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Der Ruf des Berges

23. September 2015

Ich bin ein Junge von der Küste. Ich kenne das Meer (wenn man denn die Ostsee wirklich so nennen kann – ich glaube ja, dass das mit dem „See“ am Ende doch irgendwie fast ein bisschen besser passt – aber pssst… das habt ihr nicht von mir) und ich kenne das flache Land. „Berge“ gibt’s da oben keine. Deswegen habe ich mit Bergen auch wirklich nicht viel am Hut. Auf Bildern finde ich sie faszinierend, wie sie irgendwann mal entstanden sind, finde ich auch faszinierend, aber die wahre Faszination der Berge werde ich wohl nie verstehen – dafür habe ich zu viel Salzwasser in meinem Leben geschluckt!

Und so sitzt der Junge von der Ostsee eines schönes Abends in Berlin im Kino und schaut sich einen Film über eine Gruppe von Bergsteigern an, die im Frühjahr 1996 den Mount Everest besteigen wollen. Unter der Führung des erfahrenen Bergsteigers und Expeditionsführers Rob Hall (Jason Clarke mal ohne Affen) machen sich Otto-Normal-Bürger (einer von ihnen ist Postbote, ein anderer Josh Brolin) und Hobby-Bergsteiger auf „Everest“ zu besteigen. Für den stolzen Preis von 65.000 Dollar. Es lebe das Geld, das einem auch den letzten Thrill beschaffen kann.

Dann doch lieber das Affentheater.. 😉

Ein Thrill, der mir nicht innewohnt… und deswegen fragte ich mich die ganze Zeit, warum diese Herrschaften das machen? Und zum Glück stellt John Krakauer (Michael Kelly) auch diese entscheidende Frage – auf die es aber keine zufriedenstellende Antwort gibt. Wie auch? Es ist halt einfach nicht möglich alles zu verstehen. Manche Leute fragen mich, warum ich jeden Sommer bei Tough Mudder mit mache – nicht das, ich das mit dem Besteigen von Everest gleichsetzen, aber es ist irgendwie auch irrational und verrückt. Man macht es einfach, weil man es kann. Fertig! Manchmal muss nicht mehr gesagt werden.

Nun ist die Expedition von 1996 schon etwas, worüber man mehr erzählen muss, weswegen es ja nun auch „Everest“ den Film gibt. Das Jahr zeigte das Ausmaß an Hobby-Bergsteigern und die Absurdität dieser Aktionen. Da stehen die Gipfelstürmer in ewigen Schlangen an, als müssten sie bei einem Festival aufs Klo – mit dem Unterschied, dass ihnen hier der Wind nur so durch die Glieder fährt. Und schnell wird deutlich, wie doppelt grausam dieser Berg Everest wirklich ist – zum einen wird hier mit den Träumen der Kletterer fast schon gnadenlos Profit geschlagen und zum anderen schlägt Mutter Natur gnadenlos zu.

Beim Abstieg erwischt es Rob Halls Gruppe (und auch andere) schwer. Der Mount Everest wird einmal mehr zu einem riesigen Grabhügel. Und wir sind dank Regisseur Baltasar Kormakur mittendrin. Oder zumindest einige der Zuschauer, die um mich herum saßen. Ich dagegen hatte mehr mit Selbstzweifeln zu kämpfen… denn so sehr ich es auch wollte, so berührten mich doch diese Schicksale nicht. Sicherlich ist das alles tragisch, aber die ganze Zeit kam mir nur in den Sinn, dass es doch hier wie mit jedem anderen Extrem-Sport auch ist: Die wissen dort alle, worauf sie sich ein lassen. Und: Mother Nature’s a bitch! Die kennt keinen Stolz, keinen Egoismus, keine Träume… und das sollte jedem klar sein.

Kormakur versucht uns die einzelnen Bergsteiger näher zu bringen, aber er kratzt dabei nur zaghaft an der Oberfläche. Keiner von denen reißt mich mit, im Gegenteil, eher musste ich mich schon fragen, warum so ein Rob Hall nicht lieber bei seiner schwangeren Frau (eine nervige Keira Knightley) bleibt? Die Antwort: Das Geld!!! Und wieder sind wir bei der Wurzel allen Übels: dem Geld.

Wegen Geld jagen die sich da den Berg hoch und wieder runter… mein Beileid für alle Verstorbenen, aber der Film an sich erregt bei mir kaum Mitleid… zumal der auch nie so richtig weiß, was ihm jetzt wichtig ist: Der Anfang ist Bergsteigen-101 – wir lernen alles mögliche, bekommen ein paar schöne Bilder vom Everest, fertig. Und auch wenn wir gelernt haben, wie wichtig die Sauerstoff-Masken sind, nehmen sie doch alle immer und immer wieder ab. Dann zum Ende kommt der Sturm, „Everest“ möchte jetzt dramatischer Katastrophenfilm sein, was er zum Teil ist – Katastrophenfilm auf jeden Fall, denn die Bilder sind schon beeindruckend (DAS 3D IST ES LEIDER, LEIDER NICHT!!!!), aber dramatisch ist es nicht. Wenn das nicht alles auf wahren Begebenheiten beruht hätte, würde man es als billige und klischeehafte Hollywood-Erfindung abtun – in dem Sinne ist „Everest“ dann schon bemerkenswert.

