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Die Geschichte des Betrügers Redmond Barry

18. Juni 2014

Geschichten über Stanley Kubrick und seinen Perfektionismus gibt es zu wohl jedem seiner Filme. Es gibt wohl keinen zweiten, der für seine Präzisionsarbeit so berühmt-berüchtigt gewesen ist. Und vielleicht liegt auch genau darin der Grund, warum es doch immer wieder Menschen gibt, die mit seinen Filmen nichts anfangen können. Denn in der Tat sind sie oftmals schon zu perfekt. Ich meine das so nett, wie ich es schreiben kann… manchmal hat man bei Kubrick das Gefühl, er hat selbst den Zufall genau eingeplant. Wie sonst könnte man sich erklären, dass er gerne mal Wochenlang ein und die selbe Szene dreht?

Aber im Endeffekt macht diese Perfektion Kubricks Filme auch so besonders. Und bei keinem spielt das alles so gut zusammen wie bei „Barry Lyndon“. Darin erzählt Kubrick in drei Stunden die Geschichte des jungen Iren Redmond Berry (Ryan O’Neal), der durch seine Liebe zu seiner Kusine in Schwierigkeiten gerät und anschließend für England im Siebenjährigen Krieg kämpft. Doch er desertiert, landet bei den Preußen und wird hier als Spion eingesetzt. Aber statt zu spionieren, freundet er sich mit dem Chevalier de Balibar (Patrick Magee) an und verhilft ihm zur Flucht. Gemeinsam durchstreifen die beiden Deutschland, zocken und betrügen die Reichen und sammeln so ihr Geld. Bis Redmund sich dazu entscheidet, die reiche Gräfin Lyndon (Marisa Berenson) zu becircen. Und kaum ist ihr alternder Mann gestorben, wird Redmund Barry zu Barry Lyndon.

Kunstfälscher fangen jetzt bitte an, „Barry Lyndon“ abzumalen!

Zu „Barry Lyndon“ bin ich über die Mockumentary von William Karel „Kubrick, Nixon und der Mann im Mond“ gekommen. In der Mockumentary will uns Karel auf ziemlich glaubwürdige Art und Weise weismachen, Kubrick habe im Auftrag der Amerikaner die Mondlandung inszeniert. Ich meine, wer besser als der Mann, der mit „2001“ gezeigt hat, wie man es richtig macht. Als Gegenleistung dafür hätte Kubrick dann Linsen von der NASA bekommen, die es ihm erlauben würden, auch im schwachen Licht zu drehen. Und die brauchte Kubrick für „Barry Lyndon“. Denn hier wollte er mit so wenig künstlichem Licht wie nur möglich arbeiten.

Natürlich hat Kubrick die Mondlandung nicht inszeniert (obwohl… ist das so natürlich???), aber er hat tatsächlich NASA-Linsen verwendet, um Szenen bei Kerzenschein zu drehen. Was im fertigen Produkt wirklich verdammt gut aussieht. Überhaupt ist „Barry Lyndon“ der vielleicht am schönsten fotografierte Film, den ich von Kubrick kenne. Wenn man sich „Barry Lyndon“ anschaut, kann man gut verstehen, warum Kubrick fast 250 Tage für den Dreh brauchte. Kubrick unterwirft alles in diesem Film der Ästhetik von Gemälden. Zu Beginn fast jeder Szene fährt die Kamera von einer Detailaufnahme zurück zu einer Totalen. Und man könnte jede einzelne dieser Totalen nehmen, ein Standbild davon machen und es abmalen. Hier sitzt wirklich jedes Bild, jede Person hat ihren Platz und man kommt sich bei „Barry Lyndon“ immer ein bisschen vor, als würde man eine Gemälde-Galerie betrachten, die uns das Leben im 18. Jahrhundert näher bringt. Bildtechnisch ist „Barry Lyndon“ ein absoluter Traum. Einfach nur wunderschön anzuschauen.

Durch diese Gemälde wirken allerdings viele Szenen wirklich sehr künstlich und steif. Das liegt zwar zum einen daran, dass bei den Kerzenschein-Szenen sich wirklich niemand bewegen durfte, weil das Bild sonst versaut worden wäre. Auf der anderen Seite passt sich diese „Steifheit“ auch perfekt den Adligen an. Es passt alles zu dieser förmlichen Etikette der Reichen der damaligen Zeit.

Zugegebenermaßen war mir „Barry Lyndon“ dann doch ein kleines bisschen zu lang, aber die Geschichte des jungen Redmond ist dennoch eine ziemlich interessante. Ryan O’Neal, den ich ja bis jetzt nur aus „Paper Moon“ oder meiner Lieblingskomödie „What’s Up, Doc?“ kannte, wirkt auf den ersten Blick ein bisschen fehl am Platze in diesem Kubrick-Film. Doch letztendlich passt auch er ziemlich gut in diesen Film. Barry Lyndon ist ein Glückssucher, der durch schlechte Erfahrung in der Vergangenheit ein bisschen zu abgebrüht wird und sich einfach nur noch danach richtet, wie er am schnellsten Geld machen kann. Er ist kein ehrlicher Mensch, sondern ein Opportunist, der in erster Linie an sich denkt. Doch schlussendlich gilt auch beim ihm: „Schuster, bleib bei deinen Leisten!“ Ein Bauernlümmel wird halt doch immer ein Bauernlümmel bleiben… und das bringt O’Neal sehr gut rüber.

Für „Barry Lyndon“ muss man sich wirklich Zeit nehmen, aber dafür bekommt man auch wirklich was für Augen und Ohren.

Wertung: 9 von 10 Punkten (eine Bewegtbild-Gemälde-Galerie, wie ihr sie noch nicht gesehen habt)

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7 Kommentare leave one →
  1. oldboyrap permalink
    18. Juni 2014 09:08

    „Barry Lyndon“ finde ich bis heute Kubricks Nummer 4 ungefähr, 9/10 passt schon ganz gut, wirklich großartiger Film.

    • donpozuelo permalink*
      18. Juni 2014 11:24

      Und was sind dann bei dir Nummer 1-3?

      • oldboyrap permalink
        18. Juni 2014 18:21

        1. Eyes Wide Shut
        2, Dr, Strangelove
        3. Clockwork Orange

        • donpozuelo permalink*
          19. Juni 2014 09:01

          Ja, Eyes Wide Shut wäre auch meine Nummer 1, dann würde Clockwork Orange kommen und dann „2001“.

  2. 18. Juni 2014 23:30

    Steht auch noch bei mir im Regal…

Trackbacks

  1. Walking on the Moon | Going To The Movies

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