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Neues wird alt

22. Oktober 2014

Wir kennen das doch alle: Wir wünschen uns irgendwas, dass wir unbedingt haben wollen. Und wenn wir es dann haben, dann macht es Spaß, beschäftigt uns den ganzen Tag und wir haben das Gefühl, das alles wird nie enden. Doch irgendwann wird Neues alt, die Begeisterung lässt nach und vielleicht schaut man sich nach etwas Neuem um, das wieder ein bisschen Aufregung bringt. Das ist etwas, dass uns von der Kindheit bis ins hohe Alter wohl immer verfolgen wird. Erst ist es das Spielzeug, dann technisches Spielzeug (was in unserer Gesellschaft ja auch jedes Jahr erneuert wird, damit ja nichts alt werden kann) und mit Beziehungen ist es wohl genau so.

In Sarah Polleys „Take This Waltz“ erleben wir genau das. Die Ehe zwischen Margot (Michelle Williams) und Lou (Seth Rogen) ist „alt“ geworden: Beim Essen hat man sich nichts mehr zu sagen, alleine verfällt man in alberne Babysprache, um sich auf zig verschiedene, alberne Arten und Weisen zu sagen, dass man sich „Ich liebe dich“ zu sagen. Es ist halt Routine eingekehrt, die auf Vertrautheit aufbaut, aber keine Überraschungen mehr hat. Bis Margot durch einen dummen Zufall den Nachbarn Daniel (Luke Kirby) kennenlernt… zögerlich nähern sich die beiden.

Hauptsache hier wird jetzt niemandem schlecht…

„Take This Waltz“ ist ein Film, den man sehr gut nachvollziehen kann. In jederlei Hinsicht… Polley zeichnet ein liebenswertes Bild einer Ehe, die von ihren kleinen Eigenarten lebt, die allerdings – und auch das kennt man sicherlich – nur für das Paar selbst wirklich niedlich sind. Außenstehende, so wie wir es als Zuschauer in diesem Film sind, geht das schnell auf den Geist… und man muss sich dann halt auch fragen, wie viel davon ist jetzt nur gespielte Zuneigung? Ist es einfach so ein Reflex, eine Sache, die man einfach so macht, weil man sie schon ewig gemacht und nie hinterfragt hat?

Beziehungen sind halt komisch, merkwürdig… und einzigartig. Ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Doch in „Take This Waltz“ ist es irgendwie festgefahren… und dabei kann man nicht einmal wirklich sagen, wem man hier die Schuld geben soll. Jeder lebt sein Leben, man lebt es gemeinsam, aber scheinbar auch neben einander her. So richtige Kommunikation gibt es halt nicht. Wie kann man es da der guten Margot verübeln, wenn sie das Neue / den Neuen von gegenüber so viel interessanter findet? Es passiert halt einfach, es ist nicht so, dass sie verzweifelt danach gesucht hätte. Es passiert einfach… aber dann kommt dieser Zeitpunkt, an dem sie anfängt, mehr und mehr zu hinterfragen.

Regisseurin Polley stürzt sich dann aber nicht in ein wildes Techtelmechtel, sondern lässt Margot, Lou, Daniel und uns schmoren. In unglaublich zarten, sehr liebevollen Szenen nähern sich Margot und Daniel einander – ob zu „Video Killed The Radio Star“ auf dem Karussell, wo der Song gestoppt wird, bevor etwas passieren kann oder im Schwimmbad bei einem stillen „schwimmenden“ Tanz, der einen an Delfine denken lässt, die sich zur Paarung beschnuppern. Polley findet Bilder ohne Worte, die deutlich machen, dass sich hier zwei Gleichgesinnte gefunden haben. Doch immer wieder muss Margot dorthin zurückkehren, wo ihr Mann auf sie wartet.

Polley bezieht dabei keine Partei, sie lässt dem Geschehen einfach seinen Lauf… und die arme Margot muss diese Suppe auslöffeln. Denn letzten Endes kann nur sie entscheiden… und ob diese Entscheidung die richtige sein wird… wer weiß das schon? Schließlich wird Neu irgendwann auch alt. Und auch dass verarbeitet Polley in diesem Film auf sehr schöne Art und Weise, ohne dass der Film langweilig oder gar kitschig wird.

