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Flieg, du Bengel!

30. September 2015

Hollywood kann einige Sachen einfach nicht ruhen lassen. Beziehungsweise scheint irgendjemand in Hollywood immer das Gefühl zu haben, uns Geschichten erzählen zu müssen, die wir eigentlich gar nicht hören wollen. Die Rede ist von den Origin-Stories… Geschichten darüber, wie eine bekannte Figur wurde, was sie wurde. Nun, dank Marvel und Co. sind Origin-Stories ja mittlerweile Gang und Gäbe. Man muss ja schließlich auch den Comic-Unwissenden erklären, was Sache ist. Zum Teil geht das ja noch okay, aber in letzter Zeit dichtet man in Hollywood ja auch gerne eine ganz neue Art der Origin-Story… nämlich die, von bekannten Charakteren, die mal nichts mit Comics zu tun haben. Jüngstes Beispiel war da „Maleficent“ – ein Film über die Vorgeschichte der bösen Fee, den eigentlich niemand so wirklich brauchte. Aber wir werden ja nicht gefragt… und deswegen bekommen wir jetzt mit Joe Wrights „Pan“ auch unaufgefordert die Origin-Story von Peter Pan (wohlgemerkt NUR die von Peter Pan… husthust… aber dazu später mehr).

Der junge Peter Pan (Levi Miller) wächst als Waise in London auf – mitten in den Wirren des Zweiten Weltkriegs. Bis zu dem Zeitpunkt, wo er eines Nachts von Piraten auf einem fliegenden Schiff entführt wird und nach Nimmerland gebracht wird. Hier soll er als Arbeiter für den Piraten Blackbeard (Hugh Jackman) in Minen nach Elfen-Staub suchen (stellt euch einfach „Indiana Jones und der Tempel des Todes“ mit ein bisschen mehr Farbe vor, dann seid ihr da). In diesen Minen lernt Peter den Piraten und Mitgefangenen Hook (Garrett Hedlund) kennen… und auch, dass er scheinbar fliegen kann – wodurch Peter möglicherweise zum Erlöser von Nimmerland und zum Feind von Blackbeard wird.

Verstecken nützt auch nichts…

„Pan“ ist ein gemeiner Film… warum? Nun, er hat es fertig gebracht, dass ich eine zweite Rezension schreiben musste. Wieso? Nun, das liegt daran, dass ich direkt nach dem Kino-Besuch ziemlich schwer begeistert war. Denn was Joe Wright, der ja sonst nur schwere Dramen (wie zuletzt „Anna Karenina“) dreht, hier auf die Leinwand zaubert, ist schon ziemlich verlockend. Visuell ist „Pan“ ein Bonbon-bunter Familienspaß mit tollen Sequenzen und fantasievollen Sets. Wenn da fliegende Piratenschiffe gegen britische Bomber kämpfen, denkt man sich „Wow“. Wenn diese Schiffe durch ein Wolkenmeer aus schwebenden Wasserblasen voller Fische schwimmen, dann denkt man sich auch „Wow, das sieht cool aus!“ Dann kommt eine kurze Phase, in der Hugh Jackman mit seinen Sklaven „Smells Like Teen Spirit“ und „Blitzkrieg Bop“ anstimmt und man denkt sich „WTF????“ Aber dann kehrt Joe Wright auch schon wieder zurück und bezaubert uns weiter mit tollen Sets, vielen Farben und vielem, bei dem man gar nicht so genau weiß, wo man zuerst hinschauen soll.

So war ich also eigentlich direkt nach dem Kino-Besuch schwer begeistert… aber dann kam so das Nachdenken, der Feenstaub Wrights verflog langsam und ich kam doch ein bisschen ins Grübeln. Hatte ich jetzt das gesehen, was ich wollte? Hatte ich etwas gesehen, dass wirklich so toll war, oder war es letztendlich nur schöner Schein? Es war wohl leider hauptsächlich das… es ist ein bisschen so, als würde man das erste Mal „Avatar“ im Kino in 3D sehen. Da vergisst man dann gerne mal, dass die Geschichte eigentlich ziemlich dürftig ist.

Und leider ist das dann auch bei „Pan“ der Fall. Was als spannendes Fantasie-Abenteuer anfängt, wird nach und nach mehr und mehr zur typischen und uninspirierten Erlöser-Geschichte (die zum Ende hin sogar etwas zu doll auf das strahlende Jesus-Image setzt, aber gut…). Da wird „Pan“ im Endeffekt wie eine billige Kopie von Spielbergs „Hook“, mit der Ausnahme, dass jetzt ein junger Pan erst einmal an seine Fähigkeiten glauben muss, was natürlich nur funktioniert, wenn er oder seine Freunde in Gefahr sind. Und das ist nun mal leider irgendwie nicht unbedingt die Geschichte, die man noch einmal erzählen muss. Kann man nicht einfach Peter Pan Peter Pan sein lassen? Außerdem hatte ich doch irgendwie gehofft, dass „Pan“ sich nicht auf Peter Pan, sondern vielmehr auf die Geschichte zwischen Peter Pan und Hook konzentrieren würde… aber – SPOILER-ALARM – das passiert nicht. Da hat wohl jemand ganz stark auf einen zweiten Teil gehofft… denn Hook kommt in diesem Film nicht so wirklich zur Geltung.

Somit konnte auch ein Garrett „Tron: Legacy“ Hedlund nicht beweisen, ob er das Zeug zum Piraten hat. Vielmehr verkommt er zu einem knurrigen Side-Kick, der verzweifelt versucht, die Coolness eines Han Solo zu kopieren. Nur fehlt ihm a) Chewbacca und b) ist Rooney Mara als Tiger Lily einfach mal keine Prinzessin Leia, sondern auch eher langweilig. Levi Miller gibt zwar sein Bestes und mit der richtigen Story hätte er auch wirklich zu einem sympathischen Peter Pan werden können, aber das gelingt nicht so recht. Einzig und allein Hugh Jackman hat Spaß und macht Spaß. Sein Blackbeard ist erfrischend vielschichtig, mal böse, mal nett, immer durchtrieben… blöd nur, dass er ja eigentlich nicht wirklich viel mit der ganzen Peter-Pan-Geschichte zu tun hat.

Und so muss ich dann von meinem anfänglichen begeisterten Fazit doch Abstand nehmen, will „Pan“ aber so viel zurechnen: Es ist ein witziger und kurzweiliger Familienspaß geworden, bei dem irgendwie dennoch alles zu stimmen scheint. Es ist eine schöne, bunte Ablenkung, der aber letztendlich eine bessere Story, mehr Fantasie, mehr Nimmerland und mehr Peter Pan und Hook gut getan hätte.

Wertung: 6 von 10 Punkten (schön bunt, ein wilder LSD-Traum, von dem leider am Ende nicht allzu viel zurückbleibt)

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