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Ein Film für Rachel

23. November 2015

Jugendbuch-Verfilmungen sind ein bisschen die neuen Superhelden-Verfilmungen – so könnte man vielleicht denken, wenn man sich mal so anschaut, was neben den ganzen Comic-Verfilmungen so gerade in die Kinos schwappt. Und warum auch nicht? Die jetzt gerade abgeschlossene Saga der Katniss Everdeen hat’s irgendwie angefangen und es vergeht kein Jahr, in dem nicht eine neue Buch-Reihe für junge Erwachsene verfilmt wird – wohl in der verzweifelten Hoffnung, ein neues „Panem“ auf die Leinwand zu bringen. Aber Jugendbuch-Verfilmungen können ja zum Glück auch auf mehr Abwechslung bauen. Statt Fantasy geht’s scheinbar auch viel ums Sterben und um die Liebe oder das Erwachsenwerden, das Heranwachsen. Halt das Übliche… nur komischerweise halt auch viel ums Sterben. So versuchte uns „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ auf schnulzig-schwülstige Art und Weise, das mit dem Sterben und der Liebe näher bringen, scheiterte doch irgendwie an… ja, an was eigentlich? So genau konnte ich mich da nie festlegen, aber so richtig mochte ich den Film einfach nicht.

Deswegen hatte ich auch Bedenken, ob ich mir „Me and Earl and the Dying Girl“ anzuschauen. Zumal dem deutschen Verleiher dieses Mal die Sache mit dem Sterben wohl ein bisschen zu hart war, weswegen es aus dem deutschen Titel einfach herausgelassen wurde. Aber „Ich und Earl und das Mädchen“ klingt noch viel weniger nach einem Film, den ich unbedingt sehen möchte. Aber die eigentliche Geschichte klang dann doch sehr viel spannender als die Woodley’sche Sterbenstragödie:

Greg (Thomas Mann) ist ein Typ, der am liebsten irgendwie unsichtbar sein würde und deswegen an seiner Schule mit allen so halbwegs befreundet ist, damit er mit niemandem Stress hat. Aber von Freundschaft würde Greg nie sprechen – nicht einmal bei seinem eigentlich besten Freund Earl (RJ Cyler). Stattdessen nennt er ihn seinen Partner, Kollegen, was auch immer. Denn die beiden drehen verrückte kleine Filmchen, die auf alten Klassikern basieren (stellt euch einfach eine junge Variante von Jack Black und Mos Def in „Be Kind Rewind“ vor, dann wisst ihr auch in etwa wie herrlich schräg die kleinen Filmchen von Greg und Earl sein können). Doch Gregs Welt wird ein bisschen durcheinander gebracht, als er von seiner Mutter dazu gezwungen wird, Rachel (Olivia Cooke) zu besuchen, die an Leukämie erkrankt ist. Eine vorsichtige Freundschaft entsteht…

Beauty and the Dork

Das Gute schon mal gleich vorweg: „Me and Earl and the Dying Girl“ ist wirklich meilenweit von „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ entfernt. Gut, also es geht auch um ein an Krebs erkranktes Mädchen, wir haben auch eine Erzählerstimme, es gibt am Ende auch die berühmte „Nachricht aus dem Jenseits“ – aber letztendlich sind beide Filme dann doch in der Art, wie sie die Themen Krebs, Sterben, Freundschaft, Liebe, etc. behandeln extrem unterschiedlich. Denn „Me and Earl and the Dying Girl“ schafft das alles, ohne den Kitsch und den Schmalz – und letztendlich auch ohne, dass sich alles um die Liebe dreht. Und vielleicht ist es genau das, was mich am meisten an dem Film überrascht hat.

Auch wenn hier Junge auf Mädchen trifft, fallen sie nicht Hals über Kopf über einander her (worüber sich auch mehrmals im Film charmant lustig gemacht wird). Stattdessen ist es wirklich mehr eine sich entwickelnde Freundschaft, die zum Glück nie ins Kitschige gerät, sondern einfach nur ehrlich wirkt. Dazu hält der Film einfach mal gekonnt die Balance zwischen witzigen und tragischen Momenten, die wiederum durch die Darsteller extrem gut rüberkommen.

Thomas Mann ist verdammt gut in seiner Rolle. Ob als vorsichtig unauffälliger Schüler, als leicht überforderter Sohn charmant verkorkster Eltern (Nick Offerman ist Spitze) oder als Filmemacher witziger kleiner Filmchen – Mann ist liebenswerter Nerd pur, in den man sich verdammt gut reinfühlen kann. Als Kontrast dazu ist RJ Cyler sein gechillter „Kollege“, der zwar ein bisschen zu sehr in den Klischees der Film-Schwarzen versinkt, aber selbst das noch so gut überspielt, dass es einen nicht stört. Und am Ende ist da noch die bezaubernde Olivia Cooke, die einfach nur bezaubernd und verdammt gut ist.

Woran man dann auch merkt, dass die Darsteller wirklich, wirklich gut sind, sieht man einfach an der Machart des Films. Denn Regisseur Alfonso Gomez-Rejon setzt extrem viele Plansequenzen ein. In einer Szene unterhalten sich Cooke und Mann, während die Kamera in einer Einstellung verharrt – lange, sehr lange. Und diese Szene ist eine der emotionalsten und funktioniert eben nur deswegen, weil beide Darsteller einfach nur das Beste aus sich rausholen!

Und „Me and Earl and the Dying Girl“ bietet halt mehr als nur diese Plansequenzen. Gomez-Rejon erweist sich als unheimlich interessanter Regisseur, was seine visuellen Spielerein angeht. Ob nun Plansequenzen, interessante und auch mal ungewöhnliche Kamera-Perspektiven, wilde Kamera-Schwenks und Schnitte – „Me and Earl and the Dying Girl“ macht also allein schon vom reinen Hinsehen viel Spaß, weil es mal nicht so 08-15 ist!

Wie der Rest des Films auch. Auch wenn sich selbst dieses Jugend-Drama am Ende nicht so ganz vor ein bisschen Kitsch retten kann, ist der Rest doch so überzeugend, dass man „Me and Earl and the Dying Girl“ wirklich nur empfehlen kann – als Jugendbuch-Verfilmung, die nicht auf die üblichen Klischees baut, sondern wirklich eine schöne Geschichte erzählt.

Wertung: 8 von 10 Punkten (sogar mein Interesse an dem Buch ist geweckt worden, das will schon was heißen)

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9 Kommentare leave one →
  1. 23. November 2015 08:55

    Super-Film!

  2. 23. November 2015 14:49

    Gut, dass du nicht auf mich gehört hast 😉 Meine Meinung zum Film kennst du ja 😛

    • donpozuelo permalink*
      24. November 2015 09:13

      Jupp, die kenne ich und kann sie auch zum Teil nachvollziehen, trotzdem hat mir der Film extrem gut gefallen 😀

  3. 24. November 2015 15:14

    (Mal wieder) nichts hinzuzufügen. Das Genre produziert durchaus häufig gute Geschichten; die werden aber selten auch wirklich visuell überzeugend umgesetzt. Hier anders. Well done.

    • donpozuelo permalink*
      24. November 2015 17:28

      Danke, danke!!! Dieser Film ist wirklich mal was besonderes. Kann man echt nur weiter empfehlen!

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