Skip to content

Springen ist schwer

7. April 2014

Selbstmord ist ein schwieriges Thema. Gerade für einen Film. Wenn man so drüber nachdenkt, funktioniert da eigentlich nur eine Richtung – die dramatische. Wer würde sich schon beim Thema Selbstmord auf irgendwas einlassen, dass auch nur im Ansatz ins Komische geht? Wie gesagt, es ist schließlich ein schwieriges Thema. Aber Nick Hornby, guter alter Nick Horny, er hat’s gewagt und sich in „A Long Way Down“ gleich vier Menschen gewidmet, die sich eigentlich umbringen wollen. Was in Buchform auf umwerfende Weise funktioniert, soll nun auch im Kino funktionieren. Schließlich funktionieren Hornby-Verfilmungen fast immer.

Martin Sharp (Pierce Brosnan), ein in Ungnade gefallener Moderator, Maureen Thompson (Toni Collette), Mutter eines behinderten Sohns, Jess (Imogen Poots), Tochter eines Politikers und J.J. (Aaron Paul), seines Zeichens Pizza-Lieferant zum ungünstigsten Zeitpunkt treffen sich alle an Silvester. Auf dem Dach eines Londoner Hochhauses. Alle mit dem Ziel, auf schnellstmöglichem Weg von da oben wieder runter zu kommen und dem Leben zu entfliehen. Doch das Treffen der Vier verhindert das – Selbstmord ist halt doch eher eine Sache, die man allein macht. Und irgendwie schließen diese Vier einen Pakt, bis zum Valentinstag am Leben zu bleiben…

Everybody… JUMP!

Ich sage es gleich vorweg: Den bissigen Charme und den Witz eines Nick Hornby erreicht die Filmversion von „A Long Way Down“ nicht. Dafür wurde viel verändert und viel zugunsten der filmischen Umsetzung umgeschrieben. Leser des Buches könnten mitunter schwer enttäuscht werden, von daher ist dieser Film wohl wirklich eher was für diejenigen, die sich vorm Lesen drücken.

Immerhin versucht Regisseur Pascal Chaumeil, gewisse Strukturen des Romans beizubehalten… und so ist auch der Film in verschiedene Teile geteilt, in denen eine andere Person als Erzähler fungiert. Somit gelingt es Chaumeil zumindest ansatzweise gut, in die Köpfe der verschiedenen Charaktere zu blicken. Eine Lösung, die so einfach wie clever ist und gut zum Film passt.

Man könnte natürlich trotzdem noch rummäkeln, dass „A Long Way Down“ es nicht so richtig gelingt, tiefe Emotionen zu entwickeln. So richtiges Mitfiebern ist nicht so drin, weil sich das Ganze nach der Pakt-Schließung auch eher in Richtung seichte Komödie begibt, anstatt wirklich beim Thema zu bleiben. Wir reden schließlich immer noch von Menschen, die sich eigentlich unglücklich fühlen. Unglücklich genug, um sich umbringen zu wollen. Dabei liefern Martins und Maureens Geschichte noch den „glaubwürdigsten“ Grund ab, warum sie mit ihrem Leben nicht zurecht kommen. Der eine hat durch eine schlimme Sache wirklich alles verloren und die andere ist vom Leben überfordert. Die anderen beiden sind eher langweiligen Hintergrundgeschichten versehen. Vor allem bei Aaron Pauls J.J. hätte ich mir dann doch mehr gewünscht, als nur diese Teenie-Emo-Geschichte…

Aber auch wenn die Story sich selbst manchmal ein bisschen aus den Augen verliert oder sich zu lange in zu uninteressanten Gefilden bewegt, ist „A Long Way Down“ kein per se schlechter oder langweiliger Film. Denn die Schauspieler retten den Film aus der Misere. Wirklich alle Darsteller fand ich überzeugend besetzt und in ihren einzelnen Rollen glaubwürdig. Pierce Brosnan als „befleckter“ Star war großartig. Sein Martin ist ein Misanthrop, ein Einzelgänger, der sich mehr genervt fühlt von dieser plötzlichen Gruppendynamik. Anders dagegen Toni Collette – ihre Maureen geht in dieser Gruppe viel mehr auf. Zwar versteckt auch sie sich hinter ihren Gefühlen, aber dennoch hilft ihr die Gruppe ungemein.

Den alten Hasen stehen zwei Jungspunde gegenüber: Imogen Poots und Aaron Paul – wieder vereint nach „Need for Speed“. Und genau wie da ist Poots die stärkere von beiden. In diesem Fall sogar von allen vier. Jess ist ein Tornado von einer Person, eben noch total glücklich, verfällt sie ziemlich schnell in Depressionen. Allerdings waren Stimmungsschwankungen und jugendliches Chaos nie sympathischer als bei ihr. Aaron Paul dagegen stinkt irgendwie komplett ab. Es ist ja löblich, dass er nach seiner „Breaking Bad“-Phase versucht, in verschiedenen Genres Fuß zu fassen, wirkt er doch hier am blassesten. Was aber wohl auch daran liegt, dass sein J.J. nicht wirklich viel zu bieten hat. Er ist der, von dem man am wenigstens weiß und doch macht ihn das nicht wirklich interessanter. Das gehört alles Imogen Poots.

Es ist also nicht so einfach mit „A Long Way Down“. Die Schwächen in der Story sind offensichtlich, werden aber durch die tollen Darsteller gut kaschiert. Mir hat’s gerade wegen dieser sympathischen Vierer-Gruppe gut gefallen… doch muss man zugeben, dass es bessere (sehr viel bessere) Hornby-Verfilmungen gibt.

Wertung: 7 von 10 Punkten (das Buch sollte man hier wirklich nicht vorher gelesen haben, dann macht’s Spaß)

Advertisements
6 Kommentare leave one →
  1. 7. April 2014 10:24

    Ich hatte Freude an dieser für mich von A-Z stimmigen Verfilmung. Vielleicht war das auch einfach die rosarote Hornby-Brille. 😉

    • donpozuelo permalink*
      7. April 2014 10:41

      Ich fand sie ja auch gut, aber nicht zu 100%. Aber so eine rosarote Horny-Brille hilft da natürlich extrem weiter 😉

  2. 9. April 2014 22:23

    Komme grade aus dem Kino und bin auch zufrieden mit dem Film. Aaron Paul fand ich gar nicht so blass, stimmt allerdings schon, seine Figur gibt nicht so viel her. Aber trotzdem: Netter Film, der unterhält.

    • donpozuelo permalink*
      10. April 2014 09:19

      Freut mich. Bei Paul hätte man mehr draus machen können. Ich hatte so das Gefühl, dass sie jedem möglichen (Welt)Schmerz mit den Figuren gerecht werden wollten und Paul hat dabei den kürzeren gezogen 😉

  3. 23. April 2014 22:13

    Wie du schon schreibst, Poots ist hier essentiell für den Film. Ich fand ihn noch ein Quäntchen besser, aber das macht ja nix.

    • donpozuelo permalink*
      24. April 2014 08:57

      Poots ist toll. Die hat mich schon mehr oder weniger durch „Need for Speed“ gerettet und auch hier war sie einfach nur super.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: