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Finanz-Apokalypse

25. Januar 2016

Keine Sorge, ich werde gar nicht erst versuchen, auch nur irgendwas Schlaues zum Thema Finanzkrise, Finanzen oder sonstiges zu sagen. Für mich sind das alles große, große Worte von denen ich wahrscheinlich mehr verstehen sollte, als ich es im Moment tue. Aber ich hatte das große Glück, nicht direkt von der Finanzkrise 2008 betroffen gewesen zu sein, weswegen ich das alles einfach irgendwie so verfolgt habe, ohne mir wirklich ernsthafte Gedanken darüber zu machen, was das alles genau bedeutet. Ich weiß… man kann auch immer noch ziemlich blauäugig durch die Welt wandern, solange man nicht betroffen ist. Aber gut, wozu gibt es die Erziehungsanstalt Hollywood, die mich ja dann und wann nicht nur mit großen bunten Bildern und Explosionen vom alltäglichen Stress ablenkt, sondern mir ab und zu auch mal etwas Wichtiges zu sagen. So auch zum Thema Finanzkrise mit „The Big Short“.

Darin erfahren wir von einem Mann namens Dr. Michael Burry (Christian Bale), der lange, lange vor allen anderen erkennt, dass der US-amerikanische Immobilienmarkt auf schlechten Krediten und Hypotheken aufgebaut ist, was irgendwann zu einer riesigen Finanz-Krise führen wird. Das Problem ist nur, niemand will auf Burry hören, vertraut man doch auf die Sicherheit der Immobilien. Doch Burrys Warnungen bleiben nicht ungehört – eine Reihe von Investment-Bankern (eine illustre Gruppe, in der wir Steve Carrell, Brad Pitt, Ryan Gosling und auch Rafe Spall wiederfinden) bekommt Wind davon und versucht nun ihrerseits aus der drohenden Krise Kapital zu schlagen. Dabei müssen sie jedoch am eigenen Leibe erfahren, auf wie viel Arroganz das gesamte Finanz-System aufgebaut ist…

Ich im Montagsmeeting…

„The Big Short“ war jetzt nicht unbedingt auf meiner Agenda von Filmen, die ich in diesem Jahr unbedingt hätte sehen müssen. Das Thema schreckte mich, ehrlich gesagt, extrem ab: ich konnte nicht so recht glauben, dass man das auf interessante, informative und trotzdem unterhaltsame Art und Weise vermitteln kann. Wenn ich dazu vorher noch gewusst hätte, dass sich auf Adam McKays Filmographie (seines Zeichens Regisseur von „The Big Short) Filme wie „Anchorman 1 + 2“, „Stiefbrüder“ oder „Die etwas anderen Cops“ tummeln, wäre ich nur noch skeptischer geworden. Wie kann so ein Will-Ferrell-Komödien-Regisseur schwere Themen wie die Finanz-Krise angehen?

Zum Glück konnte ich meine Ignoranz und Arroganz überwinden und bin doch in „The Big Short“ gehen… und war begeistert. Adam McKay schafft es, dass sich diese 130 Minuten anfühlen wie eine halbe Stunde. Der Film rast in einem unglaublichen Tempo an einem vorbei – das soll heißen, dass das Thema Finanz-Krise tatsächlich auch höchst unterhaltsame und trotzdem informative Weise dargestellt wird. Dazu durchbricht McKay gerne mal die vierte Wand und lässt Ryan Gosling und Co. einzelne Schritte der Handlung erklären. Wenn es mal ganz nötig ist, kommt es auch durchaus vor, dass eine bezaubernde Margo Robbie (die Dame, die bald in „Suicide Squad“ durchdrehen darf) aus der Badewanne heraus, eine Begriffserklärung abgibt oder eine Selena Gomez uns erklärt, was eigentlich Sache ist. Das sind kleine, aber feine Kniffe, die schön und simpel die großen, schweren Worte erklären, die wohl nur die Leute mit BWL-Studium nachvollziehen können.

Was sich vielleicht anhören mag, als würde uns McKay mit „The Big Short“ ständig an die Hand nehmen und uns wie dumme Lämmer durch den Film führen, stimmt nicht so. Der Film ist trotz allem extrem komplex und fordert die volle Aufmerksamkeit, denn die Dialoge sind gestochen scharf, werden rasend schnell abgefeuert und stecken immer noch voller Prozentzahlen, Abkürzungen und sonstigem Banker-Gedöhns… und trotzdem bleibt man am Ball. Ich will nicht sagen, ich hätte den Film verstanden, aber McKay vermittelt auf jeden Fall ziemlich gut, was an dieser Finanz-Krise alles falsch lief.

