Skip to content

Das Märchen von Amerika

9. September 2015

Filme werden ja mittlerweile auch immer länger. Vorbei sind die guten Zeiten, in denen Filmemacher ihre Geschichten noch in kompakten 90 Minuten erzählen konnten. Stattdessen kriegen wir mindestens immer zwei Stunden, die dann irgendwie gefüllt werden müssen. Das funktioniert manchmal und viel zu oft leider nicht. Da wünscht man sich den Mut zum Kürzen wieder… oder jemanden, der es wirklich versteht, die ihm gegebene Zeit voll auszufüllen. Doch zum Glück sind die Zeiten von richtigen Epen im Vier-Stunden-Format auch vorbei… heutzutage würde ich das auch irgendwie keinem mehr zutrauen. Da muss man sich schon auf die alten Klassiker stützen… obwohl mir ja auch ein „Lawrence von Arabien“ mit seiner Laufzeit nicht so zugesagt hat.

Deswegen hatte ich auch ein bisschen Bedenken vor Sergio Leones „Es war einmal in Amerika“… immerhin wartet der Film auch mit stolzen 220 Minuten auf. Aber gut, ein Sergio Leone weiß ja eigentlich was er tut… und erschafft auch immer wieder großartige Film-Opern, die einen einfach in ihren Bann ziehen (ich denke da nur an „Spiel mir das Lied vom Tod“, den ich immer und immer wieder gucken könnte). Und „Es war einmal in Amerika“ ist ja nun auch noch sein letzter Film… und dann auch mal kein Western, sondern ein ambitioniertes Mafia-Epos mit Robert De Niro. Das war es dann schließlich, was mich dazu bewegt hat, Ja zu sagen und mir das Ganze einfach mal anzuschauen.

„Es war einmal in Amerika“ spielt zu drei verschiedenen Zeiten und erzählt uns so die Geschichte des Jungen Noodles (Scott Tiler, später Robert De Niro), der im jüdischen Viertel von New York aufwächst. Hier lernt er Max (Rusty Jacobs, später James Woods) kennen. Die beiden werden Freunde. Gemeinsam mit Cockeye, Patsy und Dominic rauben sie Betrunkene aus und erledigen kleinere Aufträge für die lokalen Kriminellen… bis sie sich entscheiden, selbst das Ruder in die Hand zu nehmen…

Die Goonies… richtig tough…

Man sollte wirklich nicht mehr verraten, außer das der Film aus der Sicht des alten Noodles erzählt wird, der sich in den 60er Jahren an seine Kindheit und an das gute Leben während der Prohibition erinnert. „Es war einmal in Amerika“ springt dabei gekonnt zwischen den Zeiten hin und her und offenbart uns so die Hintergrundgeschichte von Noodles. Dabei mochte sich bei mir nie ganz das Gefühl legen, dass sich ein gewisser Martin Scorsese für sein „GoodFellas“ auch ein bisschen an Leones Film orientiert hat. Aber wiederum sind die Geschichten aus dem Mafia-Milieu wahrscheinlich immer die gleichen: Man fängt früh an und zeigt seine Loyalität durch die kleineren Arbeiten. Irgendwann ist man dann groß genug, um selber etwas aufzubauen, was dann durch Gier, Ehrgeiz und falsche Freunde den Bach runter geht.

Was Leone in „Es war einmal in Amerika“ aber toll macht, ist, dass sich jede Zeitebene im Film wie ein anderer Film anfühlt. Der erste Teil mit den Jungen hat so ein bisschen was von einem Jugend-Drama a la „Stand By Me“ oder auch „Die Goonies“… nur halt irgendwie gefasster in der harten Realität des Alltags von Noodles und seiner Gang. Gerade in diesem ersten Teil muss man auch einfach mal die Casting-Arbeit loben, denn der junge Scott Tiler sieht wirklich so aus, wie man sich einen jungen Robert De Niro vorstellt (und man darf auch nicht unterschlagen, dass man hier eine bezaubernde junge Jennifer Connelly in einer ihrer ersten Rollen bewundern darf).

Der erste Teil, der Abschnitt der Jugend, lebt von seinen emotionalen Höhen und Tiefen, seinem charmanten Humor und der Dramatik der Geschehnisse. Und schon hier merkt man aber auch, dass Leone seine Bilder zelebriert… Leone liebt die ruhigen Kamera-Fahrten durch seine großen und kleinen Sets. Er erschafft tolle Bilder vor einer grandiosen Kulisse, die das alte New York aufleben lassen. Aber selbst die kleinen Momente – sei es wenn Noodles seine Jugendliebe beim Tanzen beobachtet oder wenn der junge Patsy versucht, bei der jungen Prostituierten Peggy mit einem Törtchen zu landen und es am Ende vor lauter Appetit selber auf isst – diese kleinen Momente kostet Leone aus… und sorgt so dafür, dass der Film a) auf seine stolze Laufzeit kommt (sorry, der musste sein 😉 ) und b) dass man sich den Figuren wirklich näher fühlt. Dieser Film ist wie ein Gemälde, das uns den Alltag der Jungs gekonnt näher bringt. Wenn man dazu dann noch die Musik nimmt… Ennio Morricone at his best!!!! Ich meine, wann war Pan-Flöten-Musik mal so gut wie hier?

Nach der Jugend folgt der Abschnitt der Erwachsenen. Und hier kommt dann endlich das tolle Spiel eines Robert De Niro und eines James Woods zur Geltung, die ihren Charakteren noch einmal andere Facetten als in der Jugend geben. Gerade De Niros Noodles ist ein auf der einen Seite symapthischer Charakter, auf der anderen Seite möchte man ihn aber auch einfach nur hassen… für so einige wirklich schlimme Dinge, die er tut. Aber De Niro schafft diese Gratwanderung – die ja ihre Erklärung auch immer in der Geschichte verankert findet. James Woods liefert einen guten Kontrastpunkt zu dem ruhigeren Noodles…

Wie? Du kennst „Godfather 2“ nicht? Schäm dich…

Im dritten Teil, quasi der Gegenwart (alle anderen Teile des Films sind Rückblenden), schwächelt der Film vielleicht ein bisschen, vielleicht liegt das aber auch nur daran, dass ich nicht den 30 Minuten längeren Director’s Cut gesehen habe. Wer weiß… schwächeln ist vielleicht auch zu viel gesagt, aber nach dem großartigen Start hätte ich mir ein eindrucksvolleres Finale gewünscht. Dennoch ist auch das alles im Rahmen der Story, die Leone erzählt, packend.

„Es war einmal in Amerika“ ist wohl wirklich mal ein Film, den man episch nennen darf. Von der Machart sehr kunstvoll, von der Erzählweise verschnörkelt und intensiv, von den Darstellern fesselnd und beeindruckend, von der Musik her wie eine kleine Mafia-Oper… „Es war einmal in Amerika“ ist ein Film, dem man seine Laufzeit wirklich nicht anmerkt, weil er sie zu füllen und uns zu packen weiß. Ein Mafia-Epos, das wirklich fasziniert…

Wertung: 9 von 10 Punkten (der grandiose letzte Film eines großen Regisseurs…)

Advertisements
3 Kommentare leave one →
  1. 9. September 2015 08:13

    Ja, ein beeindruckender Film, der aufgrund seiner Länge nicht zu oft in den Player wandert. Den Director’s Cut will ich irgendwann auch noch einmal nachholen.

    • donpozuelo permalink*
      13. September 2015 20:43

      Da hast du vollkommen recht. 😀

Trackbacks

  1. Der Pate und die Enten | Going To The Movies

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: