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Nachts unterwegs

24. September 2014

Ich fahre gerne nachts Auto. Da kann man sich selbst in einer großen Stadt wie Berlin noch so fühlen, als würde einem die Stadt gehören. Weniger Autos unterwegs, weniger Menschen… ich weiß nicht, wieso, aber nachts Auto fahren hat was. Zumindest für mich. Dabei beziehe ich das nicht einmal nur auf die Nachtfahrten durch die Stadt, besonders auf dem Land hat das was. Wenn du wie so ein Anglerfisch in der Tiefsee an allem vorbeirauschst… eben noch im Licht, schon wieder im Dunklen. Das hat was… ich weiß, ich klinge wahrscheinlich merkwürdig, aber nachts mit dem Auto durch die Gegend fahren, hat was. Es ist aber natürlich immer auch ein bisschen unheimlich… zu viele gute und schlechte Horror-Filme können das schon bewirken.

„In Fear“ ist ein weiterer dieser Filme, obwohl es mir schwerfällt, den als gut oder schlecht abzutun. Er ist ein bisschen was von beidem: Tom (Iain De Caestecker) will mit Lucy (Alice Englert) auf ein Festival fahren, doch vorher würde er gern mit ihr die Nacht in einem romantischen Hotel verbringen. Doch auf dem Weg dahin, verfahren sie sich… egal, wo die Schilder auch hinzeigen, die beiden scheinen immer im Kreis zu fahren. Und dann sieht Lucy auch noch einen Mann mit weißer Maske… und Tom und Lucy steht eine lange Nacht im Auto bevor.

Die sitzt voll auf der falschen Seite mit…

„In Fear“ spielt fast nur in der Dunkelheit und fast nur im Auto… das macht den Film schon mal interessant. Denn solche sehr isolierten Handlungsräume verlangen sowohl vom Regisseur als auch von den Schauspielern großes Können ab: Schließlich muss der Zuschauer bei Laune gehalten werden… auch wenn wir uns nirgends wirklich hinbewegen, muss es spannend bleiben.

Regisseur Jeremy Lovering hat anfangs ein paar Schwierigkeiten, was für mich persönlich aber vielmehr am Drehbuch lag. Denn wer mir eigentlich permanent auf den Sack ging, das war Tom. Vielleicht geht das auch nur mir so, aber wenn meine Freundin verängstigt neben mir sitzen würde, würde ich mehr auf sie eingehen, statt alles, was sie erzählt, schnöde abzuweisen und mir zwischendurch noch ein paar Züge aus der Flasche zu genehmigen. Dafür, dass es ja auch noch ausgerechnet Tom war, der dieses romantische Hotel ausgesucht hat, verhält er sich wie ein Riesenarsch… vielleicht wollte Loverin den Charakter genau so haben, aber ich fand’s unpassend.

Allerdings muss man De Caestecker und Englert zugute halten, dass sie es dennoch hervorragend schaffen, diesen kleinen Film allein zu stemmen. Mit den beiden im Auto zu sein, wird hier selbst für den Zuschauer zur Zerreißprobe, vor allem, weil man nie so richtig weiß, was da draußen jetzt eigentlich los ist. Wer ist der Typ mit der weißen Maske? Wer würde da nicht durchdrehen?

Einziges kleines Manko: Lovering holt den Mann mit der Maske ein bisschen zu spät raus. Zulange müssen wir mit Lucy und Tom im Kreis fahren und im Kreis fahren. Das bringt uns den beiden auch nicht wirklich näher und zögert alles ein bisschen zu sehr hinaus… denn was nach dem ewigen Hin-und-Hergefahre kommt, ist viel zu gut, als das man es mit dem Frust des Wartens erleben muss.

Kleine Randnotiz: Zum Durchdrehen hat mich auch die Tatsache gebracht, dass man zweimal in relativ weiten Abständen zu sehen bekommt, dass die Tanknadel eigentlich schon auf leer steht und trotzdem fahren die beiden „fröhlich“ durch die Dunkelheit… aber gut, kleine Fehler müssen wohl einfach erlaubt sein.

Wirklich lobenswert ist bei „In Fear“ die Kamera-Arbeit. Wie sooft bei dieser Art von Film hängt viel davon ab, wie gut der Kamera-Mann den winzigen Raum betrachtet. Filme wie „Buried“ oder „Grand Piano“ haben eindrucksvoll gezeigt, wie man sowas macht. Und auch Loverings Kamera-Mann David Katznelson (übrigens wäre das doch mal ein geiler Name für ne Katze!!!) beweist sein Können. Im Auto fühlt man sich zwischen Lucy und Tom mehr und mehr eingeengt, während man bei den Aufnahmen von außen eigentlich kaum etwas sieht. Die Dunkelheit ist überall und es scheint hier überhaupt kein Entkommen zu geben. Somit erzeugt „In Fear“ eine unglaublich intensive Atmosphäre, die fast sogar mir das Fahren bei Nacht vermiesen könnte. Aber ich verzichte ja gerne darauf, mitten durch Irland im Nirgendwo zu fahren.

Bei nur knapp 80 Minuten Laufzeit entfesselt Lovering langsam das Chaos dieser Nacht… mit jeder Minute, die vergeht, fragen wir uns, was das Ganze soll… und mit einem Paukenschlag holt Lovering aus… und haut uns die Bratpfanne direkt ins Gesicht. „In Fear“ wird zum Schluss so ein merkwürdiger Mindfuck… nicht etwa, weil es zu abgefahren wird (kleines Wortspiel), sondern weil man nicht wirklich greifen kann, was das alles soll. Ich will nichts verraten, deswegen muss ich mich so ausdrücken. Aber „In Fear“ reiht sich in die Reihe britischer WTF-Filme ein, deren Haupt-WTF-Film für mich nach wie vor „Eden Lake“ ist.

„In Fear“ erfindet zwar auch das Rad nicht neu, ist aber dennoch ein aufregendes Psycho-Kammerspiel, an dessen Ende man sich fragt, was der gute Lovering uns damit wohl sagen wollte.

Wertung: 8 von 10 Punkten (nachts Auto zu fahren, ist auf einmal doch ein bisschen unheimlicher geworden)

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4 Kommentare leave one →
  1. 24. September 2014 09:07

    Bei Horrorfilmen sollte man sich wohl lieber nie fragen „was das Ganze soll“ 😀

    In einem schwachen Kinojahr ist „In Fear“ für mich noch einer der besseren/besten Filme des Jahres bisher.

    • donpozuelo permalink*
      24. September 2014 09:46

      Wohl wahr, aber bei diesem Film habe ich mich das am Ende trotzdem gefragt. Und ja, „In Fear“ ist wirklich eine nette Überraschung gewesen…

  2. 24. September 2014 20:26

    Ich mochte den Film auch sehr, trotz des Endes, aber insgesamt war er schon ne positive Überraschung 🙂

    • donpozuelo permalink*
      24. September 2014 21:23

      Dann sehen wir das ja etwa gleich. Auch wenn ich das Ende sogar irgendwie nett merkwürdig fand. Da war mir der etwas schwerfällige Anfang viel eher ein Dorn im Auge.

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