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Großstadt-Sorgen

27. Juli 2015

Klassiker muss man ja immer irgendwie gut finden, sonst wird man nicht Ernst genommen oder (zumindest mental) gehauen. Schließlich kommt der Titel eines Klassikers ja nicht von irgendwo her und das muss man würdigen. Aber was ist nun, wenn der Regisseur selbst sagt, dass er seinen Film eigentlich nicht mag? Dann kann man sich zumindest etwas beruhigter zu seinem Film äußern, wenn er einem auch nicht soooo gut gefallen hat. Von daher kann ich dann jetzt mit etwas ruhigerem Gewissen behaupten, dass ich so meine Probleme mit Woody Allens „Manhattan“ hatte. Wobei „Probleme“ jetzt vielleicht auch zu hart klingt… manchmal mochte ich den Film und manchmal nicht…

Isaac Davis (Woody Allen) schreibt Comedy fürs Fernsehen, ist damit aber irgendwie unglücklich. Er geht mit der 17-jährigen Tracy (Mariel Hemingway) aus, sein bester Freund Yale (Michael Murphy) betrügt seine Frau mit Mary (Diane Keaton), mit der Isaac erst gar nichts anfangen kann und sich später dann doch in sie verliebt. Und dann ist da noch Isaacs Ex-Frau (Meryl Streep), die jetzt mit einer Frau zusammenlebt und ein Buch über die Trennung von ihrem Mann schreibt.

Fifty Shades of Allen…

Woody Allen, der Stadtneurotiker, präsentiert uns in „Manhattan“ eine Neurotikerstadt. Sein „Manhattan“ ist belebt mit Menschen, die gerne viel sagen und dann doch eigentlich nichts zu sagen haben. Es sind alles sehr oberflächliche Menschen, die sich in ihren Nichtigkeiten verlieren… wenn Isaac zum Ende des Films die Dinge auflistet, die für ihn das Leben lebenswert machen, sind das erschreckend banale Dinge. Wenn er sich auf Parties über Kunst oder sonst irgendwas unterhält, sind es nie wirklich tiefgreifende Gespräche, sondern öder Small-Talk mit dem Versuch, klug zu klingen.

Woody Allens „Manhattan“ entlarvt den New Yorker Hipster, den vermeintlichen Kunstliebhaber, den angeblichen Lebemann als neurotisches, unsicheres Wesen, das verzweifelt versucht, die Anerkennung seiner Mitmenschen zu gewinnen. Dieser New Yorker, für den Allens Isaac dann wohl stellvertretend steht, ist jemand, der in erster Linie an sich selbst denkt… was, wenn wir mal ehrlich sind, ein klassisches Großstadt-Problem ist. Ich, ich, ich… und dann die ständige Angst, man könnte was verpassen.

An und für sich ist das alles schon toll und dank Allens lockerleichter Dialoge auch teilweise sehr witzig. Teilweise aber auch irgendwie nervtötend. Denn wenn die Herrschaften sich zum tausendsten Mal über Kleinigkeiten unterhalten, wird es irgendwie langweilig. Irgendwo ab der Mitte hätte ich mir vielleicht doch ein bisschen mehr Tiefgang gewünscht… aber vielleicht ist das auch nur ein weiterer Punkt, den Allen uns offenbaren möchte: Tiefgang gibt es nicht. Vielleicht liegt darin auch die Genialität von „Manhattan“ – das Oberflächliche genau so darzustellen, wie es ist. Unspektakulär… öde… langweilig…

Aber das ist „Manhattan“ dann auch wieder nicht, ist es doch ein toll anzuschauender Film und eine wunderschöne Liebeserklärung an New York. Das wird ja schon in den ersten drei Minuten deutlich, in denen wir Allen nur aus dem Off hören und zu George Gershwins „Rhapsody in Blue“ Bilder von New York bekommen. Die Musik allein hebt diese Bilder zu etwas Epischem an, die Stadt wird zu etwas Übermächtigem, etwas Großem, etwas Anbetungswürdigem. Hier würde jeder einzelne Screenshot ein gutes Ikea-Bildmotiv abgeben.

Dazu kommen das Schwarz-Weiß und die tollen Bilder von Kamera-Mann Gordon Willis, der so schön mit Licht und Schatten, Hell und Dunkel spielt… da möchte man schon fast selbst höchst intellektuell darüber sinnieren, was uns der Künstler wohl damit sagen möchte.

Wie gesagt, „Manhattan“ hat was, so ganz kann man sich nicht von diesem Film lösen, der so schön aussieht, aber innerlich auch ein bisschen hohl wirkt. Dieser Film ist wie seine Charaktere – schön oberflächlich… aber wie gesagt, vielleicht muss das genau so sein.

Wertung: 7 von 10 Punkten (der Stadtneurotiker trifft viele Freunde…)

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