Skip to content

„Siri“ in Love

15. September 2014

Ich muss gestehen, dass ich ein Technik-Skeptiker bin. Was wohl etwas ist, was ich von meinem Vater habe, der – ohne Scheiß – nicht einmal einen Computer in seinem Büro stehen hat. Er ist einer der wenigen (oder möglicherweise sogar der einzige), den ich kenne, der alle seine Briefe noch per Hand schreibt. Mit einem Füllfederhalter, nicht mit einem Kugelschreiber. Wir hatten lange Zeit auch wegen ihm keinen Fernseher oder einen Computer zuhause. Ich glaube, er hatte immer ein bisschen Angst davor, dass wir uns als Familie durch diese Technik von einander entfernen.

Es war auf jeden Fall nicht einfach, so mit allem Schritt zu halten… wir waren immer zwei Schritte hinterher. Etwas, dass ich heute noch spüre… allerdings, weil ich es mir manchmal einfach selber so zurecht lege. Ich warte immer erst einmal ab, wenn irgendwas Neues kommt. Der Technik-Skeptiker in mir hat halt lieber alles in Maßen.

Deswegen muss ich auch gestehen, dass mir Spike Jonzes „Her“ echt auch ein bisschen Angst gemacht hat. So vieles an diesem Film war zwar wunderschön, aber gleichzeitig auch ziemlich beängstigend – für mich zumindest. Denn viele Dinge, die Jonze in „Her“ anspricht, wirken so, als würde sie nur darauf warten, hinter der nächsten Ecke hervorzuspringen.

Scheiß Ladebalken…

Erst einmal diese Liebesgeschichte zwischen Theodore (Joaquin Phoenix) und seiner Computer-Software Samantha (Scarlett Johansson)… wunderbar süß, wie Jonze diese Geschichte zwischen dem schüchternen Mann und seiner „Software“ erzählt. Aber in Zeiten, wo sich mehr und mehr Leute per Internet kennenlernen, irgendwie auch eine gruselige Geschichte. Wie kann man etwas lieben, dass nicht wirklich da ist? Wie kann man zu Nullen und Einsen eine Beziehung aufbauen? Geht das? Wahrscheinlich, mit großer Sicherheit schon. Wenn man mal überlegt, wie sehr wir mit Serien-Helden, Film-Helden oder auch Computer-Spielfiguren mitleiden, dürfte es nicht schwer sein, auch mit einer künstlichen Intelligenz emotional verbunden zu sein. Doch die Idee einer Beziehung wirkt schon unheimlich.

Und im Film ist Theodore ja nicht der Einzige… immer wieder sieht man Menschen durch die Gegend laufen. Völlig in Gespräche vertieft, ohne das sie ihre Umgebung wahrnehmen. Jeder hängt an seinem Telefon, jeder scheint mehr im virtuellen zu leben als in der Realität. Etwas, das sich ja durchaus schon bewahrheitet hat, wenn man sich morgens nur mal in der S-Bahn umsieht: Man sieht nur noch selten Menschen wirklich miteinander reden. Und selbst wenn, ist gefühlt eine Auge immer auf das Telefon gerichtet. In dieser Hinsicht hat „Her“ den Status Science-Fiction schon abgelegt…

Am gruseligsten an „Her“ fand ich aber Theodores Job: Er schreibt Briefe für Menschen, die scheinbar ihre eigenen Gefühle für andere nicht in Worte fassen können. Das Ganze wird schön so verpackt, als wäre es alles per Hand geschrieben, aber in Wirklichkeit ist es, Fließbandarbeit… Wo landen wir denn, wenn wir nicht einmal mehr unsere eigenen Emotionen artikulieren können, sondern jemanden brauchen, der das für uns macht? Wahrscheinlich in einer Welt ähnlich wie der von „Her“, in der wir anfangen, Liebe mit Siri zu machen.

Jonzes „Her“ ist ein Film, der mich vor allem wegen dieser ganzen Dinge sehr bewegt hat. Natürlich ist Joaquin Phoenix großartig und Scarlett Johansson erschafft hier wirklich nur mit ihrer Stimme eine unglaubliche Persönlichkeit… aber am bewegendsten ist doch wirklich diese Zukunftsvision, die Jonze hier konstruiert. Könnte es irgendwann vielleicht wirklich so weit sein, dass wir uns mit künstlichen Intelligenzen besser verstehen als mit echten Menschen? Oder ist es nur der Technik-Skeptiker und Romantiker in mir, der einfach nicht glauben kann, dass irgendwann selbst Liebesbriefe einfach nur noch vom Fließband kommen und keiner mehr wirklich seiner Emotionalität freien Lauf lassen kann?

