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The Lonesome Vampire

2. September 2015

Den Klischee-Vampir will niemand mehr sehen. Den Grafen auf seiner dunklen Burg, der lüstern Jungfrauen angeifert und ihr Blut trinkt, haben wir oft genug gehabt – weswegen wohl auch ein Luke Evans als „Dracula Untold“ ziemlich untergegangen ist. Selbst Vampire können halt altbacken werden und brauchen hin und wieder einen Anstrich (manche Anstriche bzw. Glitzersteine hätte man jetzt nicht anbringen müssen, aber Veränderungen sind ja auch manchmal gut). Filme wie „So finster die Nacht“ oder zuletzt „Only Lovers Left Alive“ haben gezeigt, dass Vampire auch ein bisschen subtiler sein können und dürfen… sie müssen halt nicht einfach nur Blutsauger sein.

Ein weiterer Vampir-Film der eher subtileren Art ist „A Girl Walks Home Alone At Night“ – ein langer Titel für einen wunderbaren Film: Bad City ist eine kleine Geiserstadt irgendwo im Iran – ein einsamer, fast verlassener Ort, dessen Straßen immer leer zu sein scheinen. Nur nachts sieht man Menschen wie etwa die Prostituierte Atti (Mozhan Marnò), der gemeine Zuhälter Saeed (Dominic Rains) oder der junge Arash (Arash Marandi), der sich um seinen Drogenabhängigen Vater kümmern muss. Auch auf den Straßen unterwegs ist eine junge Frau (Sheila Vand)… die einsam durch die Straßen auf einem Skateboard streift, die wenigen Menschen beobachtet… und hin und wieder einen von ihnen tötet, um ihr Blut zu trinken.

She really walks home alone at night…

„A Girl Walks Home Alone At Night“ erinnerte mich zuerst wirklich sehr stark an „Only Lovers Left Alive“, aber nicht etwa wegen der Vampir-Geschichte, sondern einfach wegen dem Gefühl, das dieser Film in mir auslöste. Und wenn ich ehrlich sein soll, ist dieses Gefühl in „A Girl Walks Home Alone At Night“ sogar noch ein bisschen intensiver gewesen. Dieser Film hat mich wirklich in seinen Bann gezogen…

Zu allererst sind da die Bilder – Regisseurin Ana Lily Amirpour fängt diese Geisterstadt in kraftvollen Schwarz-Weiß-Bildern ein. Und das faszinierende daran ist, dass die Geschichte zwar im Iran spielt, der Film in den USA gedreht worden ist und es im Film überall hätte sein können. Amirpours Geisterstadt wird wirklich eine anonyme Geisterstadt voller verzweifelter Existenzen. Das ist das Großartige an dieser Stadt – letztendlich kann man sie überallhin versetzen. Sie wird wie seine Hauptdarstellerin – ein faszinierendes, mysteriöses Wesen… und wichtiger Bestandteil für den Film selbst.

Passend zu den Bildern – und hier greift der Vergleich mit „Only Lovers Left Alive“ wahrscheinlich am besten – arbeitet Amirpour wunderbar mit der Musik zusammen. „A Girl Walks Home Alone At Night“ ist ja ein Film der wenigen Worte und baut viel mehr Stimmung durch die Bilder und die Musik auf. Und was sich Amirpour hier zusammen gemixt hat an Musik ist grandios und passt perfekt zu den Bildern. Die Mischung aus Alternative, Elektro, iranischem Punk und Rock und alten Klassikern mag so auf dem Papier merkwürdig klingen, ist aber der perfekte Klangteppich zu diesem Film.

Aus diesen Elementen zaubert Amirpour dann einen merkwürdig interessanten Film, der mich absolut in seinen Bann gezogen hat. Die Bilder sind teilweise echt hypnotisch, wenn Sheila Vand zum Beispiel nachts in Zeitlupe auf ihrem Skateboard durch die Gegend fährt und ihr schwarzes Gewand wie das Cape eines Superhelden hinter ihr flattert.

Dazu kommt auch einfach die Faszination an Vands Charakter selbst: Ist sie ein böser Vampir oder ein guter? Man weiß es anfangs nicht, hat am Ende aber schon das Gefühl, dass sie so etwas wie ein Schicksalsengel ist, der die Bösen bestraft und die Guten bewahrt… oder, wie man an ihrer Begegnung mit einem kleinen Jungen sieht, sie versucht es zumindest. Sheila Vands Vampir-Dame ist dann wiederum gut mit der jungen Vampirin Eli zu vergleichen… zauberhaft, gefährlich und geheimnisvoll.

Ich habe auch immer wieder gelesen, dass „A Girl Walks Home Alone At Night“ mit einem Western verglichen wird. Passt meiner Meinung nach nicht so wirklich, weil… es dafür so richtig keine Ansätze gibt. Der Film ist einfach ein beeindruckendes „Kunstwerk“, das perfekte Stimmung aufbaut und auf sehr subtile Art und Weise eine unheimliche Sogkraft entwickelt.

Wertung: 10 von 10 Punkten (ein weiterer sehr, sehr cooler Vampir-Film fernab vom üblichen Blutsauger-Klischee)

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8 Kommentare leave one →
  1. 2. September 2015 19:57

    Sind zwar wie immer weitaus mehr Punkte als bei mir, aber gehört bis dato auch zu meinen Favoriten des aktuellen Jahres. Zumindest soweit sind wir uns einig 😀

    • donpozuelo permalink*
      3. September 2015 22:31

      Na Mensch, das hätte ich ja jetzt nicht mehr für möglich gehalten 😀 😀 😀 Aber freut mich natürlich umso mehr…

  2. 2. September 2015 20:23

    Boah, dass Du den so gut findest! Ein zweites Mal wollte ich den nicht gucken. War mir zu entschleunigt und zu künstlerisch ohne wirklich gut zu sein. Sicher, der Film hatte echt gute Momente, mehr aber auch nicht.

    • donpozuelo permalink*
      3. September 2015 22:32

      Doch, irgendwie fand ich da alles echt sehr stimmig, bin auch schon kurz davor, mir den Soundtrack zu kaufen 😀

  3. 3. September 2015 07:46

    Auch einer meiner Favoriten bisher in diesem Jahr. Wunderbarer, kleiner, atmosphärischer Film, der am besten in einem kleinen, kuschligen Kino kommt. Zumindest hatte das bei mir die beste Sogwirkung…

    • donpozuelo permalink*
      3. September 2015 22:33

      Ich hab ihn jetzt leider nur zuhause geschaut, aber selbst da hat er – wie man sehen kann – bestens funktioniert.

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  1. 2015 | Going To The Movies
  2. Blogparade: My 100 greatest films of the 21st century… so far | Going To The Movies

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