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No love for the drummer!

18. Februar 2015

Ich bin bis jetzt in dem Glauben durchs Leben gegangen, dass Musik zur Entspannung da ist. Egal, ob laut, leise, hart, soft… wenn dir die Musik zusagt, entspannt sie dich auf eine Art und Weise, die unerklärlich, aber doch nachweisbar ist. Gut, dass Musik auch als Folter eingesetzt wird, versuche ich an dieser Stelle mal ganz unhöflich zu ignorieren. Aber was mir bisher noch nicht vorgekommen ist, ist die Tatsache, dass Musik auch weh tun kann. Ja, es gibt immer einige Ohrkrepierer, die einem schon starke seelische Schmerzen zufügen. Aber das ich mal einen Film schaue über Musik, der mir so sehr an die Nieren geht, dass ich nicht einmal wirklich dazu komme, die Musik zu würdigen… das ist schon eine absolute Neuheit.

Aber Damien Chazelle schafft es mit seinem Film „Whiplash“ tatsächlich, dass man sich vor Schmerzen förmlich krümmt, wenn er Jazz-Drummer und Student Andrew Neiman (Miles Teller) zeigt, der sich wortwörtlich die Finger wund und blutig spielt, um in der Band des Dozenten und Dirigenten Terrence Fletcher (J.K. Simmons) mitspielen zu dürfen.

Heul leise und spiel…

„Whiplash“ ist zwar ein Musikfilm, aber eigentlich ist es mehr ein Duell zweier… ja, was eigentlich? Musik-Gladiatoren? Musik-Fanatiker? Fanatisch trifft es auf jeden Fall, denn man denkt sich die ganze Zeit in „Whiplash“, dass der gute Andrew doch einen Schuss hat, wenn er sich so extrem erniedrigen lässt. Was Fletcher respektive J.K. Simmons hier abliefert, erinnert an R. Lee Ermey in „Full Metal Jacket“, der seinen Rekruten körperlich und verbal das Leben zur Hölle macht. Da hat das irgendwie auch Sinn gemacht, aber an einer Musikhochschule wirkt dieses Verhalten fast schon fehl am Platze. Aber damit macht Chazelle einfach nur deutlich, dass auch hier bei den schönen Künsten gelitten werden muss (man denke vielleicht auch einfach an „Black Swan“, um den Rahmen zu begreifen, in dem sich diese Handlung abspielt).

J.K. Simmons ist der Teufel in Person, ein wahnsinniges Genie, dass das Individuum in seiner Band nicht zu sehen scheint. Er hört nur die Musik, sieht die Töne vor seinem inneren Augen und lebt für seine Musik. Und wenn da auch nur ein Ton schief klingt, das Tempo nicht richtig gehalten wird, dann macht er dem Verantwortlichen das Leben zur Hölle…. in diesem Fall halt vor allem, dem armen Andrew. Und wenn ich sage, Hölle, dann meine ich das auch.

Denn hier schließt sich auch wieder der Kreis zu meiner Einleitung… wenn man Miles Teller dabei zusehen muss, wie er sich – angefeuert und angebrüllt von Simmons – in Rage spielt, bewirkt das dreierlei Dinge:

  • Man hat das Gefühl, „Whiplash“ entwickelt sich von einem scheinbar harmlosen Musikfilm zu einem Musik-Torture-Porn. Dank der großartigen Kamera, die immer dicht am Geschehen hängt, dank des guten Schnitts, der sich ganz der Musik unterwirft, gerät man selbst in einen Rausch. Das grandiose dabei ist (zumindest ging es mir so), dass man irgendwann die Musik vergisst. Das ist grandios deswegen, weil es verdeutlicht, wie Fletcher den jungen Andrew quält. Mit Liebe zur Musik hat das kaum noch was zu tun. Hier wird absolute Perfektion gesucht… durch Folter pur (was vielleicht ein bisschen dafür spricht, dass Horror-Produzent Jason Blum hier seine Finger mit im Spiel hatte)
  • Man ist unheimlich beeindruckt von diesem Darsteller-Duo, die diesen Film vollkommen für sich einnehmen. J.K. Simmons, der ja schon Spidey tierisch auf den Sack gegangen ist, hat sich seine Oscar-Nominierung wirklich verdient. Der Typ ist ein Tier, ein Monster… ein Monster, das nach Perfektion strebt, aber dennoch ein Monster. Und Miles Teller, der sich hier wirklich selbst die Finger wund spielt, ist einfach nur verdammt gut… er steigert sich, vom eigenen Ehrgeiz angestachelt, ebenfalls immer mehr in diese Sache. Und so schaukeln sich diese beiden in immer neue Ebenen.
  • Man möchte in das Geschehen springen, Teller die Drumsticks aus den Händen reißen und sie Simmons in die Augen rammen. Es ist unfassbar, wie dieser Film sich so sehr steigert, dass man sich selbst beinah atemlos darin verliert.

„Whiplash“ ist ein echtes Ereignis: ohne viel Gewese taucht Chazelle direkt in die Materie ein und liefert uns einen Musikfilm, der unverblümt zeigt, was manch einer gewillt ist, für ein bisschen Ruhm und Ehre zu tun. Es ist krank, aber ebenso grandios und auch erschreckend nachvollziehbar. „Whiplash“ liefert dazu, falls ich es noch nicht erwähnt habe, auch wirklich tolle Musik… nur die könnt ihr dann vielleicht besser im Nachhinein würdigen. Denn zwischendurch seid ihr einfach viel zu sehr damit beschäftigt, zu leiden.

Wertung: 10 von 10 Punkten (ein packendes, beklemmendes und schockierendes Künstlerdrama)

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24 Kommentare leave one →
  1. 18. Februar 2015 11:08

    Jetzt schon mein Lieblingsfilm dieses Jahr. Kann dir nur zustimmen 🙂
    Aber ich würde es jetzt nicht nur auf das Leiden und die Perfektion reduzieren! Schau dir alleine schon seine Beziehung zu dem Mädel an und wie dessen Geschichte sich abspielte bzw. erzählt wurde. Und so gut Simmons auch sein mag, Miles Teller sollte jetzt auch nicht vergessen werden. Nach The Spectacular Now einer der größten has-to-be-watched-Jungschauspieler 😉

    • donpozuelo permalink*
      18. Februar 2015 11:31

      Das hast du wohl Recht. Aber dieses Leiden und die Suche nach der Perfektion ist ja dann das, was seine Beziehung „kaputt“ macht, wenn man so will. Es ist halt alles wunderbar in einander verwoben… und wie gesagt, nachvollziehbar, wenn man diesen Ehrgeiz halt wirklich an den Tag legt. Zum Thema Miles Teller geb ich dir auch Recht, aber das habe ich versucht zu erwähnen. „Spectacular Now“ kenne ich noch nicht, werde ich mir aber mal merken… denn bislang kenne ich Mr. Teller nur aus „Divergent“ 😀

      • 18. Februar 2015 12:42

        Ja klar, aber wollte nur darauf hinaus, dass nicht nur Leid zu sehen ist, sondern auch Beziehungskram, der einem auch nahe gehen kann 😉
        Dann mal ran an SpecNow!

  2. 18. Februar 2015 11:30

    Das klingt unheimlich interessant. Bisher hatte ich den Film gar nicht so auf dem Schirm. Jetzt muss ich mir doch gleich einmal den Trailer ansehen.

    Zu Simmons: Der Typ ist wirklich ein Monster. Ein monsterguter Schauspieler. Ich mag ihn wirklich sehr.

    • donpozuelo permalink*
      18. Februar 2015 11:32

      Mach das! Ich war schon durch den Trailer echt angefixt. Und der Film hält, was der Trailer verspricht!!! Wirklich ein großartiger Film!!!

      Und ja, Simmons ist super!!!

  3. 19. Februar 2015 08:46

    Beim Kollege Rajko Burchardt ist der Film ja „Faschokino durch und durch“ 🙂

    • donpozuelo permalink*
      19. Februar 2015 08:58

      Tja, jedem seine Meinung 😉

      • 27. Februar 2015 22:33

        Nachdem ich ihn inzwischen selbst gesehen habe: auch bei mir ein heißer Kandidat für die Flop Ten des Jahres. Dürfte schwer sein, dass man dieses Jahr – zumindest unabsichtlich – etwas Schlechteres auf den Bildschirm kriegt.

        • donpozuelo permalink*
          28. Februar 2015 14:01

          😀 😀 😀 Wieso überrascht mich das jetzt nicht? 😀 😀 😀

          Aber was genau hat dir denn nicht gefallen, dass es kaum noch was Schlechteres auf den Bildschirm schaffen könnte?

        • 28. Februar 2015 19:56

          Dieses ganze „Full Metal Jacket“-Gehabe im Bandraum fand ich öde und all die Schwulen-Beleidigungen etwas peinlich und nicht zeitgemäß. Vor allem, wenn J.K. Simmons hier auch noch aussieht wie ein wandelnder Penis. Dann dieses Gepusche bis hin zum konstruierten Autounfall, wo er dann vollgeblutet auf die Bühne stolpert und natürlich keiner was sagt. Genauso wie er dann monatelang kein Schlagzeug spielt, aber ruckizucki am Ende die Performance seines Lebens abruft (nachdem Simmons seinen eigenen Auftritt sabotiert, nur um jemanden, der inzwischen in einem Coffee Shop arbeitet, bloßzustellen). Das ist für mich alles nur bemitleidenswert in seiner Unbeholfenheit, Highlight dabei die mühsam reingeschriebene und völlig bedeutungslose Beziehungsstory. Oder kurz: Nicht mein Tempo.

        • donpozuelo permalink*
          1. März 2015 11:59

          Ja, okay… ich war anfangs auch nicht ganz sicher, ob das für mich alles funktionieren würde, aber irgendwie hat es das doch. Aber ich kann dich da durchaus verstehen, wenn du es so erklärst. Und ja, die Beziehungsgeschichte war wirklich ein bisschen fehl am Platze bzw. hätte nicht auch noch Not getan.

  4. 13. März 2015 08:30

    Hab den am Sonntag gesehen – unglaublich gut! Man sollte nicht meinen, dass einem ein 10-Minuten Jazz Stück so fesseln kann

    • donpozuelo permalink*
      16. März 2015 08:58

      Freut mich, dass er dir auch so gefallen hat. Ist wirklich ein intensiver Film!!!

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