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Ultra Panavision Cowboys

1. Februar 2016

Wenn Quentin Tarantino darauf angesprochen wird, warum er mit „The Hateful Eight“ nach „Django Unchained“ schon wieder einen Western gedreht hat, dann sagt er, dass er unbedingt als Western-Regisseur gelten möchte. Um sich als Western-Regisseur bezeichnen zu können, muss er nach seiner Auffassung mindestens drei Western gedreht haben. Damit blüht uns dann nach „The Hateful Eight“ noch mindestens ein weiterer Western (dann sind es nämlich drei)… und wenn er wirklich mit zehn Filmen in seiner Filmografie als Regisseur in Film-Rente gehen will, kann danach nur ein weiterer Film kommen (und ich hoffe, dass das dann mal kein Western wird, sondern was ganz anderes). Aber noch ist es nicht soweit, weswegen wir uns dann jetzt erst einmal mit Tarantinos achtem Film auseinander setzen wollen: „The Hateful Eight“.

Darin sucht John „The Hangman“ Ruth (Kurt Russell) mit seiner Gefangenen Daisy Domergue (Jennifer Jason Leigh) und seinen beiden Mitreisenden, dem Kopfgeldjäger Major Marquis Warren (Samuel L. Jackson) und dem neuen Sheriff von Red Rock Chris Mannix (Walton Goggins), Schutz vor einem Blizzard in „Minnie’s Haberdashery“. Dort sind sie allerdings nicht allein, warten da doch auch schon der Henker Oswaldo Mobray (Tim Roth), der Cowboy Joe Gage (Michael Madsen) und der alte General Sandy Smithers (Bruce Dern) unter der Obhut des Mexikaners Bob (Demián Bichir) auf das Vorbeiziehen des Sturms. Doch Ruth verdächtig mindestens einen von ihnen, mit seiner Gefangenen Daisy unter einer Decke zu stecken… und somit möge die Paranoia langsam, aber sicher um sich greifen.

Sie ist gegen eine Tür gelaufen, sagen Sie?

Ein Freund sah den Film schon lange vor mir und fing mir danach dann irgendwas von John Carpenters „The Thing“ zu erzählen und ich sah ihn nur verwundert an. Ich meine, es ist ja klar, dass sich Tarantino immer gern an alten Klassikern bedient und sie zu etwas ummodelliert, was einfach nur Tarantino ist. Aber warum er ausgerechnet für einen Western an Carpenters „The Thing“ denken würde, erschien mir etwas merkwürdig – abgesehen vielleicht von der Tatsache, dass Kurt Russell mitspielt. Hat man „The Hateful Eight“ jedoch erst einmal gesehen, macht das Ganze durchaus Sinn: eine Gruppe von Menschen findet sich in eiskalter Isolation wieder und weil keiner dem anderen wirklich trauen kann, wird bald jeder wegen irgendetwas verdächtigt. Abgesehen von dem tatsächlichen Ding, dass die Männer bei Carpenter nach und nach dezimiert, trifft das halt auch auf „The Hateful Eight“ zu.

Und macht eigentlich auch gleich deutlich, dass Tarantinos achter Film einmal mehr nicht unbedingt die Art von Western ist, die man erwartet, wenn man „Western“ hört. Die Äußerlichkeiten stimmen natürlich alle – alles sieht ordentlich aus, wie es sein soll: Cowboy-Hüte, Sporen an den Stiefeln, lange Mäntel und Pistolengürtel. Aber das war ja schon bei „Django Unchained“ der Fall und das war ja letztendlich mehr Action-Rache-Film als Western. Tarantino nutzt halt einfach die zeitliche Ebene aus, um eine universelle Geschichte zu erzählen. Was im Fall von „The Hateful Eight“ heißen soll, dass die Geschichte auch im Jetzt spielen könnte und selbst mit den gleichen Dialogen absolut Sinn machen würde. Denn Paranoia kennt keine Zeit, nur sich selbst.

