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Fluchende Verkäufer

12. Mai 2014

Filmtitel sind eine komische Angelegenheit und werden gerade hier in Deutschland manchmal recht lieblos behandelt. Eins meiner Lieblingsbeispiele ist immer noch „Django“. Franco Neros Kultcowboy mit dem Sarg und dem Maschinengewehr hat gefühlt zig tausend Filme. Doch in Wirklichkeit wurde einfach fast jeder Nero-Film im Deutschen umbenannt. „Django“ verkaufte sich halt einfach besser. Allerdings wird in letzter Zeit auch sonst viel Schindluder mit den Filmtiteln betrieben (ich schaue euch an, Marvel Deutschland). Ich finde, man sollte die Filmtitel gar nicht anrühren. Ein Name ist ein Name – dazu muss man stehen (vielleicht ins Deutsche sinngemäß übernehmen, aber nicht komplett neu erfinden).

Manche Titel können aber auch echt schädlich sein… so wie „Glengarry Glen Ross“. Ich schwöre, ich habe bis vor wenigen Wochen noch nicht einmal gewusst, dass es diesen Film gibt. Was erstaunlich ist, wenn man doch bedenkt, wer da so alles mitspielt: Al Pacino, Kevin Spacey, Alec Baldwin, Alan Arkin, Jack Lemmon und Ed Harris. Kein schlechtes Aufgebot für einen Film, oder??? Allerdings ist der Titel ein echter Zungenbrecher…

In „Glengarry Glen Ross“ geht es um Ricky Roma (Pacino), Shelley Levene (Lemmon), Dave Moss (Ed Harris) und George Aaronow (Arkin). Die vier sind Immobilienmakler der alten Schule. Sie quatschen ihren Kunden ein Ohr ab, belügen sie nach Strich und Faden und tun alles, um nur an ihre Provision zu kommen. Doch sie bringen nicht genug Geld in die Firma… Auftritt: Blake (Alec Baldwin), seines Zeichens Topmanager und scheinbar Motivationstrainer. Mit einer sehr „einfühlsamen“ Rede macht er den vier Maklern eines deutlich: Wer von ihnen in den nächsten Tagen die meisten Verträge abschließt, bekommt ein Auto. Der mit den wenigsten fliegt raus.

Das ABC mal etwas anders…

Wenn man wollte, könnte man sagen, dass „Glengarry Glen Ross“ ein bisschen so ist wie „Wolf of Wall Street“… allerdings mit sehr viel ärmeren Schluckern und einem viel trüberen Blick auf die Geschäftswelt. Während Leo durchs Bescheißen stinkreich wird, müssen diese vier Herrschaften erst einmal so weit kommen. Bescheißen, das können sie, aber wirklich was gebracht hat es ihnen noch nicht.

Man merkt dem Film sofort an, dass er auf einem Theaterstück basiert, denn es gibt eigentlich nur einen Handlungsort (das Büro) und kaum nennenswerte Nebendarsteller. Aber wer braucht die schon, bei den Hochkarätern. Die servieren uns das Theaterstück ganz gut ab, obwohl ich zugegeben muss, dass ich anfangs Schwierigkeiten hatte, wirklich mitzukommen. Ich habe wirklich eine Weile gebraucht, mir auf alles einen Reim zu bilden. Viel Hintergrundinformationen gibt’s nicht und es wird andauernd nur von „leads“ gesprochen (wie ich dann später herausfand, sind damit die zu verkaufenden Grundstücke gemeint).

Die Dialoge oder Monologe bekommt man dann Stakkato-artig serviert. Verschnaufpausen gibt es weder für die Makler noch für uns. Hier hat keiner Zeit für einen kurzen Moment der Ruhe. Zeit ist Geld, Zeit hat hier keiner, Geld wollen sie aber alle. Es ist schon fast ein bisschen erschreckend, aber ich glaube schon, dass „Glengarry Glen Ross“ einen ziemlich realistischen Blick auf diese Provisions-basierten Berufe wirft. Hier hat niemand wirklich einen Freund… und deswegen wird geflucht, als gäbe es kein Morgen mehr. Man könnte die „shits“ und „fucks“ und „bitches“ und „assholes“ und alle anderen wunderschönen Worte der englischen Sprache zählen, aber wozu??? Einfach nur zuhören, es gibt eh niemanden, der besser fluchen kann als ein Al Pacino.

