Skip to content

Des Teufels Weib

15. Oktober 2014

Manchmal bin ich schon wie ein kleines Kind, dem man sagt, es solle die heiße Herdplatte nicht anfassen. Aber wie jedes kleine Kind höre ich nicht auf die Warnung, sondern fasse die heiße Herdplatte an. Wer nicht hören will, muss fühlen. Nun ist das bei mir nicht mehr unbedingt die heiße Herdplatte (die Erfahrung habe ich schon hinter mir). Vielmehr geht es – natürlich – um Filme. Und kommt jemand vorbei und warnt mich vor einem verstörenden Film, bewirkt das eigentlich genau das Gegenteil. Das neueste Beispiel einer in den Wind geschlagenen Warnung ist „Die Tragödie der Belladonna“, vor der mich Kim von Kim’s Pencil gewarnt hat… aber ich habe natürlich nicht gehört…

„Die Tragödie der Belladonna“ erzählt die Geschichte der jungen Jeanne, die in der Nacht ihrer Hochzeit vom Fürsten vergewaltigt wird, weil ihr Mann die hohe Heiratssteuer nicht bezahlen kann. Daraufhin gerät Jeanne in die Fänge des Teufels, der ihr mehr und mehr Macht verleiht, sie damit aber auch ins Unglück stürzt.

belladonna

„Die Tragödie der Belladonna“ ist ein wahrlich verstörender Film, aber auch ein Film, der einen vollkommen in seinen Bann zieht. Denn was Regisseur Eiichi Yamamoto hier erschaffen hat, ist ein hypnotisierendes und psychedelisches Meisterwerk, dass auf seine Weise die Grenzen von dem sprengt, was wir sonst als Zeichentrick verstehen. Der Film schwankt je nachdem, was gerade erzählt wird, von sehr minimalistischen Bildern hin zu überschweifenden Farbexplosionen. Gerade zu Beginn fährt die Kamera einfach nur über gezeichnete Bilder, erste animierte Bilder sehen wir erst bei der ersten Vergewaltigungsszene, in der Yamamoto gleich die verstörende Bildgewalt von „Belladonna“ unter Beweis stellt. Statt nur vorsichtig anzudeuten, drückt er uns Jeannes Qualen ohne Gnade auf.

Und trotzdem kann man nicht aufhören, sich Yamamotos Bilder anzuschauen. Da zeigt er uns eine unter dem Teufel neu erblühende Jeanne, die in ihrer Schönheit an die „Wasserschlangen“ von Gustav Klimt oder an die Illustrationen eines Aubrey Beardsley erinnern. Doch genauso wie er uns schöne, klassische Bilder zeigen kann, zwingt uns Yamamoto auch immer wieder anstrengende, Kopfschmerzen erzeugende Bilder auf. Die Schwarze Pest, die über Jeannes Dorf einbricht, wird zu einer Flut aus Schwarz, wild hin und her hüpfende, gefrässige schwarze Amöben kriechen und springen unter grell blitzenden Lichteffekten auf und ab… und das zu Musik, bei der das Kratzen an der Tafel angenehmer ist. Selbst die Orgie Jeannes mit den Dorfbewohner unter der Aufsicht des Teufels ist ein kranker Fiebertraum, wie ihn voll selbst Hieronymus Bosch nicht besser hätte in Szene setzen können.

Das Interessante an „Die Tragödie der Belladonna“ ist, dass man den Film mit einer Mischung aus Faszination, Irritation und Ekel schaut. Irgendwann ist man unfähig wegzuschauen, Yamamotos Bilder nehmen einen einfach voll gefangen. Dabei ist die Geschichte, die er erzählt, wirklich nicht die schönste. Egal, wohin sich Jeanne auch wendet, wird sie nur missbraucht, gequält oder verstoßen. Männer in dieser Welt sind Schweine… und das ist es vielleicht auch, was Yamamoto uns mit diesem LSD-Fiebertraum sagen möchte. Und vielleicht auch, wie schnell Schönes Hässlich werden kann. Alles in diesem Film hat eine dunkle Seite, für die Yamamoto auch immer wieder neue Bilder findet, die sich einem in den Kopf brennen.

Ich werde hier jetzt keine Warnung aussprechen, denn „Die Tragödie der Belladonna“ ist schon ein sehenswerter Film – egal, wie sehr er auch verstören mag. Und er wird euch verstören! Aber dieser Film ist ein unglaubliches visuelles Erlebnis, dass so reichhaltig mit den Formen der Animation spielt, dass man es sich schon angeschaut haben muss.

Wertung: 9 von 10 Punkten (der bildgewaltige Untergang einer unschuldigen Frau – krass, verstörend, aber gleichzeitig auch sehr sehenswert)

Advertisements
4 Kommentare leave one →
  1. 15. Oktober 2014 21:56

    Wird geschaut!

    • donpozuelo permalink*
      16. Oktober 2014 08:55

      Oh ja, auf jeden Fall! Kann ich echt nur empfehlen…

  2. 16. Oktober 2014 23:14

    Interessante Meinung! Vor allem, dass die visuellen Erlebnisse für dich so stark scheinen!
    Ich habe den Film schon als sehr, sehr heftig wahrgenommen und es war für mich ab der Szene mit dem Fürsten einfach nur komplett verstörend. Ich war halt die ganze Zeit nur schockiert.
    Faszination, Irritation und Ekel treffen es ganz gut.

    • donpozuelo permalink*
      17. Oktober 2014 09:10

      Visuell fand ich diesen Film echt Wahnsinn… ein bisschen wie eine krasse, abartig-faszinierende Variante von Disneys „Fantasia“ 😉 Klar, die Szene mit dem Fürsten war übel… richtig hart.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: