Skip to content

Die Super-Alkoholikerin

18. Januar 2016

Marvel hat es also endlich geschafft! Nachdem im Kino schon zwei Phasen an uns vorbeigegangen sind und wir von weiblichen Superhelden noch nicht wirklich viel zu sehen bekommen haben, hat Marvel es endlich geschafft. Die erste echte Marvel-Superheldin, die dann ja irgendwie doch keine ist. Denn schließlich gehört „Jessica Jones“ nicht zum Marvel Cinematic Universe, sondern zur TV-Auskoppelung, die ihren glorreichen Anfang mit „Daredevil“ machte und uns mit weiteren Superhelden-Serien auf die Avengers-TV-Version „The Defenders“ vorbereiten möchte (in der sich dann alle Marvel-TV-Helden zu einer großen Gruppe vereinen). Somit ist der Marvel-Erfolg, endlich eine weibliche Superheldin auf Bildschirme gebracht zu haben, nur ein kleiner. Aber immerhin… besser als gar nichts.

„Jessica Jones“ erzählt uns die Geschichte von eben jener Titel gebenden Dame, gespielt von Krysten Ritter. Jessica hat ein Alkohol-Problem, was sich immer nicht so besonders positiv auf ihre Arbeit als Privatdetektivin auswirkt. Dennoch kommt sie mehr oder schlecht über die Runden und ertränkt ihre Sorgen in Alkohol… bis Alkohol nicht mehr hilft, als sich ihre Sorgen wieder bei ihr melden – in Form von Kilgrave (David Tennant), ein Mann aus Jessicas Vergangenheit, ein Mann, den sie gerne vergessen würde… und ein Mann, der Menschen seinen Willen aufzwingen kann. Und prompt hat nicht nur Jessica ein Problem, sondern auch alle Menschen um sie herum.

Trinity hat die Seiten gewechselt…

Ich sage es gleich frei heraus: Ich habe mich mit „Jessica Jones“ ganz schön gequält. Während ich „Daredevil“ förmlich verschlungen habe und nicht genug davon kriegen konnte, schwand mein Interesse an Marvels Superheldin von Folge zu Folge mehr, bis ich am Ende fast verzweifelte und mich richtig zwingen musste, die letzten zwei, drei Folgen wenigstens noch zu gucken.

Bei der ersten Folge dachte ich noch: „Wow! Das wird großartig!“ Ich mochte die Tatsache, dass „Jessica Jones“ keine Origin-Story sein würde. Stattdessen erleben wir Jessica, die versucht etwas Dunkles in ihrer Vergangenheit zu verarbeiten. Ein spannender Ansatz, weil man mal große Erklärungen verzichtet wird und wir die ganze Zeit rätseln, was mit ihr los ist. Jessicas Geheimnisse machen sie interessant für uns. Statt Rache zu suchen, scheint sie sich verstecken zu wollen. Sie will ihr normales Leben wieder und sucht nicht das Abenteuer. Ein tolles Konzept für eine Helden-Serie.

Dazu kam dann noch mit Krysten Ritter eine echt coole Darstellerin. Ihre Jessica Jones war jetzt mal nicht das, was wir sonst bisher als „Heldin“ bekommen haben. Statt mit Reizen zu geizen, überzeugt Ritters Jones durch ihre Zerbrochenheit. So eine deprimierte, niedergeschlagene und verlorene Heldin hätte man jetzt wirklich nicht erwartet. Und Ritter trägt das gut zur Schau.

Dritter Punkt war dann dieses gewisse Noir-Feeling – nur halt anders. Statt Trenchcoat und Zigarette gibt’s Lederjacke und eine Flasche Whiskey. Und doch unterscheidet sich Jessica anfangs nicht wirklich stark von ihren Noir-Detektiv-Kollegen, die ja für gewöhnlich auch nie wirklich wissen, was genau Sache ist.

Es sprach also eigentlich alles für „Jessica Jones“. Die Serie wirkte nicht wie ein mühseliger Abklatscht von „Daredevil“ und auch nicht wie die verzweifelte Bemühung, die Forderungen nach einem weiblichen Superheld zu erfüllen. Und doch schaffte es die Serie nach den ersten ein, zwei Folgen nicht, mit zu überzeugen.

Das größte Problem hatte ich damit, dass all die coolen Sachen aus der ersten Folge schnell ad acta gelegt werden. Die Detektiv-Story gerät in den Hintergrund und vor allem werden Jessicas Geheimnisse zu schnell aufgedeckt… und offenbaren uns so jenen Kilgrave, der anfangs cool wirkt, aber irgendwann zu einem langweiligen, weinerlichen Schurken wird. David Tennant spielt ihn zwar gut, aber ich fand die Intention von Kilgrave immer irgendwie öde. So richtig erschloss sich mir nie, was man uns mit diesem Bösewicht eigentlich sagen wollte. Er war zwar übermächtig, wirkte aber auf mich (eben auf Grund seiner Absichten, die ich aus Spoilergründen nicht verraten werde) wie ein kleines, nerviges Kind.

Dazu kam, dass sich die Serie irgendwann verpflichtet fühlte, noch einen Haufen anderer Charaktere einzuführen – Charaktere, die in den Marvel-Comics alle entweder Helden oder Schurken werden. Charaktere wie Luke Cage (Mike Colter), der ja noch seine eigene Serie bekommt und da hoffentlich zu mehr taugt als nur zu merkwürdigem, wilden Superhelden-Sex mit Jessica (für diese Serie war der echt verschenkt). Carrie-Anne Moss als knallharte Anwältin Jeri hat auch nicht immer so richtig ins Bild gepasst und irgendwann mit ihren eigenen Scheidungsproblemen mehr gestört, als zur Handlung beigetragen. Und Jessicas beste Freundin / Schwester Trish (Rachael Taylor) hatte auch nicht sonderlich viel zur Handlung beizutragen. Und dennoch füllten sich die Reihen um Jessica Jones, es wurden hier Geschichten aufgebaut, die später vielleicht noch einmal relevant sind, aber der Serie an sich nicht weitergeholfen haben.

Zusätzlich zu dem überfrachteten Cast wurde die Story auch einfach nicht spannender. Man hatte das Gefühl, man dreht sich im Kreis und ich habe immer darauf gewartet, dass die Serie in irgendeiner Form noch mal an Fahrt aufnimmt. Aber Pustekuchen… die Serie stagniert und endet schließlich mit einem herrlich unspektakulären Finale. Aber woran lag das jetzt, wenn man doch eine Pilotfolge hatte, die so verdammt vielversprechend war??? Ich finde, sie hätten viel länger mit der Enthüllung Kilgraves spielen können, das war so das erzählerische As im Ärmel, das dann zu schnell offenbart wurde. Ein bisschen mehr Detektiv, ein bisschen mehr Film noir, ein bisschen mehr Spannungsaufbau hätte der Serie in meinen Augen gut getan. So ist es halt nett, dass es eine Superheldin ist, mehr aber nicht…

Wertung: 4 von 10 Punkten (darstellerisch toll, erzählerisch echt flau)

Advertisements
9 Kommentare leave one →
  1. 18. Januar 2016 08:50

    Jop.

  2. 18. Januar 2016 10:12

    Nichts mehr hinzuzufügen 🙂

    • donpozuelo permalink*
      18. Januar 2016 11:00

      😀 Sehr gut… ich bin nur fasziniert, dass das tatsächlich bislang hier alle so unterschreiben. Generell wurde die Serie ja sehr abgefeiert.

      • 18. Januar 2016 20:55

        Geht mir grad auch so. Nach den Lobeshymnen ringsrum. Gut, das ich die noch gar nicht gesehen habe…

        • donpozuelo permalink*
          19. Januar 2016 08:55

          Ja, ist vielleicht besser so 😀

  3. 19. Januar 2016 08:06

    Zu deiner Einleitung: Hast du da nicht Marvel’s Agent Carter unterschlagen oder zählt sie aus irgendwelchen inhaltlichen Gründen nicht, da normal sterblich?

    • donpozuelo permalink*
      19. Januar 2016 08:58

      Hmm… ja, ich weiß immer nicht so recht, ob ich Agent Carter wirklich als Superheldin dazu zählen soll? Du hast auf jeden Fall Recht, auch sie ist immerhin eine weibliche Heldin… aber ich dachte jetzt halt echt eher an die klassischen Superheldinnen.

Trackbacks

  1. Krieg in Hell’s Kitchen | Going To The Movies
  2. Der Rote Blitz | Going To The Movies

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: