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Die Nacht der Glühstäbchen

27. März 2015

Wenn ich einen Film im Kino gucke, der mir absolut nicht gefällt, „durchleide“ ich ihn meistens trotzdem. Ich könnte nie vorzeitig aus dem Kino verschwinden. Geht nicht, die Hoffnung, es könnte noch etwas Gutes kommen und der Schmerz, bereits Geld bezahlt zu haben, lassen mich oft sitzenbleiben. Und auch im Heimkino sieht’s da nicht viel anders aus… mit dem Unterschied, dass ich da bei einem langweiligen Film sehr schnell dazu neige, ein bisschen auf dem Tablett rumzuspielen. Da muss ein Film zuhause schon so richtig krass gut sein, damit ich ihm meine volle, vollste Aufmerksamkeit schenke. Und jetzt habe ich einen Kandidaten für Euch, der das mit einigen kleinen Anlaufschwierigkeiten dann doch extrem gut geschafft hat.

Zu Beginn von „Coherence“ war ich nämlich schon gewillt, mich mehr dem „Jetpack Joyride“ (ja, ich spiele das immer noch) hinzugeben, als auf den Film zu achten. Denn erst einmal passiert hier nicht sonderlich viel: Drei Pärchen, unter anderem Emily (Emily Baldoni) und ihr Freund Kevin (Maury Sterling) treffen sich zu einem gemütlichen Abend bei Wein und Essen. Nichts besonderes… außer, dass es ein paar Reibereien gibt, besonders als Kevins Ex-Freundin auch noch auftaucht. Richtig merkwürdig wird’s aber erst durch einen Stromausfall, der mit einem Kometen in Verbindung zu bringen ist, der gerade an diesem Abend sichtbar an der Erde vorbei fliegt. Ein bisschen aufgeschreckt wollen die Freunde zu einem Haus gehen, das noch Strom zu haben scheint, doch müssen sie erschreckend feststellen, dass die Personen in diesem anderen Haus sie selbst sind… oder zumindest Versionen von ihnen selbst…

Also, wie jetzt genau???

WTF!!! Richtig!!! „Coherence“ ist so ein WTF-Film, aber einer von der guten Sorte. Aber vielleicht fange ich lieber von vorne an, schließlich erwähnte ich ja, dass ich fast doch noch zu „Jetpack Joyride“ gegriffen hätte. Denn erst einmal passiert nicht sonderlich viel. Der Komet gerät fast so sehr zu einem Nebenprodukt wie die zweite Erde in „Another Earth“ – ein Vergleich, der auch irgendwie passend ist für „Coherence“. Denn obwohl der Film Science-Fiction ist, ist er auch fast mehr Drama. Gerade zu Beginn… und was ich da noch für ein wenig langweilig hielt, liefert einen wichtigen Grundstein für den weiteren Verlauf der Geschichte.

Zugegebenermaßen braucht Regisseur James Ward Byrkit ein bisschen, um diese ganzen menschlichen Dramen so richtig in Schwung zu bringen, aber das alt bekannte „Wer mit wem“ sorgt schon einmal für unterschwelliges Brodeln. Und der Ausbruch erfolgt dann mit dem Stromausfall und dem Haus mit den Menschen, die irgendwie so aussehen wie unsere Protagonisten. Mehrere „Expeditionen“ bringen ein bisschen Licht ins Dunkel… und hier offenbart sich dann auch eindeutig, dass „Coherence“ doch mehr Sci-Fi ist, als man denkt. Ich will jetzt nicht zu viel verraten und sage nur so viel: „Fringe“-Fans werden an den Parallelwelt-Theorien ihre wahre Freude haben.

Und wie sich das für einen richtigen WTF-Film gehört, dreht sich euch hier irgendwann ganz schön der Kopf. Aber jetzt nicht so wie bei „Primer“ beispielsweise, der ja super realistisch war, aber für den man irgendwie auch eine Mathematik-Professur brauchte.

„Coherence“ nimmt seine Mehr-Welten-Theorie schon sehr ernst, ohne uns dabei aber komplett in den Wahnsinn zu treiben… na gut, ein bisschen machen sie das schon. Gerade zum Ende hin, aber das ist das Tolle an diesem Film. Es wird immer wahnsinniger und wahnsinniger… und somit einfach nur noch besser und besser (das müsst ihr jetzt so hinnehmen, denn ich will nicht zu viel verraten… Walter Bishop hätte es auf jeden Fall auch nicht besser darstellen können als Byrkit mit seinem Film).

Was „Coherence“ aber wirklich herausstechen lässt, ist das Kammerspielartige. Wir verlassen nämlich kaum dieses eine Wohnzimmer. Und das ist wirklich grandios… Byrkit fährt hier eine so abgefahrene Story über parallele Universen auf und braucht dafür nicht mehr als sechs Leute in (seinem eigenen) Wohnzimmer, ein paar verschiedenfarbige Glühstäbe und fertig… er inszeniert hier ein wirklich umwerfend gutes Verwirrspiel, dass förmlich dazu einlädt, mehrmals geschaut zu werden. Natürlich zum einen, um es alles zu verstehen, aber zum anderen einfach auch nur deswegen, weil so ein gut funktionierender Minimalismus wirklich selten ist.

Gute Science-Fiction kann und darf auch mal ohne krasse Effekte auskommen. Vorausgesetzt, man hat eine gute durchdachte Story und ein spannendes Konzept. Check und Check für „Coherence“. Sollte sich der geneigte Sci-Fi-Fan echt nicht entgehen lassen!!!

Wertung: 9 von 10 Punkten (vom Party-Pärchen-Abend am Anfang nicht abschrecken lassen, hier schlummert ein echter Geheimtipp!!!)

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4 Kommentare leave one →
  1. 27. März 2015 08:56

    Genau. Gefiel mir auch ausgesprochen gut. Ich mag diesen Minimalismus und stimmt, so gerne ich Effektfilme mag, es geht auch gut ohne 🙂

    • donpozuelo permalink*
      27. März 2015 09:00

      Absolut, und ich fand es echt beeindruckend, wie gut das auch ohne Effekte funktionieren kann. Ist man ja schon fast gar nicht mehr gewohnt 😉

  2. 29. März 2015 18:41

    Mensch, klingt ja vielversprechend. Hatte ich bei der Intro gar nicht erwartet, dass da noch eine 9/10 kommt. Jetpack Joyride ist toll. 🙂

    • donpozuelo permalink*
      29. März 2015 21:54

      Ja, ich hatte auch erst Angst, so anzufangen… 😉 Aber naja, manche Sachen fangen mies an und sind am Ende doch ganz toll… halt ganz wie „Coherence“ (obwohl der Anfang jetzt nicht wirklich mies ist 😀 ). Und danke… ich liebe Jetpack Joyride.

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