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Himmelfahrtskommando

28. Mai 2014

Ich dachte ja bis jetzt immer, was für ein toller und innovativer Film „Speed“ doch gewesen ist. Ein Action-Film, in dem ein Bus nicht langsamer werden darf, weil sonst das ganze Ding in die Luft geht. Klasse Film, große Unterhaltung… und doch alles nur geklaut. Ich meine, es sollte mich ja eigentlich nicht wundern, dass sich Filme immer wieder gerne bei anderen bedienen. Es herrscht halt auch hier die von Brecht beschriebene Laxheit in Fragen des geistigen Eigentums. Nach dem Motto „Lieber gut geklaut als schlecht selbst gemacht!“ Und niemand kann besser mit diesem Motto in Einklang gebracht werden als unsere Freunde aus Hollywood. Und so musste ich dann jetzt auch endlich mal feststellen, dass selbst Klassiker sich heimlich bei Klassikern bedienen.

In diesem Falle bedient sich „Speed“ an dem französisch-italienischen Klassiker „Lohn der Angst“: In dem Film geht es um vier Taugenichtse, die irgendwo in Südamerika ihre Zeit totschlagen und darauf hoffen, dass sich endlich was tut. Als dann bei einer Öl-Gesellschaft ein verheerender Brand ausbricht, werden Fahrer gesucht, die zwei Wagenladungen Nitroglycerin zum Unfallort fahren (um durch die Druckwelle der Explosion das Feuer zu löschen). Mario (Yves Montand), Jo (Charles Vanel), Bimba (Peter van Eyck) und Luigi (Folco Lulli) lassen sich darauf ein. Allerdings ist die Aktion ein echtes Himmelfahrtskommando: denn das Nitroglycerin ist nicht sonderlich gut gesichert, die Straßen durch den südamerikanischen Dschungel milde gesprochen eine Katastrophe und somit besteht immer die Gefahr, dass der ganze Laster samt Fahrer und Beifahrer einfach so in die Luft gehen könnte.

Keep rollin‘, rollin‘, rollin’…

„Lohn der Angst“ von Henri-Georges Clouzot würde ich jetzt mal als den langsamsten Action-Film bezeichnen, den ich je gesehen habe. Dabei muss ich aber hinzufügen, dass langsam in diesem Fall nicht negativ belastet ist. Der Film bleibt, sobald die Fahrt losgeht, durchweg spannend… nur braucht er halt erst mal eine ganze Weile, bis es überhaupt richtig losgeht. Bei einer Laufzeit von knapp 150 Minuten versauern wir ähnlich wie unsere vier todesmutigen Fahrer in diesem kleinen Örtchen. Hier passiert wirklich nicht viel, Mario versucht sich als Lebemann, aber so wirklich hat keiner der vier irgendeine Zukunft vor Augen.

Die langatmige Einführung wirkt sehr gewollt, schließlich erfüllt sie doch perfekt ihren Zweck. Wer würde sich nicht – bei der Aussicht auf Geld und damit einer Fluchtmöglichkeit – auf so ein Himmelfahrtskommando einlassen? Langeweile kann tödlich sein und Mario und die anderen im Dorf sind kurz davor zu sterben… warum also nicht Nitroglycerin durch den Dschungel fahren? Schon beim Angebot scharen sich die Männer um das Büro, um den Job zu bekommen. Muss man also mehr sagen? Clouzots eigenwilliges Experiment geht also voll auf… genau wie die Burschen im Film harren wir aus, warten und hoffen auf Abwechslung in einem ansonsten recht eintönigen und langweiligen Alltag / Film.

Aber dann geht’s los. Zwei Laster werden beladen und sollen im Abstand von 30 Minuten losfahren (damit bei einer Explosion nicht gleich beide Wagen in die Luft gehen). Und hier sind wir dann wieder beim Thema „langsamster Actionfilm, den ich je gesehen habe, der trotzdem verdammt gut ist“. Clouzot spielt hier unentwegt mit unseren Erwartungen: die Fahrt durch den Dschungel wird zur Anspannung für Fahrer und Zuschauer, denn genau wie die warten wir auf diese eine kleine Unebenheit, die die eigentlich unvermeidliche Explosion auslösen wird.

Und der Weg zum Brand bietet zahlreiche Gefahren… und da kommen wir zu dem Punkt, an dem sich dann auch „Speed“ ein bisschen bedient hat: Beide Laster fahren über eine Wellblech-Straße und müssen konstant mit 30 Meilen pro Stunde fahren. Fährt der Fahrer langsamer, würde das den Laster ordentlich durchrütteln und… BUMM!!! Hier zeigt sich dann auch der ständige Schnitt zwischen Tacho, verschwitztem Gesicht des Fahrers und der Laster, dass „Speed“ schon lange vor dem eigentlich „Speed“ einfach nur gut war.

Aber selbst, wenn die Herren nicht „rasen“ müssen, wartet man auf das vermeintlich Unvermeidbare. Da quält sich der Laster einen Hügel hoch oder der Reifen will einfach nicht so richtig über eine Bodenschwelle rüber… immer wieder klebt die Kamera förmlich an den Hindernissen und will uns damit deutlich machen: Gleich könnte es passieren, gleich… gleich… Und wenn’s dann doch nicht BUMM macht, ist man erleichtert und vielleicht auch ein kleines bisschen verärgert 😉

„Lohn der Angst“ ist wirklich ein spannender Film, dem die Bezeichnung Action-Film nicht wirklich gerecht wird (mir fällt nur gerade nichts besseres ein). Das Langsame wird hier auf fast schon sadistische Art zelebriert und somit wird auch ständig mit unseren Erwartungen gespielt… das Warten auf den großen Knall!!!

Wertung: 9 von 10 Punkten (nach einem sehr trägen Anfang, der aber irgendwie wohl wirklich so sein musste, wird’s richtig spannend…)

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4 Kommentare leave one →
  1. 28. Mai 2014 21:59

    Ja ein großartiger Film. Schön dass man bei Dir auch mal nen echten Klassiker findet 😀

    • donpozuelo permalink*
      30. Mai 2014 08:30

      Ab und zu gebe ich mir auch mal Mühe 😀

  2. 3. Juni 2014 10:23

    Eine Bombe von einem Film! Den Anfang – besser die erste Hälfte – empfinde ich nicht als träge. Er sorgt dafür, dass alle Figuren zu echten Charakteren werden, mit Vorzügen und Kehrseiten. Denn erst durch diese Einführung wird die Lasterfahrt nicht nur die Grundsituation spannend, sondern weil man mit den Figuren mitfühlt. Das ist ja der ganz große Kinff des Films. Und dann diese gespenstischen Dialoge und Bilder dazu: die Ölpfütze, Jos „Il était rien!“, das Drehen der Zigarette. Ach, bei dem Film komme ich immer ins Schwärmen.

    Die zweite Buchverfilmung von Friedkin („Sorcerer“) kommt meines Erachtens zwar nicht an den Film ran, kann aber genug eigene Akzente setzen, um ebenfalls ganz weit vorne mitzuspielen. Allein der Tangerine Dream Soundtrack lässt den Film fast unvergesslich werden.

    • donpozuelo permalink*
      3. Juni 2014 16:49

      Träge ist vielleicht auch der falsche Ausdruck, weil es sich so ungewollt anhört. Aber der Film nimmt sich ja genau deswegen die Zeit, um die Charaktere und ihre Situation zu verdeutlichen. Denn nach diesem Anfang weiß man, warum sie alle diesen Job annehmen. Bei dem Leben hätte ich das auch gemacht.
      Es ist schon wirklich ein verdammt großartiger Film…

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