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Die Suche nach dem perfekten Stöhnen

2. Dezember 2015

Ich habe bislang zwei Filme von Quentin Dupieux, a.k.a. Mr. Oizo, gesehen und kann nie so richtig in Worte fassen, was er für ein Filmemacher ist! Vielleicht kann man ihn als verrücktes Genie bezeichnen, das durch zu viele Drogen (oder was auch immer) eine vollkommen andere Wahrnehmung erlangt hat und deswegen Filme macht, die sich eigentlich fast jeder Beschreibung entziehen. Dupieux‘ Filme (zumindest die zwei, die ich kenne) sind ein Erlebnis, eine fremde, merkwürdige, absurde, verrückte, berauschende Erfahrung, die einen sprachlos, fasziniert und verwirrt zurücklassen. Ich meine, wir reden von einem Mann, der in „Rubber“ einen Auto-Reifen zum Mörder werden lässt und der uns in „Wrong“ auf die merkwürdigste Suche nach einem Hund überhaupt schickt. Und jedes Mal fordert Dupieux uns heraus, liefert uns scheinbar Bekanntes, nur um es dann komplett ins Gegenteil zu kehren. Vielleicht die beste Art ihn zu beschreiben, wäre ihn als eine Art komischen David Lynch zu bezeichnen.

Lynch’eske Züge nimmt auf jeden Fall auf Dupieux‘ neuester Film „Reality“ an. Da es sich dabei um einen Episoden-Film handelt, werde ich nur die zwei wichtigsten nennen. Da wäre zum einen die Geschichte des kleinen Mädchens namens Reality (Kyla Kenedy): Als sie ihrem Vater dabei zusieht, wie er ein selbst geschossenes Wildschwein ausweidet, fällt ihr eine blaue Videokassette auf. Ihre (und unsere) Neugier ist geweckt und sie setzt alles daran, dieses Video an sich zu nehmen. Zum anderen hätten wir da noch die Geschichte von Studio-Kamera-Mann Jason (Alain Chabat), der eine Idee für einen Film hat, in dem Fernseher tödliche Wellen ausstrahlen und so die Menschen töten. Produzent Bob Marshall (Jonathan Lambert) ist begeistert – vorausgesetzt Jason findet in 48 Stunden das perfekte Stöhnen – ein schmerzerfülltes Stöhnen, ein Oscar-reifes Stöhnen. Und so macht Jason sich auf die Suche.

Lache und du lachst allein… oops…

In Wirklichkeit besteht „Reality“, wie schon erwähnt, aus mehreren Episoden, die aber diese beiden übergeordneten Geschichten unterstützen. Irgendwie. Denn was uns Dupieux in diesem Film liefert, ist ein Blick auf verschiedene Realitäten, verschiedene Versionen. Manchmal fragt man sich, ob es vielleicht Parallel-Universen a la „Fringe“ sind, die hier in einander übergehen oder ob es doch nur Träume sind. Doch dann erscheint die Geschichte von dem Mädchen Reality plötzlich als wirre Dokumentation über ihre Suche nach dem blauen Tape – und Dupieux macht aus seinem Film eine Art filmisches „Inception“ mit der Realität in der Realität in der Realität, wobei man sich am Ende immer wieder fragen muss, was denn nun wirklich Realität ist.

Eine Frage, die Dupieux uns nicht beantworten möchte! Was großartig ist, wird der Film doch so zu einem verwirrenden, aber auch anregenden Lehrstück über Traum und Realität, ein Film, über den man sich stundenlang unterhalten könnte. Ein Film aber auch, der trotz fehlender Erklärungen nie langweilig wird. Denn Dupieux gelingt es sich durch diese verschiedenen Episoden und diese verschiedenen Realitäten (oder Träume?) wie ein Wurm zu finden. Egal, wie absurd es wird, die Handlung scheint doch einer inneren Logik zu folgen – das blaue Video-Tape und die Suche nach dem perfekten Stöhnen sind unsere beiden Anker… und die Hoffnung, dass sich auf dem Tape etwas befindet, was all das aufklären könnte.

Dieser Film ist so herrlich verschroben und kompliziert, so witzig und komplex, ohne seinen Zuschauer dabei aber zu überanspruchen. Was auch viel mit dem wunderbaren Cast zusammenhängt – da sind einige Dupieux-Veteranen dabei, aber auch ein paar Neuzugänge. Sie alle verkörpern ihre Rollen, diesen Wahnsinn, diese verschiedenen Realitäten aber so gut, dass man sich schnell in diesen Dupieux’schen Alptraum einlässt, der dazu noch spärlich, aber grandios mit dem Stück „Music with changing parts“ von Philip Glass unterlegt ist. Und so wie die Musik „changing parts“ hat, so verändert auch „Reality“ immer wieder verschiedene Teile seiner Handlung.

Um mich an dieser Stelle nicht noch weiter um Kopf und Kragen zu reden, höre ich lieber auf. Dupieux ist allgemein jemand, den man selbst erfahren muss – und entweder man mag ihn oder man mag ihn nicht. Auf jeden Fall bringt er frischen Wind mit sich und liefert uns mit seinen Filmen was zum Nachdenken. Und „Reality“ macht da keine Ausnahme – ein witziger, verrückter Film.

Wertung: 9 von 10 Punkten (Mr. Oizo kann mehr als nur Flatbeat!!!)

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9 Kommentare leave one →
  1. 5. Dezember 2015 09:07

    Oh ich war ja schon da, dachte es gäbe noch einen Oizo Artikel den ich verpasst hätte 😉

    • donpozuelo permalink*
      6. Dezember 2015 22:01

      😀 Es gibt noch zwei – zu „Rubber“ und „Wrong“, aber das hier ist der aktuellste.

  2. 7. Dezember 2015 22:48

    Ich mag Dupieux, auch wenn ich „Wrong Cops“ etwas zwiespältig fand, ist der wieder richtig gut, aber nicht so gut wie „Wrong“. Leider lief der bei uns auf dem Fantasy Filmfest ja in französisch, was nicht soo dramatisch war, doch anstrengend :))

    • donpozuelo permalink*
      8. Dezember 2015 09:33

      Mit „Wrong Cops“ konnte ich auch nicht so viel anfangen, der war ein bisschen sehr merkwürdig. Und ja, „Wrong“ war echt sehr schön!

  3. 7. Dezember 2015 22:48

    Französisch ohne Untertitel übrigens!

    • donpozuelo permalink*
      8. Dezember 2015 09:34

      Oh, das sehe ich jetzt erst…. Autsch… ohne Untertitel ist schon ein bisschen hart. Da hätte ich dann aufstehen und gehen müssen – ich hatte Russisch, mit Französisch kann ich nix anfangen 😀

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