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Der mit dem Bär kämpft

6. Januar 2016

Survival ist in Hollywood scheinbar wieder beliebt. Letztes Jahr musste Matt Damon auf dem Mars überleben und tat es mit viel Humor und ordentlich viel Wissenschaft. Kurz danach (und eigentlich davor, doch dann wurde der Film nach hinten verlegt) musste Thor seinen Hammer gegen eine Harpune eintauschen, gegen einen Wal antreten, verlieren und ganz schön hungern, um zu überleben. Wissenschaft konnte ihm nicht helfen. Während „Der Marsianer“ nicht auf wahren Begebenheiten beruhte (noch nicht???), war die Geschichte von „Im Herzen der See“ wahr – also Hollywood-wahr, in dem Sinne, dass die Geschichte stimmt, aber Ron Howard und Co. fleißig dazu gedichtet haben, um es interessanter zu gestalten (was nur nicht so richtig funktioniert hat). Jetzt kommt gleich im neuen Jahr der nächste, der uns ein Hollywood-wahres Erlebnis schildern möchte: Nach seinem Ausflug in die Theaterwelt mit „Birdman“ schickt Alejandro G. Iñárritu Leonardo DiCarpio in die Wildnis.

Der spielt in „The Revenant“ den Trapper Hugh Glass, der mit einer großen Truppe in der Wildnis unterwegs ist, um Felle zu erbeuten. Bei einem Indianer-Überfall wird die Gruppe, angeführt von Andrew Henry (Domhnall Gleeson), gezwungen, die meisten Felle zurückzulassen und zu fliehen. Bei dieser Flucht passiert es nun, dass Glass von einer Bärin angefallen wird. Mit schwersten Verletzungen und mehr schlecht als recht zusammengenäht schleppen ihn seine Kameraden weiter – bis zu dem Punkt, wo es einfach nicht mehr geht. Einige von ihnen brechen auf und lassen Glass zurück – mit seinem indianischen Sohn Hawk (Forrest Goodluck) und den Trappern John Fitzgerald (Tom Hardy) und Jim Bridger (Will Poulter) zu seinem Schutz. Nur hat Fitzgerald nicht vor, lange zu warten – bei dem Versuch, Glass zu töten, kommt dessen Sohn dazwischen, den Fitzgerald stattdessen tötet. Um seine Tat zu verstecken, lässt er Glass zurück und zieht mit Bridger davon. Doch Glass stirbt nicht und macht sich mühsam auf den Weg, quält sich durch die harte Landschaft – in der Hoffnung, seine Rache an Fitzgerald zu üben.

Wenn er so wütend zu den Oscars geht, kriegt er vielleicht endlich einen :D

So lang wie diese Inhaltsangabe jetzt wider Erwarten geworden ist, so lang ist auch „The Revenant“. Die zweieinhalb Stunden ziehen sich gaaaanz schön, weil man irgendwie das Gefühl hat, Iñárritu wusste nicht so recht, welche Passagen in seinem Survival-Drama er vielleicht doch nicht verwenden sollte. Und so hat er alles drin gelassen, den Film um viele Szene erweitert, die eigentlich nicht mehr nötig gewesen wären.

Aber ich fange mal von vorne an: Der Film beginnt spektakulär. Der Überfall der Indianer auf die Trapper erinnert an die Eröffnungsszene von „Der Soldat James Ryan“. Iñárritu inszeniert – teilweise auch in besten „Birdman“-Plansequenzen – den gnadenlosen und knallharten Kampf und macht uns so gleich schon mal deutlich, dass „The Revenant“ kein Zuckerschlecken, keine Sonntagsfahrt mit Kaffeekränzchen sein wird. Das Gleich gilt dann auch für den Angriff der Bärin – Iñárritu stößt die Gewalt der Natur mitten in unser Gesicht und macht es fast schon unerträglich dabei zu zu sehen, wie Leonardo DiCaprio halb zerfleischt wird. Auch der danach anstehende Überlebenskampf ist in den ersten Minuten harter, harter Tobak – wenn Glass sich da mit Mühe und unter Qualen über den eisigen Boden schleift. Puhh…

Das Problem, dass ich nur mit „The Revenant“ hatte: Es ist irgendwann einfach zu viel. Und noch schlimmer: Ab einem bestimmten Zeitpunkt leidet man auch irgendwie nicht mehr so richtig mit Leo mit, weil er ja – egal, was kommt – alles zu überleben scheint. Je länger der Film voranschreitet, desto unzerstörbarer wird dieser Hugh Glass – und es stellt sich irgendwann nicht mehr die Frage, ob er überlebt, sondern wann er endlich seine Rache ausüben kann. An dieser Stelle hätte der Film einfach ein bisschen mehr Tempo annehmen können. Leos Schmerz verzehrtes Gesicht hat man zu dem Zeitpunkt schon genug gesehen.

Es ist, so muss ich zugeben, schwer, das so zu sagen: Aber das Mitfiebern mit Hugh Glass schwacht irgendwann einfach ab, weil Iñárritu der Figur zwar immer wieder brav Hindernisse in den Weg stellt, die aber nie wirklich zu einer ernsthaften Bedrohung werden. Wenn dann mal etwas gefährlich werden könnte, rettet sich Iñárritu in blöder Hollywood-Magie, wenn ich das mal spoilerfrei so ausdrücken darf.

Trotz dieser Story-Patzer ist „The Revenant“ ein sehenswerter Film, eben weil er ein optisch beeindruckender Film ist. Die Natur wird immer wieder in ihrer ganzen Pracht gezeigt, eine Schönheit, in der die kleinen Menschen wie Schmutzflecken wirken. Zum Glück kann man sich an dieser Schönheit, die Kamera-Mann Emmanuel Lubezki grandios einfängt, nicht satt sehen – auch wenn die Blicke durch die Baumgipfel einmal zu oft an Terrence Malick erinnern (für den Lubezki ja auch „Tree of Life“ und „To The Wonder“ fotografierte).

Dem Optischen stellt sich dann ein großartig aufspielender Leonardo DiCaprio gegenüber… aber wenn ich ganz ehrlich sein darf: Ihm für „The Revenant“ den Oscar zu geben, wäre in etwa so wie der für Scorseses „The Departed“. DiCaprio ist gut, ohne Frage, aber er war auch schon besser. Schließlich jagte Iñárritu ihn wirklich durch die Kälte Kanadas, das Frieren und Fluchen muss da von ganz allein gekommen sein.

„The Revenant“ lässt mich ein wenig verzweifelt zurück: Ich wollte den Film mögen und konnte es nicht so richtig. Er sieht umwerfend aus und wird auch von allen umwerfend gespielt, aber irgendwie wirkt der Film überfrachtet mit Handlungssträngen und Ereignissen, die einfach nicht notwendig gewesen wären. Ein paar Kürzungen und weniger Hollywood-Gedöhns hätten es doch auch getan: Der echte Glass wollte Fitzgerald einfach nur deswegen töten, weil der ihn zurückließ. Die Indianer-Geschichte in „The Revenant“ hätte man sich somit auch sparen können… aber gut… jetzt müssen wir damit leben.

Wertung: 7 von 10 Punkten (optisch und schauspielerisch toll, aber mit der Zeit verliert der Film mehr und mehr von seiner Sogkraft)

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17 Kommentare leave one →
  1. 6. Januar 2016 09:00

    Genau das habe ich befürchtet, als ich die lange Laufzeit gesehen habe. Ich werde mir demnächst auch mal ein Bild machen.

    • donpozuelo permalink*
      6. Januar 2016 17:49

      Ich glaube auch, dass dem Film ein bisschen weniger Zeit ganz gut getan hätte…

  2. 6. Januar 2016 12:50

    Toll geschrieben. Die Stellen mit den Menschem als Schmutzfleck mag ich am liebsten. Ich empfand den Film exakt genauso wie du! Hatte mir auch mehr erwartet.

    • donpozuelo permalink*
      6. Januar 2016 17:51

      Danke!!! Ich hatte auch ein bisschen mehr erwartet… es hat sich halt irgendwann einfach alles ein bisschen wiederholt.

  3. 6. Januar 2016 13:32

    Technisch top, inhaltlich eher so naja. Irgendwann schlicht zu repetitiv, wenn Glass mal wieder durch die Mangel gedreht wird. Ironischerweise sieht er dabei im Schlussakt fitter aus als zu Beginn – go figure. Generell nimmt mir der Film auch zu oft Versatzstücke aus anderen Filmen (Tauntaun-Szene z.B.). Bin generell kein DiCaprio-Fan, der hat ähnlich wie Christian Bale nur 2 Gesichtsausdrücke drauf, da gefiel mir Hardy hier besser. Wird aber sicher ein paar Oscars abräumen und abgefeiert werden.

    • donpozuelo permalink*
      6. Januar 2016 17:53

      Oha… wir mal einer Meinung!!! Ich freue mich. Und ja, du hast recht: technisch top, inhaltlich nicht so sehr. Und das mit dem Schlussakt und dem fitter aussehen stimmt auch, als wenn er sich innerhalb weniger Stunden, dank guter Suppe und einem Bad gleich wieder verwandelt hat 😀

      Ich denke auch, dass sie den bei den Oscars abfeiern werden. So richtig verdient hat er es aber nicht… höchstens halt für die technischen Sachen.

  4. 7. Januar 2016 15:07

    Ich war schon kein BIRDMAN-Fan, empfand aber den Trailer zu THE REVENANT endlich mal wieder sehr gut gelungen, dass ich einigermaßen Lust auf den Film hatte. Die Info, dass Lubezki den Film ausschließlich mit natürlichen Lichtquellen gedreht hat, war dann der Punkt, der mich ins Kino gelockt hat.

    Und im Grunde stimme ich mit dir überein: Sieht toll aus, der Score ist zumindest während des Films sehr präsent und passend. Ich bin selbst ein wenig überrascht, dass mir die enorme Länge gar nicht so stark aufgefallen ist. Dafür fühlt sich der Film im Nachhinein ziemlich leer an. Leo bettelt mit der Performance geradezu um den Oscar und ich bin soweit zu sagen, dass er ihn endlich kriegen soll, damit er es nicht mehr so stark versucht!

    • donpozuelo permalink*
      7. Januar 2016 19:16

      Danke! Ja, „Birdman“ mochte ich auch nicht… und ja, die ganzen technischen Sachen am Film sind umwerfend. Die Produktionsgeschichte ist auch spannend, fast ein bisschen spannender als der eigentliche Film 😉

      Ich bin auch sehr gespannt, wie der Film bei den Oscars abschneiden wird. Ich würde es Leo wünschen, dass er ihn nicht gewinnt… und vielleicht für etwas gewürdigt wird, dass mehr seins ist. In „The Revenant“ ist schauspielern ja fast nicht nötig gewesen. Gefroren haben die armen Schweine bei den Dreharbeiten ja auch von ganz allein.

  5. 7. Januar 2016 19:28

    Also ich hatte nichts erwartet, weil ich kein DiCaprio-Fan bin und nicht so sehr auf diese Art Abenteuerfilm stehe. Dafür war ich dann angenehm überrascht. Sicher, er war lang, aber ich hätte jetzt auch nicht irgendwo kürzen mögen. Ich finde ihn so wie er ist großartig.
    Dafür hat mir Star Wars überhaupt nicht gefallen :))

    • donpozuelo permalink*
      7. Januar 2016 21:52

      😀 Tja, so ist das im Leben. Erwartungen hatte ich auch keine. Schließlich war ich ja kein „Birdman“-Fan. Großartig ist in meinen Augen etwas zu viel für den Film. Wie gesagt, ich mochte das ganze technische, der Film sah einfach umwerfend gut aus… aber die Story hat mich nach kurzer Zeit einfach nicht mehr so gefesselt, weil ich irgendwann aufgehört habe, mit Leo mitzufiebern…

      Und was „Star Wars“ angeht… schweige ich lieber 😀 😀 😀

  6. 10. Januar 2016 17:48

    Was du beschreibst habe ich bisher von ca. 70% der Leute gehört und gelesen, habe den Film aber ganz anders empfunden. Der Überlebenskampf und die Naturgewalten haben mich extrem eingenommen und quasi jede Sekunde beschäftigt. In meinem Hirn haben sich hundert Rädchen gedreht und gefragt „Warum tut er das jetzt? Würde ich das überleben? Wie kommt er aus der Nummer jetzt wieder raus? Wie haben sie das gedreht? Ist das Teil-Animiert?“ Meine Kinomitgänger waren bis auf eine Freundin auch gelangweilt und ich verstehe beim besten Willen nicht warum 😉

    • donpozuelo permalink*
      11. Januar 2016 14:48

      😀 Ich habe sowieso das Gefühl, dass dieser Film spaltet: in diejenigen, die ihn nur rein von den Bildern her toll fanden und die, die auch den Rest mochten. Aber ist doch gut so… wie gesagt, ich war irgendwann raus… es wurde zwar alles heftiger, aber für mich nie spannender. Der Anfang ist die Wucht, danach dachte ich nur: „Ja, okay… auch aus dieser Misere wird er wieder einen Weg finden…“

  7. 11. Januar 2016 12:18

    Diese Längen sehe ich überhaupt nicht. Jede Sekunde ein Schlag ins Gesicht, im besten Sinne.

    • donpozuelo permalink*
      11. Januar 2016 14:49

      😀 Tja, so ist das… anfangs habe ich diese Schläge auch gespürt, irgendwann war mein Gesicht aber taub von zu vielen Schlägen.

Trackbacks

  1. The Revenant (2015) | Illegitim.
  2. Waiting for Leo… | Going To The Movies
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