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Old Samurai Ken

6. April 2015

Wenn jemand es verdient hat, sich an amerikanischen Filmen zu bedienen, dann sind es asiatische Filmemacher. Denn viel zu oft werden deren großartige Filme von amerikanischen Studios genommen und auf uns als Remakes losgelassen, die nur in den seltensten Fällen das Original übertrumpfen können. Allerdings fragt man sich dann auch, warum ein asiatischer Regisseur sich überhaupt etwas aus Hollywood klauen und „remaken“ sollte??? Vielleicht einfach nur, um zu zeigen, dass selbst ein Remake gut sein kann, wenn man es nur richtig anstellt? Oder vielleicht sogar, dass ein Remake besser sein kann als das Original? Vielleicht wollte Regisseur Lee Sang-il auch einfach nur zeigen, dass es andersrum geht. Schließlich steht Hollywood unter anderem tief in der Schuld von Akira Kurosawa, dessen Samurai-Filme immer wieder gerne zu amerikanischen Western „umfunktioniert“ wurden. So geschehen bei „Die Sieben Samurai“, aus dem John Sturges’„Die glorreichen Sieben“ wurde… und auch „Yojimbo“ aus dem Sergio Leones „Für eine Handvoll Dollar“ mit Clint Eastwood wurde. Und vielleicht hat sich Lee Sang-il die Frage gestellt: Kann man aus einem Western auch einen Samurai-Film machen?

Er hat’s einfach mit seinem „The Unforgiven“ ausprobiert und sich bei Clint Eastwood und dessen „Erbarmungslos“ bedient. Statt im Wilden Westen spielt das Ganze in Japan, kurze Zeit nachdem die berühmten Samurai von der Regierung ihrer Macht enthoben wurden. Der alternde Samurai Jubei (Ken Watanabe), früher ein gefürchteter Krieger, schlägt sich mehr schlecht als recht als Bauer durch… bis sein alter Weggefährte Kingo Baba (Akira Emoto) ihn für eine Kopfgeld-Jagd ausfindig macht: Denn die Prostituierten eines kleinen Dorfes haben ein Kopfgeld auf die zwei Brüder ausgestellt, die eine der ihren verunstaltet haben. Jubei und Baba wollen sich also dieses Kopfgeld holen und reiten gemeinsam mit dem jungen Goro in Richtung Dorf… doch dort hat der Dorfaufseher Oishi (Koichi Sato) das Zepter fest in der Hand.

Cowboys made in Japan

Wer sich auch nur grob an „Erbarmungslos“ erinnern kann, wird schnell gemerkt haben, dass sich an der eigentlichen Geschichte nicht sonderlich viel verändert hat – außer natürlich die Tatsache, dass Eastwoods Western auf einmal in Japan spielt und hier Samurai ein bisschen Cowboy spielen. Ansonsten ist Lee Sang-ils Film eine fast originalgetreue Kopie des Westerns. Er übernimmt sogar ganze Dialogzeilen und Einstellungen. Und dennoch gelingt es Lee, dass sein „The Unforgiven“ anders wirkt… und fast eher so, als hätte diese Geschichte nie anders erzählt werden können.

Ich weiß nicht so recht, wie ich das erklären soll. Aber irgendwie fand ich die ganze Geschichte in diesem Samurai-Gewand überzeugender, glaubwürdiger… wenn Jubei hier von seiner Frau oder von Ehre redet, empfinde ich das als glaubwürdiger als bei Clint Eastwood. Denn Samurai, so hat mir das jeder Samurai-Film vorgesetzt, sind so auf ihre Ehre konzentriert, während so ein einfacher Cowboy doch viel zu schnell wieder auf seinen alten Pfaden wandelt. Wenn Jubei hier irgendwann wieder das Töten anfängt, dann nur unter extremem Vorbehalt… und das spürt man auch viel deutlicher.

Dass so ein Western als Samurai-Film irgendwie auch ein paar coolere Schauwerte hat, ist dann auch nicht zu verkennen. Denn statt einfach nur rumzuballern, kommt hier auch mal das Schwert zum Einsatz. Dadurch werden viele Szenen einfach irgendwie intensiver… allein zum Beispiel, wenn Bösewicht Oishi nur mit einem Schwert bewaffent einen Schreiber auffordert, auf ihn zu schießen. Hier ist die Spannung in der Luft förmlich spürbar… am meisten wirkt sich der Samurai-Effekt aber auch das große Finale aus. Während Clint Eastwood gekonnt blaue Bohnen verteilt, geht Ken Watanabe mit dem Schwert auf seine Widersacher los… und okay, vielleicht liegt es einfach mal an meiner Affinität für Samurai, aber dieses Finale tritt dem Eastwood-Finale ordentlich in den Hintern.

Ordentlich in den Hintern wird auch Gene Hackman getreten (natürlich ist all dieses Hintern-Treten trotzdem positiv zu sehen). Hackmans Bösewicht war auch irgendwie ein merkwürdig-komischer Schurke. Koichi Sato ist dagegen ein vollfertiges Arschloch. Während man für Hackman vielleicht irgendwo noch ein bisschen Sympathie aufbringen könnte, ist Sato ein richtig fieser Typ. Bei dem hat man das Gefühl, dass der schweigsame Ken Watanabe nie im Leben ankommen würde.

„The Unforgiven“ ist eines dieser Remakes, das wirklich gut ist. Ich möchte wirklich sagen, es ist sogar besser als das Original. Lee Sang-il bleibt dem Original treu und macht doch etwas ganz eigenes, etwas neues daraus. Clint Eastwood kann sich da echt freuen und stolz sein auf dieses Remake.

Wertung: 9 von 10 Punkten (der Western als Samurai-Film funktioniert bestens)

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11 Kommentare leave one →
  1. oldboyrap permalink
    6. April 2015 08:57

    Ich fand das Original komplett scheiße, vll werd ich mir das Remake mal anschauen, weil ich mit asiatischen Filmen eh mehr anfangen kann als mit amerikanischen 🙂

    • donpozuelo permalink*
      7. April 2015 09:24

      Ich muss auch zugeben, dass ich das Remake zuerst gesehen habe und danach erst das Original 😀 Das hat sicherlich auch Nachwirkungen auf meine Sichtung des Originals gehabt 😉

  2. 6. April 2015 11:51

    Bin aus Versehen in den zweiten Abschnitt zur Zusammenfassung der Story gesprungen und dachte mir spontan „Hä? Hat er nicht gerade erst einen Artikel darüber geschrieben? Aber Moment, warum Samurai, war’n das nicht Cowboys?“ ^^ Schwertkämpfe finde ich aber prinzipiell eigentlich immer beeindruckender als Rumgeballer, von daher ist es in meinem Weltbild vollkommen sinnig, wenn ein Samurai-Remake besser abschneidet als das Original. 😉

    • donpozuelo permalink*
      7. April 2015 09:25

      Haha 😀 Danke. So sieht das in meinem Weltbild auch aus. Es ist wirklich cooler 😀

  3. 6. April 2015 11:53

    So ist sie eben, die Jugend von heute. Guckt irgendwelche Remakes und findet die auch noch besser als die Originale 😛

    • donpozuelo permalink*
      7. April 2015 09:26

      😀 Jupp!!! Alles Banausen. Zumal dieser Jugendlicher das Remake sogar noch vor dem Original gesehen hat.

  4. 6. April 2015 21:23

    Den muss ich noch mal gucken und die Wertung ggf. anheben. Ein astreines Stück Film, das im Kopf bleibt. Einzig Ken Watanabe schien mir etwas unter seinem Können zu agieren, aber das kann auch täuschen. Denn richtig genial war Koichi Sato, der einen Bösewicht wie aus dem Lehrbuch hinzaubert. Obwohl er wirklich ein pures Arschloch spielt das fernab jeglicher Sympathien wandelt, hat er mich komplett in den Bann ziehen können. Super Typ!

    Und der Soundtrack von Taro Iwashiro… Ganz große klasse!

    • donpozuelo permalink*
      7. April 2015 09:31

      Koichi Sato war wirklich super. Hat mir verdammt gut gefallen. Und Watanabe fand ich auch in Ordnung… ich dachte auch erst, dass da hätte mehr kommen können. Aber ich habe ja erst nach dem Remake das Original gesehen und fand das dann durchaus gerechtfertigt, da Eastwood ja auch eher verhalten und ruhig spielt.

  5. luzifel permalink
    13. April 2015 08:52

    Hab den Film jetzt auch gesehen. Der hat im Gegensatz zum Original für mich sogar Sinn gemacht.

    Die japanischen Ureinwohner zu verwenden, fand ich klasse. Kommt selten genug vor, dass der Japaner mal erwähnt, dass er auch ein paar Leichen im Keller hat.

    Toller Film! Danke für die Empfehlung ^^

    • donpozuelo permalink*
      13. April 2015 09:37

      😀 Danke. Ja, für mich war er im „Japanischen“ auch irgendwie stimmiger… und die zusätzliche Ureinwohner-Story hat auch gut dazu gepasst.

Trackbacks

  1. Old Man Clint | Going To The Movies

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