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Hello Joe!

22. Dezember 2014

Man hätte diesen Beitrag vielleicht auch „Ein blindes Huhn findet auch mal ein Korn“ nennen können, aber dann könnte man demjenigen, der sowas schreibt, Böswilligkeit nachsagen. Und diese Art von Person bin ich nun wirklich nicht. Ein anderer passender Titel wäre vielleicht gewesen: „Es geht doch!“, was gerade für die letzte Zeit ziemlich zutreffend wäre. Denn mittlerweile hat der gute Nicholas Cage ja schon ein bisschen den Ruf weg, nichts Gutes mehr gedreht zu haben. Aber ich mag Nic Cage, ich mochte ihn schon immer und werde ihn auch immer mögen, denn irgendwie ist jeder noch so schlechte Film mit Nic Cage sehenswert… allein weil Nic Cage mit dabei ist.

Aber mit „Joe“ zeigt er ja endlich mal wieder, dass ein gutes Drehbuch und ein guter Regisseur das Nötige aus dem Oscar-Gewinner rauskitzeln können, um ihn zur Höchstform zu bringen. In „Joe“ spielt Nic Cage Joe. Der saß früher mal im Knast und verdient sich jetzt sein Geld damit, Bäume zu vergiften. Bei einem dieser Arbeitseinsätze mit seinem Team stößt der junge Gary (Tye Sheridan) zu ihnen: Der will anfänglich nur einen Job, doch schnell wird klar, dass der Junge noch sehr viel mehr braucht – bei dem Alkoholiker und Schläger als Vater (Gary Poulter). Joe nimmt den Jungen unter seine Fittiche…

Glaub mir, ich habe wirklich einen Oscar…

Tye Sheridan scheint einen Faible dafür zu haben, Südstaaten-Jungs zu spielen, die in der großen Welt der Erwachsenen so etwas wie einen Ersatzvater suchen. In „Mud“ war das für ihn Matthew McConaughey, in „Joe“ ist es jetzt Nic Cage. Aber wie auch schon in „Mud“ muss sich der junge Sheridan nicht vor seinen großen Schauspiel-Kollegen verstecken. Eher ist es was schon anders rum. Auch in „Joe“ gelingt es Sheridan, den vom Leben gequälten Jungen zu spielen, der mit aller Kraft nach einem Ausweg sucht, der nach etwas sucht, dass mehr ist als nur sein White-Trash-Vater. Und wie auch in „Mud“ schafft es Sheridan, diesen Gary nicht zu einer 08-15-Figur verkommen zu lassen. Er spielt ihn nuanciert und intensiv… man versteht ihn von der ersten Minute und kann eigentlich jede seiner Aktionen gut nachvollziehen.

Und da jetzt „Mud“ schon so oft gefallen ist: Ja, ein klein wenig erinnert „Joe“ wirklich an „Mud“. Zumindest das Grundprinzip ist das Gleiche. Doch zum Glück kann sich „Joe“ sehr gut von „Mud“ abgrenzen. „Joe“ ist nicht unbedingt der Abenteuer-Film wie „Mud“. „Joe“ ist ein knallhartes Drama in einer Stadt voller zerbrochener Existenzen, wo jeder sein Kreuz zu tragen hat und nur zu gerne über seine Vergangenheit schweigt. Und inmitten dieser Stadt haben wir Joe…

Joe ist endlich mal wieder eine Rolle, die Nic Cage wirklich auf den Leib geschneidert zu sein scheint. Wie schon gesagt, der Mann braucht einfach nur ein gutes Drehbuch und einen guten Regisseur… und mit David Gordon Green hat er genau so jemanden gefunden. Cage darf ein bisschen durchdrehen, ein bisschen normal sein und den merkwürdigsten Bart der Cage-Geschichte tragen… der wirkt auf jedem Bild wie angeklebt. Aber gut, es geht ja nicht um den Bart, sondern um den Mann hinter dem Bart… und „Joe“ ist wirklich mal wieder eine Rolle, in der Cage wirklich überzeugt.

Überzeugend ist auch Gary Poulter, der Garys Vater spielt. Und durch die Geschichte rund um Gary Poulter bekommt „Joe“ einen merkwürdigen Touch. Poulter selbst ist kein Schauspieler, sondern tatsächlich ein Obdachloser, der für die Rolle gecastet wurde. Und Poulter ist soo gut, unheimlich gut, erschreckend gut. Poulters Charakter ist ein mieses Arschloch, dass für eine Flasche Wein echt unmenschliches macht. Poulter spielt den Alkoholiker-Vater womöglich deswegen so glaubhaft, weil er leider tatsächlich Alkoholiker war, der noch vor Veröffentlichung des Films tot aufgefunden wurde. Das Ganze verleiht „Joe“ einen ziemlich bitteren Beigeschmack und man muss sich schon ein bisschen fragen, ob man a) überhaupt soweit hätte gehen sollen und b) inwieweit das Film-Team vielleicht mehr hätte tun können. Das alles klingt so sehr nach: „Ja, cool, du bist obdachlos und Alkoholiker, du passt perfekt in die Rolle! Aber erwarte nicht, dass wir uns danach noch weiter um dich kümmern…“

Wenn man das weiß, schaut man sich „Joe“ echt mit gemischten Gefühlen an. Und deswegen weiß ich auch gar nicht so richtig, wie ich jetzt aufhören soll… außer mit der wiederholten Bestätigung, dass dieser Film wieder zu den Filmen gehört, die Nic Cage endlich mal wieder in einer vernünftigen Rolle zeigen. Gern mehr davon, Nic!

Wertung: 9 von 10 Punkten (hmm… der bittere Beigeschmack geht jetzt nicht mehr so richtig weg, aber es ist wirklich ein sehenswerter Film)

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6 Kommentare leave one →
  1. 22. Dezember 2014 08:44

    Poulter wird ja sicherlich für seine Rolle entlohnt worden sein, was eine Summe gewesen sein dürfte, die ihm hätte helfen können, wieder auf die Füße zu kommen. Verstehe bei Filmen wie dem hier oder Slumdog Millionaire immer die Kritik nicht, das sind Filmemacher und keine Entwicklungshelfer. Hätte Nic Cage Poulter bei sich daheim aufnehmen sollen? Green einen privaten Sozialpädagogen für ihn anstellen? Irgendwo ist jeder Mensch auch für sich selbst verantwortlich, kann den Beteiligten hier keinen Vorwurf machen.

    • donpozuelo permalink*
      22. Dezember 2014 13:33

      Ja, na klar… hast ja auch irgendwie Recht. Ein merkwürdigen Beigeschmack hat das Ganze trotzdem…

  2. 22. Dezember 2014 09:44

    Klingt aufgrund mehrer Aspekte faszinierend. Werde ich mir definitiv vormerken. Übrigens kann ich Flo Liebs Aussage nur zustimmen, zumal ich mir nicht vorstellen kann, dass man Poulter tatsächlich ausgebeutet habe – wäre ja auch nix für das Merketing des Films (um jetzt einmal die Produzentenperspektive einzunehmen).

    • donpozuelo permalink*
      22. Dezember 2014 13:33

      Kannst du dir wirklich vormerken. Wirklich ein sehenswerter Film.

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