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Maneater

8. Oktober 2014

Ich zweifle ja immer noch daran, ob meine Strategie bei Roman-Verfilmungen wirklich die beste ist. Denn meistens versuche ich die Bücher vor dem Film zu lesen. Das baut natürlich eine enorme Erwartung für den Film auf, was nur selten in vollster Zufriedenheit endet. Auf der anderen Seite habe ich nur selten nach einem Film noch Lust, das Buch dazu zu lesen. Es sei denn, der Film war so herausragend und hat mich neugierig auf den Roman gemacht. Es hat sicherlich beides seine Vor- und Nachteile… und bei Jonathan Glazers Verfilmung von Michel Fabers „Under the Skin“ wäre mir die zweite Variante fast lieber gewesen. Denn hätte ich vor diesem Film das Buch nicht gekannt, hätte ich es danach definitiv lesen wollen. Glazers „Under the Skin“ gestaltet sich nämlich so absonderlich, verstörend, verwirrend und merkwürdig, dass man einfach wissen muss, was dahinter steckt… und dann würde man sich nach der Lektüre nur noch mehr wundern – ob über Film oder Buch bleibt dann jedem selbst überlassen.

Jonathan Glazer erzählt in „Under the Skin“ von einer schönen Frau (Scarlett Johansson), die einsam und schweigsam die Straßen von Schottland mit ihrem riesigen weißen Van durchquert… immer auf der Suche nach Männern, die gewillt sind, zu ihr ins Auto zu steigen. Doch die erwartet dann leider kein Sex, sondern das Versinken in einer schwarzen Flüssigkeit. Denn der Weg ins Haus der schönen Unbekannten kennt nur für sie selbst einen Ausgang.

Diese Frau KANN fahren… woah…

Michel Fabers Roman und Jonathan Glazers Verfilmung haben nicht sonderlich viel gemeinsam… obwohl da so nicht stimmt. Gerade der Beginn ist bei beiden verstörend geheimnisvoll. Denn die ganze Zeit fragt man sich, was macht diese Frau? Wozu braucht sie die Männer? Was passiert mit den Männern? Wer ist diese Frau? Ist das wirklich ihre Art von Arbeit? Tagein, tagaus… Männer jagen??? Während das Buch nach seinem kryptischen Anfang doch irgendwann dazu übergeht, dem Leser einen tieferen Einblick in das Leben der Frau zu gewähren, verzichtet der Film da komplett drauf.

Erklärungen gibt es nicht, gesprochene Worte nur sehr wenig. Ein bisschen erinnerte mich „Under the Skin“ an die Arbeiten des Koreaners Kim Ki-duk, der ja ebenfalls ein begeisterter Vertreter des schweigsamen Films ist. Etwas, was sicherlich nicht jedem zusagt. Man muss sich da auf jeden Fall dran gewöhnen, denn „Under the Skin“ fordert seinen Zuschauer auf, sich das ganze selbst zusammenzureimen… Glazer gelingt es dabei sogar teils recht eindrucksvoll, von einem gewissen Alltagstrott zu erzählen, nur halt aus einer etwas anderen Sicht. Die junge Frau kennt nur ihre Arbeit… und wenn die mal nicht ist, was kommt dann??? Möchte uns Glazer damit irgendwie sagen, dass Arbeiten nicht alles ist? Dass wir die Augen für die Dinge öffnen sollen, die wir sonst als selbstverständlich nehmen? Vielleicht… auch diese Ansichten sind wohl jedem selbst überlassen.

„Under the Skin“ verfolgt eigentlich eine nette Idee, nur leider verliert sich Glazer manchmal ein bisschen zu sehr darin, hier so einen Kunstfilm draus zu machen. Versteht mich nicht falsch, ich mag auch gerne mal diese „schweigsamen“ Filme (ich empfehle da nur immer wieder „Bin-jip“ vom schon genannten Kim Ki-duk), nur entwickelt sich „Under the Skin“ sehr behäbig. Liefert der Film gerade zu Beginn noch verstörende Bilder mit nervenzerreißender Musikuntermalung, verliert er sich später ein bisschen in Wiederholung. Was schade ist, denn „Under the Skin“ weiß gerade am Anfang schon zu faszinieren… die Frage nach dem Warum war nie schmerzhafter als hier.

Dazu kommt, es schon ziemlich mutig ist, Scarlett Johansson rauchige Stimme mal komplett ignorieren zu müssen. Doch Johansson macht ihre Sache gut, sehr gut sogar. Wenn sie mit ihren großen, treuen Rehaugen durch das verregnete Schottland geht und sich über die Menschen wundert, fühlt man richtig, wie einsam sie sich hier fühlt. Allein und verloren… nur arbeiten, nie stoppen, immer weiter machen. Diese erdrückende Einsamkeit wird durch ihre Schweigsamkeit nur noch verstärkt und trotzdem bewahrt sich Johansson eine unglaublich starke Präsenz.

Aber auch Johansson kann den Film nicht davor retten, dass er an vielen Stellen zu gewollt erscheint. Ich weiß allerdings auch nicht, ob ich eine getreue Roman-Verfilmung besser gefunden hätte. Ich glaube, Glazer hat schon einen guten Weg gefunden (wenn auch einen recht langsamen). Ich kann das Buch nur empfehlen… aber lest es vielleicht doch erst nach dem Film. Denn das bewahrt euch davor, in jeder neuen Szene etwas zu erwarten, was leider nicht kommen wird. „Under the Skin“ sollte wirklich erst gesehen und dann gelesen werden… andersrum erwartet man sich ein bisschen zu viel.

Auf jeden Fall ist „Under the Skin“ schon ein interessantes Kino-Erlebnis… außergewöhnlich, ungewöhnlich und teils sehr beklemmend. Wenn Glazer in der Mitte das Tempo ein bisschen angezogen hätte, würde der Film auch ein wenig mehr fesseln. So verliert er seinen (vielleicht etwas ungeduldigeren) Zuschauer ein bisschen… aber wie gesagt, könnte auch einfach meine hohe Erwartungshaltung gewesen sein.

Wertung: 7 von 10 Punkten (ich wiederhole es noch einmal: guckt erst den Film, aber lest dann das Buch!!!)

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9 Kommentare leave one →
  1. oldboyrap permalink
    8. Oktober 2014 08:53

    7 nur? Ich würde glaub 9 oder 10 geben.

    • donpozuelo permalink*
      8. Oktober 2014 10:26

      Ich war unschlüssig bis zum Schluss. Der Film ist schon etwas sehr besonderes, aber manchmal auch nicht so zugänglich…

      • oldboyrap permalink
        8. Oktober 2014 14:21

        Muss ein Film zugänglich sein, um gut zu sein? Ich denke nein, aber darüber kann man natürlich diskutieren, das stimmt. Auf dem FFF hat er echt viel Negativkritik bekommen, aber das liegt auch daran, weil da sonst zu 80% dämliche Scheiße lief und das deshalb echt das falsche Publikum für den Film war.

        • donpozuelo permalink*
          8. Oktober 2014 14:56

          Es ist ein toller Film, bei dem es schwierig ist, den jetzt so wirklich mit einer Zahl abzutun. Es ist ein Film, über den man sich lange und gut unterhalten kann. Es ist ein Film, der einem nicht alles auf dem Silbertablett serviert, sondern auch dem Zuschauer was abverlangt… von daher sind sicherlich auch 10 Punkte gerechtfertigt 😉

  2. 6. November 2014 12:57

    Ha, deshalb habe ich ja seit einiger Zeit wieder darauf verzichtet, Wertungen unter meine Texte zu setzen (egal ob im selten gewordenen Artikel oder im Podcast). UNDER THE SKIN ist für mich aber ein klarer Fall von „sowas habe ich lange nicht mehr gesehen“. Du nennst den Film ’schweigsam‘, ich benutze lieber den Ausdruck, dass Glazer äußerst visuell erzählt. Alleine die erst in den Wiederholungen ausformulierte Szene, was mit den verführten Männern geschieht, gibt denke ich Aufschluss darüber, wie ich das meine: Das Versinken in der Flüssigkeit ist eine wunderbare Visualisierung des Untergangs, des Sterbens. Der ja nur einmal kurz wirklich stark präsent gezeigt wird.
    Und generell ist der Film ja wahnsinnig kryptisch, enigmatisch gehalten. Für mich ist das kein Ausdruck von Behäbigkeit, sondern der Aufruf an den Zuschauer: Denk dir deinen Teil! Das mag man als engstirnigen Versuch auffassen, dass hier der Regisseur einen Kunstfilm schaffen wollte, ich sehe das aber nicht negativ. Für mich ist UNDER THE SKIN wahrscheinlich der eindrucksvollste Film dieses Kinojahres, vielleicht sogar der beste.

    • donpozuelo permalink*
      6. November 2014 15:36

      Klar… bei diesem Film ist es eigentlich wirklich schwer, überhaupt irgendeine Zahl darunter zu schreiben. Ich habe ihn mittlerweile noch ein zweites Mal gesehen… und es ist wirklich ein Film, der a) in keine Kategorie passt (weil er sich dem auch so gekonnt entzieht) und b) der einfach nur visuell absolut umwerfend ist. Wirklich ein sehr beeindruckender Film!

  3. 4. Oktober 2017 08:01

    Ich habe nicht durch gehalten und den Film nach knapp 30 Minuten ausgemacht. Das war mir zu viel Kunstkino.

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