Dass das aber auch alles so gut und rasant rüberkommt, verdanken wir in „The Big Short“ einem großartigen Cast. Christian Bale hat seine Oscar-Nominierung absolut zu Recht erhalten und Steve Carrell beweist nach „Foxcatcher“ einmal mehr, dass er nicht immer nur komisch sein muss. Ryan Gosling ist Ryan Gosling – cool und geleckt wie immer, aber halt auch einfach cool. Auch der Rest des Casts ist extrem gut… und was mir an der Charakterzeichnung gut gefallen hat, war, dass McKay uns mit ihnen ein bisschen an der Nase herumführt. Erst feiert man diese Typen total ab, ist beeindruckt, dass sie so clever sind und all das erkennen und gönnt es ihnen sogar, wenn sie versuchen, daraus Profit zu schlagen. Doch irgendwann nagt an einem als Zuschauer auch so ein bisschen die Frage: „Sind diese Typen letztendlich nicht genau solche Gauner wie alle anderen? Statt zu warnen, profitieren sie von dem kommenden Leid anderer Menschen.“ Und hier muss man wirklich einmal mehr das Drehbuch von „The Big Short“ loben (das auch verdient für den Oscar nominiert wurde): Denn die Charaktere durchlaufen tatsächlich irgendwann diesen Wandel, in dem sie ihr eigenes Handeln hinterfragen… und man bleibt mit der spannenden Frage allein zurück: „Was wäre passiert, wenn man diesen Leuten damals zugehört hätte???“

„The Big Short“ ist wirklich nicht der schwerfällige, langatmige Film, den ich erwartet habe. Stattdessen sprintet McKay gekonnt voran, ohne aber dabei den Zuschauer an der Startlinie zurückzulassen. Mit gutem Timing, bissigem Humor, geschliffenen Dialogen und bestens agierenden Schauspielern holt McKay alles aus diesem Film raus und liefert wahrscheinlich die spannendste Lehrstunde in Sachen Finanz-Krise ab, die man sich nur vorstellen kann.

Wertung: 9 von 10 Punkten (trotzdem wird das wohl ein Film bleiben, zu dem ich das Buch nicht unbedingt lesen werde 😉 )

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10 Kommentare leave one →
  1. 26. Januar 2016 17:16

    Zum Film: Ja.

    Zum Thema Was wäre wenn: McKay vereinfacht schon insofern, als dass der Zusammenbruch der Immobilienblase nicht nur in solch esoterischen Kreisen thematisiert wurde. Es hat die Anzeichen gegeben, und diese Anzeichen waren unter Finanz-Insidern wohl durchaus bekannt, wie ich das verstehe. Das Problem ist eher, dass das System darauf ausgerichtet war (und ist), den individuellen Akteur noch zu Spekulationen zu drängen, nachdem der Punkt bereits überschritten ist, an dem das Risiko größer ist als die Aussicht auf Gewinn. Denn diese Leute arbeiten ja für andere Leute, die keine Ahnung von den Zahlen haben und sich nur dafür interessieren, dass die eigene Investition potentiell mehr Gewinn abwirft als die der Konkurrenz. Und wer zögert, fliegt halt.

    Kurz gesagt: Der Film ist natürlich keine makroökonomische Abhandlung und behandelt die zugrunde liegenden Fragen so komplex, wie man das eben von einem Film (noch dazu einer Komödie) erwarten kann. Statt auf Erleuchtung zu hoffen, lieber an Steve Carrells Mimik erfreuen, wenn er realisiert, was da gerade passiert. 😉

    • donpozuelo permalink*
      26. Januar 2016 20:28

      Richtig. Das ist wohl wahr… als große Abhandlung eignet sich der Film wohl wirklich nicht. Trotzdem ergründet er ganz gut, was wie, wo, wann schief lief… und für jeden, der mehr wissen will, gibt’s dann ja auch immer noch das Buch. Wäre der Film eine pure Abhandlung, würde kein Mensch das sehen wollen – es sei denn, es wäre eine Dokumentation. So ist es halt wirklich einfach nur ein sehr, sehr unterhaltsamer Film 😀

  2. 29. Januar 2016 12:04

    Ich fand ihn vom Ansatz her spannend, aber leider hat’s für mich nicht funktioniert. Irgendwann war die Luft raus, fand ich.

    • donpozuelo permalink*
      29. Januar 2016 12:12

      Echt? Hm… gut, ich gebe zu, dass es zwischendurch ein paar kleine Hänger gibt, aber ich fand, McKay hat den Film da immer wieder gut rausgelotst.

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