Trotzdem… das Salzwasser, das durch mein Adern fließt, bleibt meistens kalt und so warte ich darauf, dass dieser toll anzusehende, aber wenig mitreißende Film endlich sein Ende findet. Aber was ist „Everest“ jetzt? Ein Mahnmal für die Verstorbenen? Eine Erinnerung an die Macht der Natur? Und die Zerbrechlichkeit des Menschen? Vielleicht ist es aber auch einfach so, dass sich so ein krasses Unglück einfach nicht als Unterhaltungsfilm eignet… denn: Egal, was ein Film für ein Genre ist, er soll mich unterhalten. Dieses Thema, die ganze Geschichte von „Everest“, wäre letztendlich vielleicht doch besser in einer Dokumentation aufgehoben. Da hätte man intensiver auch auf die Beweggründe der Teilnehmer eingehen können, anstatt einfach nur so eine Sensationsschau abzuziehen.

Wertung: 5 von 10 Punkten (tolle Bilder, eine tragische Story und ein Film, der ihr nicht so richtig gerecht wird)

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8 Kommentare leave one →
  1. 23. September 2015 16:50

    Ich weiß genau, was du meinst. Ich bin zwar kein Nordlicht oder „Junge von der Küste“, habe aber, wie du auch, keine sonderliche Bindung zu Bergen und konnte mich deshalb nur phasenweise in den Film und die Figuren einfühlen. Trotzdem hat mich die Geschichte gepackt. Ich habe mir sogar Krakauers Buch „In eisigen Höhen“ besorgt und gelesen. Ich kann deine Kritik also absolut nachvollziehen, fand den Film selbst aber deutlich besser als die von dir gegebenen 5/10. https://magofilmtipps.wordpress.com/2015/09/10/filmkritik-everest/

    • 23. September 2015 17:31

      Sorry – habe gerade gesehen, dass du meine Kritik ja schon kennst und kommentiert hast. Ignorier also den Link einfach 😀

    • donpozuelo permalink*
      23. September 2015 22:47

      Krakauers Buch würde mich in diesem Fall auch mehr interessieren – der Film hat mich einfach nie so richtig abholen können…

  2. 23. September 2015 20:00

    Da die wissen, dass es riskant ist, ist ihr Sterben auch okay? Da frag ich mich, mit wem du überhaupt Mitleid hast? Sitzt du auch vor der Tagesschau und sagst bei ertrunkenen Flüchtlingen: Selbst Schuld, die wissen ja, dass das gefährlich ist? Oder an was für einer Art Tragödie machst du das abhängig?

    Die Kritikpunkte kann ich allesamt nicht nachvollziehen (obschon es sicherlich Dinge gibt, die man kritisieren könnte). Der Sauerstoff ist zur Unterstützung für den Aufstieg und wie man am Ende sieht, ist nicht genug vorhanden für den Abstieg – warum dann kritisieren, dass sie nicht nonstop dran nuckeln? Zudem ja im Film selbst das Für-und-Wider von Sauerstoffzufuhr in einer Szene obendrein besprochen wird.

    Lässt du deine ganzen Kritikpunkte auch bei einem See-Film wie THE PERFECT STORM gelten, der quasi fast 1:1 dem hier ähnelt oder reißt da der Klabautermann in dir das Segel rum, weil der Salzgehalt in deinem Blut hochschießt? 🙂

    • donpozuelo permalink*
      23. September 2015 22:45

      Woah… woah… woah… ich bin jetzt kein Monster, und der Flüchtlingsvergleich hinkt ja mal gewaltig. Außerdem reden wir hier doch immer noch von einem Kino-Film und nicht von der Tagesschau. Die Extremsportler gehen ja bewusst das Risiko ein. Ich möchte mal stark bezweifeln, dass ein Flüchtling das alles freiwillig auf sich nehmen. Extremsportler und Flüchtlinge jetzt mit einander zu vergleichen, passt hier überhaupt nicht rein.

      Ich habe nur gesagt, dass mich die Charaktere in diesem Film auf keinste Weise bewegt haben, weil der Film auch einfach nicht so richtig weiß, wen er wie darstellen sollen. Als Dokumentation wäre das sicherlich besser gewesen.

      Und „The Perfect Storm“ kenne ich nicht, deswegen kann ich jetzt nicht sagen, ob der Salzgehalt in meinem Blut dann hochschießen würde…

      • 25. September 2015 09:58

        Sehe ich anders mit den Flüchtlingen, aber wir beide sehen die Welt sowieso unterschiedlich wie es scheint.

        • donpozuelo permalink*
          25. September 2015 12:32

          Das ist dann wohl so… und das ist sicherlich auch gut so, dass wir die Welt unterschiedlich sehen. Damit sollten wir das dann auch an dieser Stelle beenden, ansonsten könnte das hier zu einer laaaaaaaaangen Diskussion werden, die jetzt schon nicht mehr viel mit dem Film zu tun hat.

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  1. Everest (3D, 2015) | Filmkompass

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