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Einmal im Kreis, bitte!

10. Juni 2015

Der deutsche Film und ich… ich und der deutsche Film – wir werden wohl nie so richtig Freunde werden, aber ich versuche es dennoch immer wieder mal. Man will ja immer versuchen, weiterhin offen für wirklich alle (filmischen) Dinge zu sein… und wenn mal ein deutscher Film kommt, der jetzt nicht Komödie ist oder historisches Drama, in dem zum Millionsten Mal irgendein Thema der deutschen Geschichte auseinandergenommen wird, dann bin ich auch mal gewillt, dafür ins Kino zu gehen. Und wenn es sich dann noch um etwas handelt, dass wirklich mal was Neues und Interessantes ist, dann gleich noch viel eher.

Dabei gebe ich gerne zu, dass ich auch bei Sebastian Schippers „Victoria“ leicht Bedenken hatte. Die Geschichte um die junge Spanierin Victoria (Laia Costa), die in Berlin auf Sonne (Frederick Lau) und seine Kumpels stößt und somit eine wilde Nacht in der coolsten Stadt der Welt (i said it!!!!) erlebt – inklusive Banküberfall, klang jetzt erstmal etwas unspektakulär. Als ich dann noch las, dass es sich bei „Victoria“ um einen Film handelt, der in einer einzigen Kamerafahrt gedreht wurde, kamen dazu noch unschöne „Birdman“ Erinnerungen wieder hoch. Wird das hier wieder nur so ein Gimmick-Film, der eine einfache Story damit verkaufen will, dass er besonders cool gemacht worden ist?

No talking in the Fahrstuhl…

Nein, im Gegensatz zu „Birdman“ ist in „Victoria“ diese eine einzige riesige Plansequenz tatsächlich verdammt cool. Und natürlich ist es hier auch wieder ein bisschen mehr Gimmick als wirklich zweckmäßig – schließlich hätte man den Film auch „normal“ drehen können. Aber was der Norweger Sturla Brandth Grovlen hier hinter der Kamera macht, ist schon der Hammer. Denn im Gegensatz zu „Birdman“ wurde in „Victoria“ ja wirklich kein Schnitt gesetzt… und das obwohl die Handlung nicht auf einen Ort beschränkt ist.

Das hat mich dann auch extrem gefreut. Wir hängen halt nicht nur an einem Platz, sondern wir bewegen uns mit den Darstellern wirklich durch Berlin. Dabei ist das aus logistischen und finanziellen Gründen natürlich nicht ganz Berlin. Was witzig ist, wenn man sich in Berlin ein winzig kleines bisschen auskennt – dann fällt nämlich schon auf, dass sich alles in einem sehr geringen Radius abspielt. Da geht die große Flucht nach dem Raubüberfall schon mal gerade zweihundert Meter weit, bevor man sich schon in Sicherheit wähnt. 😀 Aber gut, das ist Meckern auf hohem Niveau…

Man darf sich jetzt auch nicht zu sehr auf die Machart des Films konzentrieren, aber man darf sich auch nicht unterschlagen. Die Kamera-Arbeit ist toll, obwohl ich am Ende wegen der Wackelkamera echt üblere Kopfschmerzen als bei „The Blair Witch Project“ hatte. Aber als jemand, der selbst mal ab und an eine Kamera in der Hand hat, möchte ich mir gar nicht vorstellen, wie das gewesen sein muss, Kamera-Mann bei „Victoria“ zu sein. Immerhin reden wir hier von einem 140-Minuten-Film… in einem einzigen Take. Autsch… Also noch einmal Hut ab vor Sturla Grovlen. Das ist schon echt beeindruckend.

Beeindruckend ist aber auch, was die Darsteller aus Schippers 12-Seiten-Drehbuch gemacht haben. Die Spanierin Laia Costa ist einfach nur umwerfend und Frederick Lau ebenfalls… vor allem, wenn er in seinem holprigen Englisch versucht, sie zu „umgarnen“. Zwar ist es auf die Dauer schon ein bisschen anstrengend, diesem „Englisch“ zu zuhören, aber es funktioniert bestens. Im Laufe des Films wachsen Victoria und Sonne so glaubwürdig zusammen, wie man es wahrscheinlich schon lange nicht mehr in einem deutschen Film gesehen hat. Das ist eine rührende und glaubwürdige Beziehung und nicht etwas, das mal so zusammengeschrieben wurde. Man spürt in diesem Film förmlich, wie die Darsteller mit ihren Charakteren verschmolzen sind.

Wenn ich neben dem Englisch und meinen stechenden Kopfschmerzen noch ein weiteres Mal meckern dürfte, dann hätte das wohl mit der Länge des Films zu tun. Der Film baut anfangs sehr schön die einzelnen Charaktere auf – wenn man da mal länger auf einem Dach in Berlin hockt und sich unterhält oder wenn Victoria und Sonne sich in einem leeren Café näher kommen, dann möchte man fast gar nicht, dass das alles schon vorbei ist. Aber gerade zum Ende hin – nach dem Banküberfall – scheint sich der Film etwas sehr zu strecken. Es gibt eine Stelle, an der hätte ich das Ende cooler gefunden (für alle, die den Film kennen: ich meine, die Feierszene im Club). Aber Schipper lässt die Kamera noch weiterlaufen… zu einem Ende, dass ein wenig zu dramatisch, zu gewollt gestreckt wirkt und sich dabei etwas verliert…

Aber all das ist egal, gibt mir „Victoria“ doch den Glauben an deutsche Filme-Macher zurück…

Wertung: 8 von 10 Punkten (eine tolle Indie-Perle mitten aus Deutschland… schon irgendwie sehr geil!!!)

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5 Kommentare leave one →
  1. 10. Juni 2015 08:02

    Wohl einer der Filme, denen ich zurzeit am meisten entgegenfiebere. Schon alleine aufgrund des wunderbaren Konzepts und natürlich wegen Schipper, dessen „Absolute Giganten“ ich liebe! 🙂

    • donpozuelo permalink*
      10. Juni 2015 08:42

      Ist auf jeden Fall sehenswert und auch sehr zu empfehlen. Ich warne nur halt gerne noch einmal vor der etwas anstrengenden, wackligen Kamera… mir zumindest hat das echt extreme Kopfschmerzen bereitet… 😀 Aber ansonsten ist’s ein toller Film.

  2. 10. Juni 2015 12:12

    Mindestens 2 Punkte zu wenig, aber immerhin ist die Tendenz ja zu sehen.
    Fand die Wackler bei den schnelleren Kamerabewegungen nicht störend, Längen kamen für mich auch keine vor.
    Und neben der tollen Kamera, darf auch die Musik von Nils Frahm nicht zu kurz kommen, die das Treiben perfekt untermalt.

    • donpozuelo permalink*
      10. Juni 2015 12:25

      😀 Das mit der Kamera ist wohl auch eher ein persönliches Ding. Ich komme damit einfach nicht so gut klar… Die Längen, gerade zum Schluss hin, fand ich dann schon ein bisschen anstrengend. Da hatte ich die ganze Zeit das Gefühl, man hätte schon viel früher Schluss machen können. Aber es kam dann doch noch nicht… (kleiner Mini-Spoiler: Ich finde ja, man hätte in der Party-Szene nach dem Überfall aufhören können… vielleicht damit, dass die Polizei langsam die Treppe runterkommt…)

      Und ja, du hast Recht, der Soundtrack ist extrem gut.

      • 10. Juni 2015 12:54

        SPOILER

        Hm, aber wenn der Film da endet, bekommt Victoria für sich aber nicht das Ende, dass Schipper seiner Protagonistin geben wollte: Endlich eine Chance haben, im wahrsten Sinne des Wortes auszubrechen. Insofern ist das Finale, wenngleich (über)dramatisiert, genau der richtige Ausweg der Geschichte. – Was nicht heißen soll, dass der Film anders hätte enden können (ähnliche Gedanken kreisen auch bei anderen Filmen durch meinen Kopf), aber die Entscheidung des Autors/Regisseurs ist in der Gesamtbetrachtung dann doch auch einleuchtend für mich.

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