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Wüste und nichts als Wüste

4. Mai 2015

Ich habe ein schlechtes Gewissen. Ein so richtig schlechtes Gewissen… denn ich habe einen Klassiker gesehen und er hat mich nicht umgehauen. Was ja irgendwie eigentlich auch in Ordnung sein sollte, Geschmäcker sind ja schließlich verschieden und nicht jeder Film spricht jeden Zuschauer an. Aber gerade bei diesem Klassiker habe ich ein besonders schlechtes Gewissen. Denn der wird nun gehypt und gelobt und gefeiert, wo man nur hinschaut. Er wird als einer der besten Filme aller Zeiten bezeichnet, gewann seinerzeit sieben Oscars und ein Steven Spielberg nennt diesen Film (laut Wikipedia) ein „Wunder“. Und mit all diesen Infos im Hinterkopf habe ich halt ein schlechtes Gewissen… ein schlechtes Gewissen deswegen, dass ich nach 222 Minuten mehr als nur froh war, dass David Leans Mammut-Werk „Lawrence von Arabien“ endlich vorbei war.

Der Film basiert auf den Erlebnissen des britischen Soldaten T.E. Lawrence, der während des ersten Weltkriegs an der Seite mehrer Beduinen-Stämme gegen die Türken auf der arabischen Halbinsel kämpft. Lawrence (Peter O’Toole) trifft dabei auf den Prinzen Faisal (Alec Guinness) und dessen „Herrführer“ Sherif Ali (Omar Sharif), die er im Kampf unterstützt. Nach ersten Erfolgen wird Lawrence von den Männern Faisals gefeiert… doch der Krieg hinterlässt Spuren und Lawrence muss sich bald entscheiden, wie er weiter vorgehen will.

Ich opfere den Verfasser dieses Textes an die Götter der Wüste…

„Lawrence von Arabien“ fängt an wie „Citizen Kane“: Der große Lawrence stirbt bei einem Motorrad-Unfall und danach sehen wir einen Journalisten, der verzweifelt versucht, etwas mehr über diesen Mann herauszufinden. Nur scheint niemand ihn wirklich zu kennen… weswegen hier dann der Film erst so richtig ansetzt, um uns ein besseres Bild zu liefern. Dabei hatte ich wohl aber meine größten Probleme damit, dass ich den Menschen Lawrence nie so richtig verstanden habe…

In Kairo, wo wir ihm dann das erste Mal als Offizier begegnen, zeigt man ihn uns als Querulant, intelligent, aber nicht wirklich fähig sich mit dem gebürtigen Respekt vor seinen Vorgesetzten zu benehmen. Daraufhin wird er zu Prinz Faisal geschickt, wo er sich auf einmal als mutiger Abenteurer und Militär-Stratege beweist… warum und wieso auch immer. Der Film geht mir irgendwie nie so richtig auf die Person Lawrence ein, auch wenn sich das Ganze ja auch irgendwie als Biopic bezeichnen ließe. Zwar wird schon ein Wandel in seiner Persönlichkeit durch die Dinge, die er im Krieg erlebt, verdeutlicht, aber ich hatte nie das Gefühl, den Mann Lawrence wirklich zu kennen. Woher kommt seine Begeisterung für das arabische Volk und sein Ehrgeiz für sie zu kämpfen? Eine kleine Psycho-Studie dieses „großen Helden“ hätte doch bei fast vier Stunden Laufzeit auch noch irgendwo mit rein gepasst.

Aber naja… „Lawrence von Arabien“ ist ja auch noch ein bisschen mehr als nur die Geschichte von T.E. Lawrence. Es ist ja auch Kriegs- und Abenteuer-Film zugleich. Unterteilt durch eine Intermission ist vor allem der erste Teil des Films noch der, der mich am ehesten angesprochen hat. Denn hier ist der Film halt mehr Abenteuer-Film, der mit atemberaubenden Bildern punktet. Hier beherrscht die Wüste das Bild und ich mag mir nur den Film auf einer großen Leinwand vorstellen, um sofort Lust zu bekommen, selbst mal auf den Spuren von Lawrence zu wandeln.

Dieser erste Teil wirkte für mich auch noch am schlüssigsten und hätte auch für sich allein stehen können, aber es ist ja erst der zweite Teil, der versucht, sich mehr auf die Person Lawrence zu konzentrieren. Hier wird der gequälte Mann dem Helden aus dem ersten Teil gegenüber gestellt… aber so richtig konnte ich einfach nicht mit ihm mitfühlen. Ich weiß nicht, ob es an Peter O’Tooles leicht steifen Art war oder das man einfach keinen richtigen Einblick in die Figur selbst bekommt, aber der zweite Teil wirkte sehr lahm… was natürlich an veränderten Sehgewohnheiten, etc. liegen könnte… aber das ist es alles nicht. Der Film hat mich nach der Intermission nicht mehr fesseln können.

Somit bleibt mein schlechtes Gewissen, diesen großartigen Film jetzt nicht so großartig zu finden. Er bleibt natürlich – gerade in seinem ersten Teil – mehr als nur sehens- und auch hörenswert, denn neben den Bildern ist es bei „Lawrence von Arabien“ auch die großartige Musik, die sich perfekt den epischen Bildern anpasst und für Gänsehaut sorgt. Und man muss wohl auch den Hut vor diesem Film ziehen, den heute so wohl nie jemand produzieren würde. Gedreht an Originalschauplätzen und mit so vielen Statisten spürt man in jeder Einstellung, was für ein Mammut-Projekt das gewesen ist…

Wertung: 7 von 10 Punkten (es tut mir Leid, Filmwelt, aber „Lawrence“ und ich werden nicht so richtig Freunde werden – oder ich muss den Film vielleicht irgendwann noch einmal schauen, jetzt nachdem die ganzen großen Erwartungen ein bisschen heruntergeschraubt worden sind)

17 Kommentare leave one →
  1. 4. Mai 2015 10:22

    Hab den nie gesehen. Bei einer Laufzeit von 4 Stunden weiß ich sowieso, dass ich irgendwo in der Mitte völlig das Interesse verliere.

    • donpozuelo permalink*
      4. Mai 2015 10:29

      Ja, vier Stunden sind schon verdammt lang. Und das habe ich bei diesem Film sehr stark gemerkt. Außerdem ist die zweite Hälfte bei weitem nicht so stark wie die erste.

      • 4. Mai 2015 10:38

        Ist aber auch nix, was ich unbedingt sehen muss. Man muss auch nicht jeden Klassiker kennen.

        • donpozuelo permalink*
          4. Mai 2015 16:52

          Da hast du wohl Recht 😀

  2. 4. Mai 2015 11:15

    Habe ich auch noch nie gesehen, obwohl mich der Film spätestens seit der „Prometheus“-Referenz reizt. Klingt aber so anstrengend… 😉

    • donpozuelo permalink*
      4. Mai 2015 16:53

      Er ist es schon ein bisschen 😀 Aber welcher Vier-Stunden-Film ist das nicht??? 😀

  3. 4. Mai 2015 19:38

    So sind sie eben, die jungen Hüpfer. Wenn mal nicht 40 Minuten alles „swish“, „zoom“ und „boom“ macht und sich CGI-Geschöpfe in der Großstadt prügeln, ist das alles nicht mehr fesselnd 😛

    • donpozuelo permalink*
      4. Mai 2015 23:13

      Darauf muss ich jetzt nicht antworten, oder? 😉

      • 6. Mai 2015 16:33

        Nein, das war auch – wie so oft – mehr Getease von meiner Seite.

        Ist natürlich schade, dass dich die zweite Hälfte enttäuschte, aber auch ich habe Klassiker wie Der Dritte Mann oder Wenn die Gondeln Trauer tragen, die ich sogar schlicht schlecht finde.

        • donpozuelo permalink*
          7. Mai 2015 08:42

          „Der Dritte Mann“ fand ich eigentlich ganz gut, an „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ traue ich mich irgendwie nicht ran 😀

  4. 5. Mai 2015 15:42

    Du und deine irreführenden Post-Titel – ich war schon so gespannt, was du von dem „Mad Max“-Remake hältst …

    • donpozuelo permalink*
      5. Mai 2015 15:58

      😀 😀 😀

      Selbst wenn ich den schon gesehen hätte, würde ich die Kritik nicht schon so früh raushauen.

  5. 6. Mai 2015 21:26

    Ach … ich finde, dass du dich nicht ärgern oder schämen musste, dass du dieses angebliche Wunderwerk nicht so grandios findest wie alle anderen. 😉 Ich selber habe ihn noch nicht gesehen, kenne aber von anderen Klassikern die Ernüchterung.
    Und die großen Geister wie Spielberg, die den Film loben, haben auch meistens einen andere Filmgucker-Hintergrund. Haben es gesehen und bewundern in einem viel größeren Ausmaße, dass der Film überhaupt umgesetzt werden konnte bspw. da spielen wahrscheinlich viele Aspekte eine Rolle.

    • donpozuelo permalink*
      7. Mai 2015 08:47

      Bei Spielberg verstehe ich das sogar noch. Wenn man sich dann mal „Indiana Jones und der Letzte Kreuzzug“ anschaut, dann merkt man schon, dass Spielberg da einem seiner Lieblingsfilme in den Wüsten-Szenen eine Hommage macht, aber ja… nur weil irgendjemand irgendeinen Film als Klassiker bezeichnet, muss uns der ja heute nicht immer gefallen. Bei einigen anderen Klassikern kann ich den Status eher nachvollziehen, wenn sie beispielsweise die Art des Filme-Machens oder Geschichten-Erzählens oder sonst was verändert haben, aber epische Geschichten gab’s nun auch schon vor „Lawrence“ genug 😀

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