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Kriegerische Hirschjäger

21. September 2015

Anti-Kriegsfilme haben leider immer ein Manko… und zwar, dass sie Krieg zeigen müssen, um ihn – in welcher Form auch immer – anprangern zu können. Dabei beeindrucken dann selbst die besten Filme mit bombastischen Kriegsszenen, die uns die Sinnlosigkeit des Tötens und der Gewalt verdeutlichen sollen. Nur selten funktioniert ein Anti-Kriegsfilm auch mal ohne dem Kriegsgeschehen selbst eine Plattform zu bieten. Aber es gibt sie dennoch: Filme wie „Die Letzten Glühwürmchen“ oder „Johnny Got His Gun“… oder Michael Ciminos „Die durch die Hölle gehen“.

Darin lernen wir die Stahlarbeiter Michael (Robert De Niro), Nick (Christopher Walken) und Steve (John Savage) kennen. Auf Steves Hochzeitsfeier wird noch kräftig gebechert, an den nahen Einzug und den Kampf in Vietnam denkt noch keiner der Freunde. Doch dann befinden sie sich mittendrin und geraten genau so schnell in Gefangenschaft. Hier werden sie von ihren Peinigern dazu gezwungen, Russisch Roulette zu spielen, während die Vietcong wetten, wer als erstes stirbt. Nur durch Michaels kühlen Kopf können die Drei fliehen… doch ab da zeigt sich dann die Wirkung, die der Krieg auf die Freunde hat: Steven werden die Beine amputiert und seine Ehe zerbricht. Michael, scheinbar noch am „heilsten“, kommt mit der Eingliederung in die Gesellschaft nicht so wirklich klar und Nick kommt gar nicht mehr los, bleibt in Vietnam und spielt weiterhin das gefährliche Spiel mit der einen Kugel im Revolver.

Am I talking to you? AM I TALKING TO YOU???

„Die durch die Hölle gehen“ ist wirklich nicht die Art von Film, mit der ich gerechnet hatte, als ich ihn das erste Mal schaute. Da kannte ich auch nur die oft zitierten und viel gezeigten Russisch-Roulette-Szenen, die selbst in kurzen Ausschnitten einfach nur weh taten. Wenn De Niro und Walken (oder in der allerersten Szene auch Savage) immer wieder mit Ohrfeigen (übrigens, haben sich die Darsteller wohl wirklich schlagen lassen) angetrieben werden, wenn die Peiniger lachen, brüllen und ihre Wetten platzieren, wenn der Revolver gereicht und langsam zum Kopf geführt, dann möchte man am liebsten den Atem anhalten, die Augen zukneifen und hoffen, dass der Schuss nicht kommt.

Doch so intensiv diese Szenen von Regisseur Michael Cimino auch inszeniert sind, so dreht sich bei ihm doch nicht alles um diese Gewalt. Sie sind zwar wichtiger Bestandteil, um zu verstehen, warum die drei Freunde später nicht mehr mit dem normalen Leben klarkommen. Aber Cimino zelebriert sie jetzt nicht bis ins kleinste Detail…

Stattdessen fängt er ganz behutsam an und lässt uns für eine komplette Stunde an den Vorbereitungen zur Hochzeit und der eigentlichen Feier teilhaben. So lernen wir dann in Ruhe das Leben der russischen Einwanderer in Pennsylvania und unsere drei Hauptprotagonisten kennen. Wir lernen Michael, Nick und Steve als stolze Patrioten kennen, die überzeugt und mit Stolz in den Krieg ziehen, die vorher noch bei einer letzten Hirschjagd zeigen, wie gut sie mit dem Gewehr sind. Doch diese Idylle ist schneller vorbei, als gedacht… innerhalb weniger Sekunden werden sie Opfer dieses Krieges, der sie zerstört, statt sie ihn (wenn man das jetzt mal so sagen darf).

Denn Cimino geht’s nicht um den Krieg, sondern darum, was er mit den Soldaten anstellt. Und so kehren zwei der drei Freunde als gebrochene Leute zurück in ihr geliebtes Amerika, nur um festzustellen, dass sie hier irgendwie nicht mehr hingehören. Am gruseligsten finde ich da echt die Abschlussszene, wenn die Freunde am Tisch sitzen und „God bless America“ singen. Wäre dieses Lied am Anfang des Films gekommen, wäre es wahrscheinlich voller Inbrunst geschrieen worden. Am Ende des Films wirkt es mehr wie ein Trauerlied, ein Totengesang auf die Hoffnungen, die der Krieg zerstört hat.

„Die durch die Hölle gehen“ ist ein Epos, das einen echt mitnimmt… es ist ein Antikriegsfilm, der halt nicht durch Kriegsaction lebt, sondern durch die drei verschiedenen Schicksale, die er uns offenbart. Eine echte Offenbarung ist dabei vor allem Christopher Walken, der in diesem Film am meisten durch seine Darstellung des gebrochenen Nicks überzeugt. De Niro hat den ruhigeren Part, sein Michael scheint noch am normalsten und hat dennoch seine Macken.

„Die durch die Hölle gehen“ hat seine Längen, doch wird er nie langweilig. Die drei verschiedenen Teile des Films gehen perfekt ineinander über und zeichnen halt sehr schön den Verfall des stolzen Amerikaners…

Wertung: 9 von 10 Punkten (gruselig, packend und bewegend…)

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6 Kommentare leave one →
  1. 5. Dezember 2015 17:37

    Stimmt, ein wirklich guter, ungewöhnlicher und manchmal auch anstrengender Anti-Kriegsfilm. Hat mich vor einiger Zeit auch stark beeindruckt.

    • donpozuelo permalink*
      6. Dezember 2015 21:59

      Oh ja, nach wie vor einer der erschreckenderen Anti-Kriegsfilme!!!

  2. 7. Dezember 2015 22:43

    Was soll ich sagen? Ein Klassiker. Ich liebe Cimino – also die alten Sachen. Ein paar mal gesehen und immer wieder mit Walken gelitten. Armer Kerl.
    Seinerzeit waren wir allerdings irritiert, weil wir mehr Vietnam erwartet hatten und weniger Wald und Hochzeit.

    • donpozuelo permalink*
      8. Dezember 2015 09:29

      Ich glaube, die Verwirrung besteht auch heute noch, wenn man nur weiß, dass „Deer Hunter“ ein Anti-Kriegsfilm sein soll. Irgendwie erwartet man doch auch noch viel Kriegshandlung und ist dann halt wirklich ein wenig irritiert, wenn’s mehr um die Menschen als um den Krieg an sich geht.

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