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Wo ist die Mama?

23. Oktober 2015

Ich muss jetzt mal gleich eine Warnung vorausschicken… dieser Artikel wird spoiler-lastig. Warum? Eigentlich versuche ich ja peinlichst genau, Spoiler zu vermeiden. Natürlich gibt es immer auch Leute, die meinen, Spoiler wären nicht so tragisch – nur weil man weiß, wie etwas ausgeht, kennt man ja noch nicht den Weg dahin. Irgendwie stimmt das schon und gerade in Zeiten von „Game of Thrones“ sind wir da so überempfindlich geworden. Obwohl sich gerade da ja auch noch die Frage stellt, ob es wirklich Spoiler sind, wenn es die Bücher doch schon so lange gibt. Na gut, trotzdem… spoilern ist nicht so geil, aber heute muss es einfach mal sein. Allerdings werde ich das mit dem Spoilern (aber auch wirklich nur minimal angedeutet) auf den letzten Teil dieses Artikels beschränken… und auch im Fazit drauf verzichten, denn mit „Ich seh, Ich seh“ findet mal ein spannender Film den Weg zu uns, der sich in die Reihe der wenigen guten, deutschsprachigen Genre-Filme einreiht.

Nach einer Gesichtsoperation kommt die Mama (Susanne Wuest) wieder in ihre abgelegenes Haus zurück, wo die Zwillinge Elias (Elias Schwarz) und Lukas (Lukas Schwarz) schon auf sie warten. Doch schnell müssen die beiden Brüder feststellen, dass etwas mit der Mutter anders ist, sie ist viel strenger, viel verschlossener und zurückgezogener. Für die beiden steht fest: „Das ist nicht unsere Mama!“ und so greifen sie zu sehr drastischen Mitteln, um herauszufinden, wer diese fremde Person ist.

Nicht die Mama, nicht die Mama!!!!

Aus Österreich erreicht uns dieser interessante kleine Film. Nach und nach entfaltet sich vor unseren Augen ein interessantes Psycho-Duell. Das Tolle an „Ich seh, Ich seh“ ist, wie hier gekonnt damit gespielt wird, was es nun mit der Mutter auf sich hat. In einigen merkwürdigen Traumsequenzen, die eine echt unangenehme Aura verbreiten, bekommt man selbst als Zuschauer das Gefühl, diese Frau ist von irgendetwas besessen… und die Aura halten die beiden Filmemacher Veronika Franz und Severin Fiala verdammt gut.

Während der Film zu Beginn noch eine sehr kindliche Note hat, wenn man Lukas und Elias sieht, die toben und vorm Haus spielen, ziehen sich über dieser Idylle mehr und mehr dunkle Wolken zusammen – die dann auf harte Weise enden, wenn die Jungs ihre Zweifel ausspielen und die Kontrolle über die Mutter nehmen. Hier wird aus „Ich seh, Ich seh“ so ein bisschen wie die Junior-Variante von „Funny Games“… obwohl der Vergleich extrem hinkt und nicht wirklich passt, aber eigentlich auch nur verdeutlichen soll, dass das, was da kommt, extrem an die Nieren geht.

Gleichzeitig wird aber auch deutlich, dass die ausufernde Gewalt gegenüber der Mutter nicht von irgendwoher kommt… und das wiederum funktioniert nur dank der großartigen Schauspieler. Das größte Lob dabei geht wirklich an die hervorragenden Schwarz-Brüder. Auch wenn man sie irgendwann rein optisch wirklich nicht mehr auseinanderhalten kann, Und dennoch spielen sie sehr differenziert und auch nuanciert. Nach und nach wird die kleine Rangordnung zwischen den beiden deutlich. Lukas ist hier derjenige, der das Sagen hat, der seinen Bruder Elias viel mehr lenkt und führt. Die beiden Jungs sind wirklich der Hammer!!! Allein deswegen ist „Ich seh, Ich seh“ so verdammt sehenswert.

Doch kommen wir jetzt zu meinem SPOILER, diesem klitzekleinen Etwas, das den ganzen Film über immer ein bisschen an mir genagt hat. Normalerweise bin ich ja jemand, der so etwas jetzt nicht unbedingt sofort mitbekommt und am Ende des Films aus allen Wolken fällt, doch in „Ich seh, Ich seh“ war mir der große Twist des Films ein wenig zu offensichtlich. Die Art und Weise, wie Franz und Fiala hier inszenieren, macht von Anfang an deutlich, dass die Mutter Lukas nie wirklich wahrnimmt. Das ist zwar dennoch interessant umgesetzt, aber leider fand ich das an zu vielen Stellen zu offensichtlich, dass irgendwas mit Lukas – im Gegensatz zu Elias – nicht stimmt. Und als dann irgendwann noch die Rede von einem Auto-Unfall war, was die Gesichtsoperation erklärt, wurde es alles viel offensichtlicher.

Ab da habe ich mich dann ein bisschen veralbert gefühlt, weil „Ich seh, Ich seh“ trotz allem noch so sehr darauf baut, dass man nicht dahinter steigt, was los ist. Und dann wiederum habe ich mich gefragt, ob es nicht einfach pure Absicht war… denn so wird auch viel deutlicher, warum die Mutter sich in den Augen von Elias so verändert hat. Und warum Elias so sehr damit zu kämpfen hat, dass seine Mutter eine andere ist.

So wird dann aus diesem kleinen Horror-Streifen über die Ängste zweier Jungen eine noch viel spannendere Geschichte darüber, wie ein Junge und seine Mutter verzweifelt versuchen, mit ihrer harten Realität klarzukommen. Wie vor allem der junge Elias versucht, seine eigentlich kaputte Welt zu der heilen zusammenzufügen, die er vorher kannte.

Somit lohnt sich „Ich seh, Ich seh“ auch ein zweites Mal – vor allem für die, die nicht vorhergesehen haben. Und überhaupt lohnt sich der Film – einfach weil es endlich mal wieder ein großartiger, deutschsprachiger Streifen ist.

Wertung: 8 von 10 Punkten (und jetzt sag noch einer, man solle besser nie mit kleinen Kindern im Film zusammenarbeiten – die beiden hier sind mega-gut)

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