Somit würde ich „The Hateful Eight“ eher mit einem Agatha-Christie-Krimi vergleichen und eigentlich auch mehr mit einem Kammerspiel, dass sich zudem perfekt fürs Theater eignet, denn genauso inszeniert Tarantino das Ganze auch. Abgesehen von ein paar Szenen in der Kutsche und im verschneiten Wyoming verlassen wir nie Minnies Laden. Hier zelebriert und inszeniert Tarantino sein krasses Theater, wobei ihm seine Ultra Panavision 70mm Aufnahmen den Raum schaffen, den er braucht, um seine Schauspieler agieren zu lassen. Und die gehen voll auf in dem wirklich tollen Drehbuch von Tarantino, in dem mich das erste Mal seit langem die Dialoge und Monologe nicht mehr so gestört haben. Im Gegenteil, in diesem Film habe ich den einzelnen Akteuren gerne zugehört… zugegebenermaßen erfordert der Film jede Menge Sitzfleisch und Konzentration, passiert doch in den ersten anderthalb Stunden nicht viel mehr außer das Menschen miteinander reden. Es ist halt wirklich wie Theater…

… Theater, dass nur dank des Drehbuchs und der tollen Darsteller bestens funktioniert. Sam Jackson ist einmal mehr großartig (obwohl ich ihn nach wie vor in „Pulp Fiction“ am liebsten mochte), Kurt Russell funktioniert als grummeliger Kopfgeldjäger und baut mit der an ihn geketteten Jennifer Jason Leigh eine höchst interessante Dynamik auf. Überhaupt ist Leigh trotz wenig Text eine echte Bereicherung, weil sie allein durch ihre Anwesenheit schon überzeugt (klingt komisch, ist aber so). Ich muss jedoch gestehen, wer mich am meisten beeindruckt hat, war Walton Goggins. Denn Typ fand ich vom ersten Augenblick an unheimlich gut…

Das Ganze gipfelt dann natürlich in typischer Tarantino-Gewalt und halt mit einer klassischen Aufklärung, die dann einmal mehr an Agatha Christie und Co. erinnert. Was mich aber zudem wirklich an „The Hateful Eight“ begeistert hat, ist die Tatsache, dass uns Tarantino mal einmal nicht mit längst vergessenen Songs dauerbeschallt. Stattdessen lässt er dem großen Ennio Morricone den Vorrang… was ich nur begrüßen kann. Dessen minimalistischer und doch beeindruckender Soundtrack passt perfekt zu Quentins kleinem großen Western-Theater.

Insgesamt war ich dann doch sehr überrascht, wie gut mir der Film doch gefallen hat. Ja, er ist lang, aber er kann es in den meisten Fällen eigentlich auch gut tragen… „The Hateful Eight“ ist mal wieder Tarantino in Reinform, die einfach gut funktioniert. Dann warten wir mal jetzt auf die letzten zwei Filme…

Wertung: 8 von 10 Punkten (Agatha Christie meets The Thing und am Ende war’s dann doch nicht der Butler…)

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24 Kommentare leave one →
  1. 1. Februar 2016 13:46

    Also ich mag ja Agatha Christie und gemütliche Krimis und so … Aber Kammerspiel klingt gleich wieder so, als würde ich vor lauter Monologisiererei einschlafen. xD

    • donpozuelo permalink*
      1. Februar 2016 14:29

      Ja, möchte man meinen, aber dieses Mal sind es auch nicht so viele Monologe, sondern wirklich mehr Dialoge, weswegen das Ganze sehr viel weniger einschläfernd ist als man meinen mag.

      Und dank der guten Darsteller hört man den Herrschaften dann auch gerne zu. Sagen wir es mal: Ich habe den Film nach einem langen Arbeitstag gesehen und bin NICHT eingeschlafen 😉

      • 1. Februar 2016 14:47

        Ich bin beeindruckt! 😀 Tjaa, Dialoge können schon sehr sinnvoll sein. ^^ Dann weiß ich ja, dass ich den Film auch leicht müde schauen darf, falls er mir mal über den Weg läuft. 😉

        • donpozuelo permalink*
          1. Februar 2016 15:09

          😀 Danke, danke!!! Und mach das ruhig… obwohl ich dir wünsche, dass er dir schon im Kino über den Weg läuft. Da sieht das Ganze schon ziemlich gut aus… so von wegen großes 70mm-Bild und so.

