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Die Spinne und der Doppelgänger

21. Mai 2014

Es gibt Filme, da fragt man sich nach dem Abspann, was man da eigentlich eben gerade geguckt hat. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie ich mit einem Freund David Lynchs „Mulholland Drive“ im Kino sah. Wir wussten beide nichts über den Film – außer, dass er von Lynch war. Und das reichte uns schon aus. Ich kann mich dann auch noch sehr gut erinnern, dass der Film vorbei war, der Abspann war gelaufen, die Lichter waren schon wieder an und das Personal räumte so langsam den Kinosaal auf und wir saßen immer noch auf unsere Plätzen und versuchten, dem gerade Gesehenen einen Sinn zu geben. Irgendeinen Sinn… nur haben wir nie einen gefunden, trotzdem gehört „Mulholland Drive“ schon zu der Art von Film, die trotz (oder gerade wegen???) seiner Unverständlichkeit eine unglaubliche Faszination ausübt. Über diesen Film kann man sich drei Tage, drei Wochen, drei Monate unterhalten und findet immer was Neues.

So einen ähnlichen Film hat jetzt auch Denis Villeneuve gedreht. Allerdings wäre es irgendwie fatal, Villeneuves „Enemy“ mit irgendwas von David Lynch zu vergleichen, auch wenn das im ersten Augenblick sehr verführerisch klingt. Allerdings ist „Enemy“ dann doch etwas deutlicher strukturiert, doch nicht weniger kryptisch.

In „Enemy“ entdeckt Geschichtsprofessor Adam Bell (Jake Gyllenhaal) durch einen Zufall, dass der Schauspieler Anthony Claire (Gyllenhaal) ihm bis aufs Haar gleicht. Verstört und fasziniert zugleich stellt Adam Nachforschungen an… er will seinen Doppelgänger treffen.

Er hat’s gleich, er hat’s gleich…

Ich lasse das jetzt mal so stehen, denn die Prämisse muss ausreichen. Zu viel würde einfach zu viel verraten. Oder auch nichts, denn wie schon gesagt, gehört „Enemy“ in die Kategorie Film „Muss man definitiv mehrmals sehen“! Denn so richtig könnte ich nicht einmal sagen, worum es jetzt genau ging. Klar, oberflächlich wäre da die Geschichte mit den Doppelgängern, doch ist das nur die Spitze des Eisberges. Tief im dunklen Wasser schwimmen Spinnen, Ehefrauen, Blaubeeren, merkwürdige Nachtclubs und Theorien über Diktaturen und Herrschaft herum.

„Enemy“ ist ein filmisches Puzzle, bei dem jeder Satz und jedes Bild als Hinweis genommen werden muss, um einen Blick auf das große Ganze werfen zu können. Denis Villeneuve gelingt es hier sehr gut, ohne viele Worte und dafür mit sehr vielen Bildern zu arbeiten. Alles an diesem Film wirkt konstruiert und doch auch komplett improvisiert. Und genau deswegen hat mich dieser Film wirklich begeistert… es ist ein Puzzle, ein Ratespiel, ein Suchbild. Man kommt aus „Enemy“ und hat ein paar Ideen, ein paar Theorien und müsste sich den Film noch mehrere Male anschauen, um abzuwägen, Dinge wieder zu verwerfen oder neue Theorien aufzustellen.

Ich habe „Enemy“ mittlerweile zwei Mal gesehen und habe meine Theorien und Ansätze. Und es macht durchaus Sinn, den Film ein zweites Mal zu gucken. Denn neben den ganzen Rätseln überzeugt einmal mehr Jake Gyllenhaal. In Villeneuves Händen geht Gyllenhaal richtig auf: In „Prisoners“ war er schon großartig, aber hier in „Enemy“ ist er einfach nur grandios. Er spielt jede Rolle so, dass man sie auch dann noch auseinander halten kann, wenn gerade mal kein Name gefallen ist. Gyllenhaal gibt seinen Doppelgängern eine eigene Persönlichkeit… der eine ist eher still und zurückhaltend, der andere wild und manchmal aufbrausend. Und auch hier könnten mögliche Theorien über „Enemy“ ansetzen. Genauso wie bei den beiden Frauen im Film: Sarah Gadon spielt Anthonys schwangere Frau Helen, Mélanie Laurent Adams Freundin Mary. Und auch wenn beide Frauen gefühlt nur kleinere Nebenrollen haben, erfüllen sie diese mit so viel Ausdruck, dass auch sie ein scheinbar wichtiges Teil zum vollständigen Puzzle sein können.

„Enemy“ wird sicherlich nicht jedermanns Sache sein. Mich hat der Film aber schwer begeistert. Villeneuve tischt hier spannendes Kopfkino auf, dass definitiv mehrere Sichtungen benötigt und dann für jede Menge Gesprächsstoff sorgen wird.

Wertung: 9 von 10 Punkten (dieser Film bleibt hängen, allein schon wegen dem allerletzten Bild!!!)

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12 Kommentare leave one →
  1. 21. Mai 2014 14:38

    Der steht sowieso schon auf meiner Watchliste, aber jetzt machst du mich noch 10 mal neugieriger … . Glaube aber das Kino in meiner Stadt wird wohl keine Anstalten machen den vor meinem Umzug noch zu zeigen. :-/

    • donpozuelo permalink*
      21. Mai 2014 14:56

      Gut, den kann man sich auch super zuhause anschauen. Kino-Pflicht besteht bei dem jetzt nicht, die Pflicht, ihn zu gucken, schon 😉 Der ist wirklich sehr krass…

  2. 22. Mai 2014 18:12

    Den mochte ich nicht. War mir zu gewollt Kunst und Depro.

    • donpozuelo permalink*
      23. Mai 2014 09:03

      Kann ich zwar durchaus verstehen, aber mir hat’s echt gut gefallen.

  3. 29. Dezember 2014 03:08

    Ich habe eine analytische Interpretation bzw. Erklärung zu dem Film verfasst: http://narrationsgedanken.de/enemy-analyse-interpretation-und-erklaerung/

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