Für ein dialog- und monologlastiges Drehbuch wie bei „Glengarry Glen Ross“ hätte man sich wirklich keine besseren Darsteller holen können. Alec Baldwin rockt seinen Anfangsmonolog (ist auch das Einzige, was er in diesem Film bringt, danach ist er weg). So gut habe ich Baldwin noch nie gesehen. Das Arschloch im feinen Zwirn und mit der Gewinner-Einstellung scheint ihm wie auf den Leib geschnitten. Al Pacino überzeugt als Glückspilz, der scheinbar unantastbar ist, mit ebenso schnell servierten Flüchen wie Lobhudeleien (wenn er mal wieder einem Kunden um den Bart fährt). Jack Lemmon ist als leicht schusseliger, nervöser und unsicherer Verkäufer ebenfalls ein echtes Erlebnis… wie alle Darsteller. Wenn auch nur einer von denen nicht funktioniert hätte, hätte das den ganzen Film zerstört.

Jeder dieser vier Makler ist vom Erfolgsdruck geplagt und verzweifelt auf die ein oder andere Weise an dem Druck. Jeder von ihnen geht anders damit um… da braucht es nicht mehr Sets. Ein Raum reicht… ein Raum und vier Männer, die ums Überleben kämpfen. Hier zählt wirklich noch das Gesetz des Stärkeren… Geld regiert die Welt und sonst gar nichts.

„Glengarry Glen Ross“ ist kein Film für nebenbei, und gerade am Anfang muss man echt dran bleiben… danach wird das Ganze ein echter Selbstläufer mit ein paar netten Überraschungen und durchweg großartigen Darstellern.

Wertung: 8 von 10 Punkten (diese Herren würden in punkto Geschwindigkeit beim Sprechen selbst den „Gilmore Girls“ noch Konkurrenz machen)

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5 Kommentare leave one →
  1. 12. Mai 2014 16:00

    „sind Immobilienmakler der alten Schule. Sie quatschen ihren Kunden ein Ohr ab, belügen sie nach Strich und Faden und tun alles, um nur an ihre Provision zu kommen“ … das hat jetzt aber einen bitteren Beigeschmack. 😉 Wo ich doch gerade auf Wohnungssuche bin … du machst mir ja Mut 😉
    Mir ist vorher noch nie aufgefallen wie gut sich Al Pacino und Alec Baldwin als Makler machen würden … *seufz*
    Klingt auf jeden Fall interessant – und auch ich habe noch nie von dem Film gehört. Wie konnte das passieren, fragt man sich!?

    • donpozuelo permalink*
      12. Mai 2014 16:24

      Du, das ging mir genauso. Ich hatte bis vor drei Wochen auch wirklich noch nie von diesem Film gehört. Sperrige Namen haben das scheinbar so an sich. Der ist ja zumindest auch bei uns hier ziemlich untergegangen. Von daher kann so etwas trotz großer Namen mal schnell passieren.

      Und was die Immobilienmakler angeht: Das sind ja hier nur fiktive Makler. Alle echten sind bestimmt super nett und sehr höflich 😀

  2. 14. Mai 2014 11:52

    Der Film scheint echt einer von diesen chronisch zu Unrecht vergessenen Filmen zu sein. Ähnlich wie zum Beispiel bei Carlito’s Way. Ich erinnere mich noch, Glengarry Glen Ross aufgrund der Besetzung und einem „Daumen hoch“ in der TV Spielfilm mal vor 10 Jahren oder so aufgenommen zu haben. Und dann habe ich ihn natürlich nie angesehen.
    Vor ein paar Wochen habe ich ihn dann in einer Auflistung der besten Ensemble-Casts gefunden, erneut auf die Watchlist gepackt und zum ersten Mal überhaupt mitbekommen, worum es eigentlich geht. Jetzt noch deine Kritik – Es wird wohl echt Zeit für eine Sichtung…

    • donpozuelo permalink*
      14. Mai 2014 17:44

      „Zu Unrecht vergessen“ trifft’s ganz gut… obwohl wir uns hier in Deutschland ja damit retten können, dass der Film bei uns so gut wie gar nicht richtig angekommen ist. Man muss sich also wirklich nicht schämen, noch nie von ihm gehört zu haben. Ich hatte ja bis vor drei Wochen auch noch nie was davon mitbekommen. Es ist aber auf jeden Fall ein sehenswerter Film, der durchaus mehr Aufmerksamkeit verdient hätte.

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