        • 1. Februar 2016 16:06

          Ich bin aber seit ca. heute auf Spar- und Japanischlern-Kurs. 😀 Da meide ich lieber Geldausgaben wie Kino, auch wenn das natürlich ein Argument wäre. Aber einmal Kino plus eine Packung Popcorn is geldtechnisch quasi ein Fünftel des Japanischkurses … xD

        • donpozuelo permalink*
          1. Februar 2016 16:23

          Puh… aber ja, verstehe ich. Kino ist aber auch scheißteuer geworden…

        • 1. Februar 2016 16:49

          O_O *nick* Und ich bin ja kein Cineast, daher liegen meine Prioritäten bei anderen (teuren) Sachen. 🙂

        • donpozuelo permalink*
          1. Februar 2016 20:04

          Sehr gut 😀

  2. 1. Februar 2016 19:30

    Also die Gorana war dagegen. Du so einigermaßen dafür. Verwirrt ich bin.

    • donpozuelo permalink*
      1. Februar 2016 20:07

      Das kann ich verstehen, aber ich will’s mal so sagen: es ist halt wieder ein sehr spezieller Tarantino, der nicht jedem gefallen wird und muss. Ich kann auch wirklich Leute verstehen, die mit dem Film nichts anzufangen wussten.

      Es ist halt wirklich mehr wie ein Theaterstück, das alle wichtigen Versatzstücke für einen Tarantino beinhaltet.

      Tolle Darsteller, laaange Dialoge und Monologe und am Ende ordentlich Gewalt. Ich glaube, lieber Dominik, da wirst du dir selbst ein Bild von machen müssen. Ich kann Gorana verstehen, aber ich fand ihn trotzdem gut!!!!

  3. 1. Februar 2016 19:39

    Walton Goggins. Ich freu mich schon so ihn in diesem Film zu sehen… 🙂

    • donpozuelo permalink*
      1. Februar 2016 20:08

      Walton Goggins ist der Hit!!! Mein persönliches Highlight in diesem Film. Der Typ ist einfach nur umwerfend gut… von der erste Minute an.

      • 1. Februar 2016 22:08

        Der war schon bei Justified immer großartig… 🙂

        • donpozuelo permalink*
          2. Februar 2016 08:49

          Die Serie habe ich leider noch nicht gesehen…

        • 3. Februar 2016 10:48

          Die lohnt sich schon allein aufgrund von Mr. Goggins. Obwohl Timothy Olyphant auch Spaß macht. 🙂

        • donpozuelo permalink*
          3. Februar 2016 11:14

          Okay. Cool. Danke! Werd’s mir mal merken!

  4. 1. Februar 2016 19:50

    An „The Thing“ dachte ich nur wegen der Musik, denn die ist ja teilweise aus dem Originalscore von Morricone und das hörte man einfach 🙂
    Ich war auch im Zoo Palast. So schell bekommt man einen in Panavision gedrehten Film nicht mehr sehen.
    Tarantino bekommt bei mir noch ein Pünktchen mehr, weil er echt großartig war und ja Walter Goggins ist super, das weiß jeder, der „Justified“ gesehen hat 😀

    • donpozuelo permalink*
      1. Februar 2016 20:09

      „Justified“ habe ich leider noch nicht gesehen, aber ja zu allem, was Goggins anbelangt 😀

  5. 3. Februar 2016 21:06

    Puuuh. Ich war ein großer Fan von Reservoir Dogs, Pulp Fiction und Kill Bill und Inglourious Basterds, aber bei dem hier habe ich mehr das Gefühl gehabt, dass er sich selbst feiert. Das Szenario mit der Hütte und den gegensätzlichen Parteien war schon klasse, aber das wars in Reservoir Dogs auch. Irgendwie hat mich der Film arg gelangweilt. Meine Review erscheint Freitag glaube und ich spoilere schon mal, dass ich einen Punkt weniger gegeben habe als du, aber irgendwie lockt mich der Tarantino nicht mehr so wie früher.

    • donpozuelo permalink*
      3. Februar 2016 21:33

      Ich verstehe dich da vollkommen und ich muss auch ehrlich sagen, dass ich mit jedem seiner Filme weniger gespannt auf den nächsten warte. Sie sind zwar alle irgendwie noch gut gemacht, aber ja, diese Selbst-Referenzen können schon auch anstrengend sein.

      Ich hoffe echt, dass er sich wirklich mal an was Neues wagt. Irgendwie hat er sich halt schon auch ein bisschen festgefahren – er ist dabei immer noch gut, aber auch festgefahren.

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