Dazu muss man ganz klar sagen, tragen die Darsteller einen enorm großen Teil dazu bei: Michelle Williams ist einfach nur Zucker! Man leidet regelrecht mit ihr mit und man kann ihr zu keiner Minute einen Vorwurf wegen irgendwas machen. So ist das Leben halt: scheiße und unfair. Williams‘ Margot wird der Boden unter den Füßen weggezogen. Für Williams mit ihren großen Rehaugen eine fast schon zu perfekte Rolle, hat sie doch immer diesen leicht bedröppelten Blick, der selbst beim Lächeln nie so ganz verschwindet.

Große Überraschung des Films ist aber definitiv ein Seth Rogen, den ich wohl noch nie so ernsthaft erlebt habe. Er spielt seine Rolle ausgezeichnet, so liebevoll, so verletzlich und so authenthisch (wie alle in diesem Film)… und die Sache mit dem kalten Wasser und der Dusche werde ich mir merken 😉 Eine zweite große Überraschung ist aber auch Luke Kirby… oder vielmehr die Tatsache, dass seine Rolle jetzt nicht der Zerstörer einer Beziehung sein will. Kirbys Daniel drängt zu nichts, macht seine Präsenz aber immer wieder bemerkbar. Denn klar, auch wenn er weiß, dass Margot verheiratet ist, hat er sein Anrecht darauf verliebt zu sein… allerdings ist Daniel auch jemand, der die Schwächen der Frau seiner Begierde ein wenig zu seinen Gunsten ausnutzt… aber auch da kann man ihm irgendwie keinen Vorwurf für machen. Wie heißt es doch so schön: Im Krieg und der Liebe ist alles erlaubt.

„Take This Waltz“ ist ein schöner, rührseliger, aber auch sehr nachdenklich stimmender Film… denn egal, was passiert, dieses eine in den Raum geworfenen „Neues wird irgendwann alt“ bleibt einem immer im Kopf.

Wertung: 9 von 10 Punkten (ich frage mich, wie dieser Film wohl funktionieren würde, wenn es ein Mann zwischen zwei Frauen wäre???)

9 Kommentare leave one →
  1. 22. Oktober 2014 08:07

    Also ich weiß nur noch, dass wir uns im KIno bei dem Film sehr gelangweilt haben. Sicher, die Karussel-Fahrt war stark gemacht – und die Duschszene (mit Sarah Silverman) bleibt im Kopf, aber der Rest war mir zu belanglos

    • donpozuelo permalink*
      22. Oktober 2014 10:03

      Hmm… schade. Wie gesagt, ich fand den echt schön.

  2. 22. Oktober 2014 09:17

    Bisher kenne ich Sarah Polley nur als Schauspielerin. Hatte sie als Regisseurin noch gar nicht im Fokus. Da werd ich mich wohl mal schlau machen.

  3. 23. Oktober 2014 13:24

    Die Rückkehr der 9er! 😀

    Fand den Film hier okay mit Tendenz zu durchschnittlich, tat mich aber besonders mit dem letzten Drittel schwer. Konnte die Motivation von Williams nicht wirklich nachvollziehen und störte mich zudem an dem Sprung in die Zukunft, der für mich zuerst wie eine Fantasievorstellung wirkte, da er so abrupt kam.

    Wenn dir der hier gefiel, solltest du auch Polley’s „Doku“ STORIES WE TELL auf dem Schirm behalten.

    • donpozuelo permalink*
      24. Oktober 2014 00:07

      Ich mochte den Film… konnte das auch alles irgendwie gut nachvollziehen… gerade Williams. Aber ich kann auch verstehen, wenn man damit seine Schwierigkeiten hat 😉

      „Stories We Tell“ werde ich mir auf jeden Fall mal merken. Danke für den Tipp!

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