Zum Inhalt springen

A Boy’s Life

25. Juni 2014

Zwölf Jahre sind eine verdammt lange Zeit. Und zwölf Jahre in drei Stunden abzudecken, klingt ja fast schon wieder nach einem Ding der Unmöglichkeit. Schließlich passiert in zwölf Jahren eine ganze Menge. Doch wenn jemand wie Richard Linklater sich so eine Aufgabe stellt, könnte das ja funktionieren. Schließlich hat er mit „Before Sunrise“, „Before Sunset“ und „Before Midnight“ bereits über Jahre verteilt die Geschichte eines Pärchens erzählt. Jetzt aber will er es ganz genau wissen und erzählt in „Boyhood“ die Geschichte des jungen Mason – angefangen, als Mason sechs Jahre alt ist bis zu seinem 18. Lebensjahr.

Von der Story her präsentiert sich „Boyhood“ als genau das, was es sein will: es ist ein Porträt! Wir sehen Mason (Ellar Coltrane) aufwachsen. Wir erleben, wie er Stress mit seiner Schwester Samantha (Lorelei Linklater) hat. Wir erleben, wie er damit klar kommen muss, dass seine Mutter (Patricia Arquette) scheinbar immer an die falschen Typen gerät. Wir erleben die wenigen schönen Momente mit seinem leiblichen Vater (Ethan Hawke) und natürlich geht es auch immer wieder darum, einfach nur ein Junge zu sein.

Brenne, du Ameise, brenne!!!

„Boyhood“ erzählt all das schnörkellos und dennoch sehr liebevoll. Was wohl vor allem daran liegt, dass es nie etwas total abgehobenes gibt. „Boyhood“ zeigt wirklich den normalen Alltag. Es ist durchaus alles glaubwürdig, was Linklater uns hier als das Leben eines Jungen präsentiert. Es geht meistens um Nichtigkeiten: wer räumt auf, warum wurden die Hausaufgaben nicht gemacht, wieso warst du so lange auf der Party, hilf deiner Mutter!!! Und genau das ist das Tolle an „Boyhood“: Man kann sich so verdammt gut in diese ganzen Situationen hineinversetzen, weil man so vieles davon auf die ein oder andere Art und Weise auch mal so miterlebt hat.

Dabei hilft es natürlich enorm, dass wir durchgängig die gleichen Darsteller haben. Linklater hat sich 12 Jahr lang immer für ein paar Drehtage mit seinem Team getroffen, um die neuen Episoden anschließend an die bereits gedrehten anzuknüpfen. Was hier jetzt ein bisschen sehr nach merkwürdiger Puzzle-Arbeit klingt, funktioniert filmisch einwandfrei. Der Film wirkt episodisch, ohne wirklich episodisch zu sein. Klingt merkwürdig, ist aber so. Es gibt keine Textafeln, die sagen: „Mason, jetzt sieben Jahre alt“ oder ähnliches. Die Zeitsprünge wirken immer sehr organisch und gut integriert. Und deswegen fühlen sich die Episoden auch nicht wie Episoden an: Sie bilden alle ein Ganzes und bieten jede für sich spannende, amüsante, traurige und clevere Einblicke in das „normale“ Leben.

Und all das wird natürlich dadurch extrem unterstützt, dass es keine wechselnden Darsteller gibt. Wir sehen wirklich vor unseren Augen, wie aus einem kleinen Ellar Coltrane ein großer wird, und das hat schon eine enorme Kraft. Das bindet einen noch sehr viel mehr an diese Person. Ich will nicht mal wirklich Charakter sagen, denn auch wenn das hier eine fiktive Geschichte ist, könnte sie doch genau so gut wahr sein. Und Coltrane in diesen Lebensjahren zu beobachten, macht schon sehr viel Spaß. Was auch wieder daran liegt, dass alle Darsteller sehr natürlich wirken…

Ethan Hawke schafft es nach gefühlten Ewigkeiten auch mal wieder mich nicht zu nerven und Patricia Arquette mal wieder in einem Film zu sehen, ist auch schon sehr viel wert. Aber großer Star dieses Films ist und bleibt Ellar Coltrane, der die schwere Bürde, diesen Film über seine zwölf Jahre zu tragen, mit Bravour bewältigt.

„Boyhood“ ist ein toller Film! Zwar war mir die letzte dreiviertel Stunde dann doch ein bisschen zu abwechslungsarm (wenn man es mit den schnelleren ersten Stunden vergleicht), aber es ist schon ein interessanter Film… bei dem ich mich allerdings auch immer ein bisschen Frage, wie man den Film beurteilen würde, wenn man seine Entstehungsgeschichte nicht kennen würde? Denn so ist man ja fast sofort gewillt, dass als großes Meisterwerk zu beschreien… was es ja irgendwie auch ist 😉

Wertung: 9 von 10 Punkten (die neue Art des Biopics ist schon ein sehenswerter Film)

5 Kommentare leave one →
  1. 25. Juni 2014 20:19

    Auf keinen Film freue ich mich zurzeit mehr 🙂

    • donpozuelo permalink*
      26. Juni 2014 08:04

      Der ist auch wirklich sehr zu empfehlen.

  2. 8. Juli 2014 11:37

    Mein Film des Jahres, seit ich ihn auf der Berlinale gesehen habe. Seitdem schwinden zwar immer mehr die Erinnerungen an den Film an sich, was bei den recht konventionellen Bildern auch nicht weiter verwunderlich ist. Dafür bleibt mir aber bis heute das wunderbare Gefühl in Erinnerung, das ich durch die ganzen drei Stunden und darüber hinaus verspürt habe. Ein Film, der nur so für mich gemacht zu sein scheint.
    Und auch abgesehen von seiner Entstehungsgeschichte einer der, wenn nicht sogar der beste Coming-of-Age Film aller Zeiten (und ich bin großer Fan des Genres!)

    • donpozuelo permalink*
      9. Juli 2014 14:38

      Unter den Coming-of-Age-filmen würde ich „Boyhood“ auch definitiv sehr, sehr weit oben ansiedeln. Fällt mir jetzt auch im Moment kein anderer Film ein, der noch besser war… aber gut, das liegt ja auch sehr viel an dieser wirklich besonderen Herangehensweise von Linklater. Es ist auf jeden Fall ein bemerkenswerter Film.

Trackbacks

  1. Der Boogieman auf Super 8 | Going To The Movies

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: