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Der Mörder und seine Muse

17. März 2014

Filme von Ben Wheatley haben eine unbeschreibliche Faszination für mich… was vielleicht daran liegen könnte, dass ich bis jetzt alle seine Filme toll fand, aber keinen von ihnen wirklich verstanden habe. „Kill List“ war mein erster Wheatley und ich kann jetzt nur noch mit Hilfe von Wikipedia überhaupt sagen, worum es ging. Zwei Killer bekommen eine Liste mit Namen von Personen, die getötet werden sollen… und alles was dann folgt, ist ein totaler Mindfuck. Wheatley scheint den Mindfuck für sich als Stilmittel voll eingenommen zu haben, denn auch auf den zweiten Film, den ich von ihm gesehen habe – nämlich „A Field in England“ – trifft das zu. Und trotzdem kann ich jedem nur empfehlen, sich mal den Wheatley anzuschauen… der ist so ein bisschen der David Lynch Englands (auch wenn der Vergleich jetzt vielleicht doch ein bisschen hinkt).

Ein bisschen weniger Mindfuck (aber wirklich nur ein bisschen) und sehr viel mehr „spaßige“ Unterhaltung liefert Wheatley mit seinem dritten Film „Sightseers“: Tina (Alice Lowe) entflieht ihrem Zuhause, wo sie von ihrer Mutter dafür verantwortlich gemacht wird, den Hund getötet zu haben (ein trauriger und vor allem bitterer Zufall, mehr nicht). Gemeinsam mit ihrem neuen Freund Chris (Steve Oram) geht’s im Wohnmobil quer durch Großbritannien – zum Straßenbahnmuseum und anderen tollen Sehenswürdigkeiten. Allerdings muss Tina schon im ersten Museum einer Tatsache ins Auge blicken: Chris ist ein kleiner Psychopath und Killer, der mal eben so einen Touristen tot fährt. Und dieser Tote wird nicht der letzte sein.

Das Gute an Wheatley ist: Er wiederholt sich nicht. Er probiert einfach alles mal aus. Und so gibt’s mit „Sightseers“ mal eine tief, tief schwarze Komödie über ein Pärchen, dass Mallory und Mickey aus „Natural Born Killers“ ohne Probleme Konkurrenz machen könnte – vor allem in Sachen Verrücktheit. „Sightseers“ nimmt teils recht skurrile Wege, bei denen man sich vor allem bei Tina fragt, warum sie das alles mitmacht. Nur dann erinnert man sich an ihr schlimmes Zuhause und die nervtötende Mutter… und irgendwie findet man Verständnis dafür, dass Tina das alles mitmacht.

Mit Alice Lowe hat Regisseur Wheatley die perfekte Muse für Steve Orams Psychopathen gefunden. Lowe spielt hier gekonnt ein doppeltes Spiel: Sie sieht erst einmal harmlos aus, sie sieht nett und sympathisch aus. Eine Frau, die man einfach gern haben muss. Aber der Schein trügt und Lowe springt manchmal echt unerwartet auf die Psycho-Zug auf und dreht ein bisschen durch. Alice Lowes Tina ist eine liebenswerte Psycho-Tante… vollkommen unberechenbar (und komischerweise sehr verrückt danach, die Nase beim Sex in Potpourri zu stecken… was auch immer!!!).

Gemeinsam mit Steve Oram und Alice Lowe reisen wir also durchs Land… und lassen uns davon beeindrucken, wie a) gut das Drehbuch doch ist, b) wunderschön England doch ist und c) wie großartig, Wheatley all das miteinander verbindet. „Sightseers“ ist ein cleverer und amüsanter Road-Trip durchs schöne England. Der Humor ist wirklich tief schwarz und manchmal echt gemein, aber man kann und darf drüber ruhig lachen. Man könnte durchaus auch sagen, man merkt den Edgar-Wright-Einfluss. Der „Cornetto-Trilogie“-Regisseur steht nämlich als Produzent hinter diesem Film! Deswegen geht der erste Tod in diesem Film auch auf Kosten von Cornetto 😀

Das Tolle an „Sightseers“ – neben den tollen Darstellern – ist halt auch die Tatsache, dass man wirklich nichts vorhersehen kann. Sobald Chris und Tina jemand Neues kennen lernen, fängt das Rätsel-Raten an: Wird dieser Mensch diese Begegnun überleben? Und wenn nicht: Wie wird er wohl drauf gehen? Ben Wheatleys Killer-Pärchen nimmt da – ähnlich wie „Natural Born Killers“ – einfach jeden, der gerade so vorbei kommt.

Etwas, das ich an dieser Stelle unbedingt noch erwähnen muss: Der Soundtrack!!! Nachdem Wheatley schon mit Darstellern und Story herrlich wirre Wege geht, gibt’s auch was auf die Ohren, was sich manchmal merkwürdig anhört… aber sich immer perfekt an die Handlung anpasst.

„Sightseers“ ist für Freunde des schwarzen Humors mehr als nur Pflicht! Ich habe sehr viel Spaß mit dem Film gehabt Und jeder, der mal wieder was sehen will, das noch wirklich überraschen kann, der sollte an „Sightseers“ seine wahre Freude haben.

Wertung: 9 von 10 (the British Natural Born Killers do ROCK!!!)

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