„Her“ ist auf jeden Fall ein sehr schöner Film, der einen doch sehr zum Nachdenken anregt… nicht nur über Liebe, sondern über menschliches Zusammensein allgemein. Es ist eine interessante Studie, die erschreckend realistisch wirkt, aber am Ende dennoch eine sehr versöhnliche Note findet, durch die man den Glauben an die Menschheit noch nicht unbedingt in Frage stellen muss 😉

Wertung: 9 von 10 Punkten (könnte man wirklich einen Computer lieben? Und was macht das mit einem? Interessante Fragen verpackt in einem unglaublich sehenswerten Film.)

Advertisements
11 Kommentare leave one →
  1. 15. September 2014 08:52

    Die Ironie ist ja, dass Theodore diese romantischen, eloquenten Briefe für andere schreibt, selbst aber introvertiert ist und keine wirkliche Bindung zu seiner Umwelt hinkriegt.

    • donpozuelo permalink*
      15. September 2014 12:57

      Das kommt noch dazu, stimmt. Halt eine wirklich merkwürdige Welt, in der der gute Mann da lebt.

  2. Illegitim permalink
    15. September 2014 09:03

    Den Unheimlichkeitsfaktor würde ich gar nicht mal teilen. Immerhin schafft Jonze es, seine Lovestory so realitätsnah zu erzählen, dass man streckenweise vergisst, dass da nur ein Mensch anwesend ist, und Theodore wird dadurch zumindest für eine gewisse Zeit offenkundig glücklich. Ob nun mit einem Computer oder einem Mensch, der, wenigstens für den geneigten Atheisten, auch nur ein besserer Computer ist, ist da letztlich Semantik. Einer der schönsten Filme des Jahres!

    • donpozuelo permalink*
      15. September 2014 12:59

      😀 Sehr schön, der Mensch-Computer-Vergleich. Stimmt wohl irgendwie und ja, es stimmt auch, dass man beinah vergisst, dass es sich bei Samantha nicht um einen Menschen handelt. Trotzdem finde ich die Idee nach wie vor ein bisschen sehr gruselig… auch, wenn es Theodore glücklich macht (nur verliert er dabei die Frau aus den Augen, die direkt gegenüber wohnt 😉 )

  3. 15. September 2014 19:41

    Dafür, dass du Technik-Skeptiker bist, hast du es aber ganz treffend formuliert, dass Samantha Software ist und nicht wie die meisten geschrieben, dass Samantha ein PC ist oder ähnliches. 🙂
    Und mir ging es ganz ähnlich, ich empfand das Szenario aus dem Film als sehr sehr nah an der Realität. Das ist gar nicht so gruselig, eine Beziehung zu etwas aufzubauen, dass dich so gut versteht wie diese Stimme aus dem Computer. Nur, wenn man hinter die Fassade blickt und realisiert, was noch so nebenbei geht, dann wirds seltsam und hat mit dem menschlichen Verständnis von Beziehung und Verständnis plötzlich nicht mehr soviel zutun.

    • donpozuelo permalink*
      16. September 2014 08:52

      Aber da sind wir dann auch wieder bei einem echt spannenden Thema… das mit dem menschlichen Verständnis von Beziehung und Verständnis. Wer wäre man, Theodore sein Glück streitig zu machen, nur weil er eine Software liebt. Wenn ihm die das gibt, wonach er sucht, warum nicht? Traurig wird’s halt nur, wenn er dadurch die Realität um sich herum (wie zum Beispiel seine Nachbarin) nicht so wahrnimmt, wie er es vielleicht tun sollte.

      Es ist auf jeden Fall ein sehr schöner Film, der viele verschiedene spannende Themen anspricht, über die man danach noch lange, lange diskutieren kann 😉

Trackbacks

  1. Der digitale Weltkrieg | Going To The Movies
  2. 2014 | Going To The Movies
  3. Die Rote Blume | Going To The Movies
  4. Ich wollte, ich wäre ein Falke | Going To The Movies
  5. Blogparade: My 100 greatest films of the 21st century… so far | Going To The Movies

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: