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Der Eiszeit-Express

2. April 2014

Es war so vor fünf oder sechs Jahren, da hatte ich mal das Vergnügen im InterCity von Münster nach Rostock (also von der Uni nach Hause) einen reservierten Platz in der ersten Klasse zu haben. Was mir an dieser Geschichte nachhaltig im Kopf geblieben ist, waren die leicht entsetzten Gesichter, der vorwiegend älteren Herrschaften in dieser Sechs-Personen-Kabine, als da dieser Student mit Rucksack und Sporttasche auftauchte. All diese Blicke schienen zu sagen: „Die zweite Klasse ist weiter durch!“ Aber ich hatte ja einen reservierten Platz… am liebsten hätte ich denen allen ins Gesicht gelacht. Hab ich aber nicht gemacht, stattdessen muss ich gestehen, habe ich mich nach der zweiten Klasse gesehnt. Da hatte ich wenigstens irgendwie immer nette Unterhaltungen mit meinen Mitreisenden. Hier in der ersten Klasse war’s irgendwie doof.
Warum diese Geschichte mit der Bahnreise? Weil sie fast perfekt zu dem Film passt, der jetzt kommt. In „Snowpiercer“ geht’s nämlich auch irgendwie ums Bahnfahren. Und die Unterschiede zwischen erster und zweiter Klasse – oder in diesem Fall, dem Ende des Zuges und der Front.

Stellt euch eine Welt vor, die komplett vom Eis bedeckt ist. Arschkalt… nach nur wenigen Minuten an der „frischen“ Luft und ihr seid wunderschöne Eisstatuen. Durch diese Welt fährt ein Zug, der „Snowpiercer“ und in ihm leben die letzten Überlebenden der Menschheit – aufgeteilt in Klassen. Während man ganz vorne in purem Luxus lebt, sind die Waggons am Ende überfüllt ohne Ende. Es gibt kaum vernünftiges Essen und immer wieder schikanieren die „Vorderen“ die Hinteren. Doch Curtis (Chris „Captain America“ Evans) hat einen Plan: Er will nach vorne. Er will die Maschine kontrollieren und somit den Zug.

Wären wir bloß nicht schwarz gefahren...
Bevor die Frage aufkommt: Wieso es diesen Zug überhaupt gibt, warum er seit Jahren bequem durch die ganze Welt fährt und warum es diese Eiszeit überhaupt gibt, wird alles im Film erklärt. Nicht überlang, aber zufriedenstellend genug. Der Film gibt uns das nötige Hintergrundwissen durch eine herrlich skurrile Sequenz, die in einem Schulabteil stattfindet, in dem eine Lehrerin die Kinder der Reichen mit den großen Vorzügen des Zuges vertraut macht. Gleichschaltung und Gehirnwäsche von Anfang an…

Die Spaltung der Armen und Reichen in Science-Fiction-Filmen ist ja ein alter Hut. Schon „Metropolis“ griff das Thema auf und erst jüngst langweilte Neill Blomkamp in „Elysium“ mit einer schwächlichen Aufarbeitung der gleichen Thematik. Der Koreaner Bong Joon-Ho zeigt nun, wie man es richtig machen kann: Basierend auf einem schon fast 30 Jahre alten französischen Comic erzählt er von diesen Menschen im Zug… und das kann sich wirklich sehen lassen. Was wiederum an drei Faktoren hängt: Das Setting, die Story und die Darsteller.

Das Setting ist einfach nur großartig in Szene gesetzt. Jeder einzelne Waggon ist eine kleine Welt für sich. Ganz hinten ist es eng, dunkel und dreckig. Die Menschen hausen hier wie die Ratten… im Verlauf der kleinen, von Curtis ausgelösten Revolution und der Wanderschaft an den Anfang des Zuges zeigt sich aber, dass der „Snowpiercer“ sein eigenes, kleines Universum ist: Es gibt Gewächshäuser, Aquarien, Kühlräume, das bereits erwähnte Klassenzimmer, Erholungswagen, Bibliotheken, etc. Jeder einzelne Waggon ist eine kleine Welt für sich und je weiter man nach vorne kommt, desto opulenter wird sie.

Allerdings lässt uns Bong Joon-Ho ja nie aus dem Zug aussteigen, weswegen alles immer von einer leicht klaustrophobischen Stimmung untermalt ist. Wirklich viel Platz ist nie. Nur die Art und Weise, wie der Platz genutzt wird, verändert sich. Richtig aufregend wird es vor allem dann, wenn wir das erste Mal durch ein Fenster schauen dürfen: Die Erde als Eisplanet sieht zwar (in seinen Effekten) manchmal etwas merkwürdig aus, aber es erfüllt seinen Zweck. Da draußen will man wirklich nicht sein.
Die Story habe ich ja in groben Zügen schon erzählt. Bong Joon-Ho macht daraus einen wunderbar intelligenten und spannenden Science-Fiction-Film, der seine Charaktere interessant entwickelt, Raum für die ruhigeren Momente lässt, aber auch die Action nicht außer Acht lässt. Und gerade die Kampfszenen auf engem Raum sind schon verdammt cool in Szene gesetzt.

Die Darsteller erfüllen „Snowpiercer“ dann mit dem richtigen Leben: Chris Evans beweist, dass er mehr kann als nur Comics. Tilda Swinton ist als Ministerin (für was auch immer) das schauspielerische Highlight des Films: zum Lachen komisch, unheimlich und immer wieder schön opportunistisch zu gleich!

„Snowpiercer“ ist alles das geworden, was ich mir gewünscht hatte, seitdem ich das erste Mal Skizzen für das Design gesehen hatte. Der Film ist spannend bis zum Schluss und einfach nur tolles Kino. Nach „The Host“ und „Mother“ also ein weiteres Highlight von Bong Joon-Ho!

Wertung: 10 von 10 Punkten (bei dieser Zugfahrt nehme ich bitte sofort die erste Klasse!)

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15 Kommentare leave one →
  1. 2. April 2014 09:06

    Ein grausiger Film, einer der schlechtesten, die ich dieses Jahr bisher sehen musste. Die Handlung ist nie mehr als ein Gimmick (passenderweise für nichts – allenfalls repetitive Actionszenen), die Prämisse gefriert gleich zu Beginn, die Auflösung passt da natürlich ins Bild. Die Idee der Klassenstruktur wurde von einer diesjährigen „Community“-Episode weitaus (und ich kann „weitaus“ nicht genug betonen) intelligenter umgesetzt. Auch „Elysium“ – obschon kein guter Film – gelang dies besser. Die vielerorts zu findenden guten Kritiken – oder überschwänglichen, wie hier – lassen mir das Blut in den Adern…gefrieren. Zumindest kann ich dahingehend zustimmen, dass dieser Film sich auf demselben Level wie „The Host“ bewegt 😀

    • donpozuelo permalink*
      2. April 2014 10:28

      Oh, na gut 😀 Weiß ich jetzt gar nicht, was ich dazu noch sagen soll 😉 Hier treffen dann ja zwei Meinungen aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten 😉

      • 2. April 2014 13:10

        I got your back, Don! Stimme dir völlig zu, wie du ja schon weisst… Nur, dass du meine Gedanken weitaus besser in Worte fassen konntest. Das Erlebnis der ersten Klasse kenne ich nur schon vom Durchlaufen. Und wir reden da von der Zürcher Goldküste, der Bonzengegend schlechthin.

        Mal so eine neugierige Frage: Würdest du den Film als Kammerspiel bezeichnen, oder hat es dafür zu wenig Charakterentwicklung, zu viele Figuren und vorallem zuviele Settings?

        • donpozuelo permalink*
          2. April 2014 14:47

          Wenigstens einer!!! 😉 Gott sei Dank!!!

          Als Kammerspiel würde ich ihn, glaube ich, nicht bezeichnen. Kammerspiel ist für mich wirklich nur so zwei, drei Leute und nur ein Handlungsort (dafür ist mir der Zug zu lang 😉 ) Halt so „Gott des Gemetzels„-mäßig.

  2. 2. April 2014 13:29

    Wow, ich bin mal ähnlicher Meinung wie Flo (kommt ja selten genug vor :D). Ich verstehe einfach nicht, was an diesem Film klug sein soll – in meinen Augen fällt die Handlung immer mehr in sich zusammen, als würde man sie in den kalten Fahrtwind halten und zerschlagen.
    Das Setting, irgendwie seltsam zwar, ist grandios ausgestattet und inszeniert, aber irgendwie verkommt der Film doch zu einem Level-ähnlichen verfilmten Action-Videospiel. Die Story verkommt hier ähnlich zu einem ganz basalen Netz, um die verschiedenen ziemlich brutalen Action-Szenen zu verbinden. Am Ende steht eine Moral, die irgendwie als positiv verkauft wird, mir aber die Übelkeit hochsteigen lässt. Nicht zu Ende gedacht und seltsam zu eben jenem gebracht…

    • donpozuelo permalink*
      2. April 2014 14:49

      Naja, wenn man den Film dann im Vergleich zum Comic sieht, hat Bong Joon-ho da wirklich was sehenswertes draus gemacht. Aber vielleicht ist „Snowpiercer“ auch einfach einer dieser Filme, den man nur mögen oder hassen kann.

      • 3. April 2014 02:25

        Dann bin ich eine Ausnahme 😀
        Ich hatte unheimlich viel Spaß mit dem Film aufgrund von Ausstattung, Kamera, Action, Witz und natürlich Tilda Swinton. Aber die angebliche Intelligenz konnte ich auch nicht erkennen: Du schreibst ja selbst, dass im Grunde nur Altbekanntes aufgewärmt wird. Für mich war da leider nicht viel mehr drin und ich hatte auch nicht das Gefühl, dass darauf der Fokus liegt. Und leider muss man dann am Ende auch vieles hinnehmen, was nur bedingt Sinn ergibt. Insofern sind das bei mir irgendwo gemischte Gefühle.

        • donpozuelo permalink*
          3. April 2014 11:16

          Ein Halb-Halb-Snowpiercer 😉 Auch gut!

          Klar ist es im Grunde nur Altbekanntes, aber wie es aufgearbeitet wurde, fand ich schon ziemlich toll. Und wie gesagt, wenn man das Ganze noch als Buch-Verfilmung betrachtet, hat Bong da wirklich was sehr interessantes geschaffen, weil er eben nur die Grundidee nimmt und sich daraus etwas eigenes baut. Vielleicht hätte eine 1:1-Verfilmung manchen besser gefallen. Ich kann da nur den Comic empfehlen!!!

  3. 2. April 2014 18:53

    Freud mich sehr, dass Du den Film auch so magst wie ich.
    Genau solche verwegenen Ideen will ich im Comic sehen und Bong hat das genial umgesetzt.
    Aber dieser Film scheint tatsächlich die Gemeinde zu spalten.

    • donpozuelo permalink*
      3. April 2014 11:10

      Auf jeden Fall!!! Ich fand den großartig. Den Comic kann ich auch nur empfehlen.

      Aber es ist schon interessant zu sehen, wie unterschiedlich der Film aufgenommen wird. Hätte ich irgendwie nicht gedacht 😉

  4. 2. April 2014 22:49

    Ich finde es sträflich, daß Song Kang-Ho mit keiner Silbe erwähnt wird.

    • donpozuelo permalink*
      3. April 2014 11:11

      Ein Highlight des Films und tatsächlich sträflich, dass ich ihn nicht erwähnt habe. Ich war zu sehr von Tilda Swinton begeistert, aber Song Kang-Ho war ebenfalls spitze… 😉

Trackbacks

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