man uns einen Film gewordenen Comic vorgesetzt hat. DEADPOOL WURDE VERSTANDEN. Wie großartig ist das denn? Ryan ist genau der richtige Mann dafür. Ein paar deiner Punkte kann ich absolut nachvollziehen, aber mein Fanherz war dann doch größer.

    Das mit dem Trailer ist wohl wahr. Da war ich auch leicht enttäuscht, dass „nichts anderes“ zu sehen war. Andererseits sind die Filmemacher nicht zwangsweise daran schuld, was im Trailer gezeigt wird.

    Über die gute(?) Gina wollte ich eigentlich auch noch schreiben – und zwar mindestens genauso bemitleidenswert. Aber dann kam da diese eine Szene.. du weißt schon welche. Das machte sie für mich binnen Sekunden äußerst sympathisch, allerdings nicht aus einem Grund, den du vielleicht denkst. Sie nimmt sich einfach ebenso selbst ein wenig auf die Schippe, muss auch selbst darüber lachen. Wunderbar.

    • donpozuelo permalink*
      12. Februar 2016 08:58

      Jupp, Deadpool haben sie dieses Mal wirklich verstanden… und deswegen macht der Film auch echt Spaß. Es ist wirklich Comic zu Film…

      Ja, das mit dem Trailer stimmt und letztendlich haben sie ja auch das, was wir kannten, ganz gut erweitert.

      Und ja, ich verstehe, welche Gina-Szene du meinst, das hat sie wirklich sehr sympathisch werden lassen. Ich hätte mir bei ihr einfach nur gewünscht, dass sie ein bisschen mehr aus ihrer Rolle machen.

  3. 15. Februar 2016 19:17

    Jaaaa Zustimmung in allen Punkten. Ich höre überall sehr viel Lob, bin damit aber nicht so ganz einverstanden. Zwar haben sie einen richtig guten (und dieses Mal auch ‚originalgetreuen‘) Deadpool vorgelegt, aber die Geschichte war schon ziemlich mau. Meine Review kommt morgen raus, aber eine Sache ist mir nicht aufgefallen: wie wahnsinnig viel der Trailer vorweg nimmt. Immerhin strotzt der Film vor Gags, das lässt es einen vergessen, dass man große Teile der Handlung schon in Ansätzen im Trailer gesehen hat.

    Woah … das tat damals bei Wolverine echt extrem weh Deadpool gegen Ende zu sehen. Das war ein bisschen wie ein Unfall. Kann mich noch erinnern, dass ich da im Kino saß und nur dachte „Eeeeh? Warte mal … nee oder?? Passiert das gerade wirklich???“ Und dabei kannte ich Deadpool da nur aus dem Internet von sporadischen Panels und wenigen Seiten.

    • donpozuelo permalink*
      16. Februar 2016 09:08

      😀 Ja, der letzte Deadpool war ein Schlag ins Gesicht, da ist der jetzt wie ein sanftes Streicheln mit einer zarten Feder 😀

      Die Story war wirklich nicht umwerfend, aber es war immerhin ein Start und es hat dafür gut funktioniert. Letztendlich sollte damit ja wahrscheinlich auch nur bewiesen werden, dass man Deadpool, den Charakter, auch gut auf die Leinwand bringen kann. Wenn jetzt, nach gut 260 Millionen Dollar Einnahmen am ersten Wochenende, der zweite Teil kommt, haben sie hoffentlich ein bisschen mehr zu bieten. Und wir wissen ja schon, das Cable kommen wird. Das wird sicherlich auch ziemlich gut. Ich bin auf jeden Fall gespannt.

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