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Buy or die!

20. Januar 2014

„Casino“ war mein erster Martin Scorsese. Habe ich damals irgendwann mitten in der Nacht im Fernsehen gesehen und war sofort hin und weg. Danach folgte eine Phase, in der ich so ziemlich jeden Film von Scorsese geguckt habe. „Casino“ ist verantwortlich dafür, dass ich zum richtigen Scorsese-Fan wurde. Da reicht allein der Name, um mich schon ins Kino zu locken… und das sage ich nun wirklich nicht bei vielen Regisseuren. Deswegen freue ich mich auch schon gefühlt seit Jahren auf „The Wolf of Wall Street“. Schließlich vereint der Film Scorsese mit seiner Post-De-Niro-Muse Leonardo DiCaprio in einem Film, den ich nie als lustig auf dem Schirm hatte, bevor ich den ersten Trailer gesehen hatte. Aber Scorsese kann ja auch lustig… und nach seinem wirklich tollen Ausflug in die Filmgeschichte mit „Hugo“ war’s schön zu sehen, dass es mit „The Wolf of Wall Street“ wohl ebenso großartig weitergehen würde…

Jordan Belfort (Leonardo DiCaprio) ist jung und ambitioniert und eigentlich einer von vielen, der Ende der 80er das große Geld mit Aktien machen will. Doch nachdem er seinen ersten Job bei Börsenmakler Mark Hanna (Matthew McConaughey) verliert, macht er sich schnell selbstständig. Gemeinsam mit seinem Freund Donnie (Jonah Hill) räumt er richtig ab. Seine neu gegründete Firma Stratton Oakmont verkauft Aktien und streicht bei jedem Verkauf 50% Provision ein. So wird Jordan sehr schnell scheiße reich… und zieht damit die Aufmerksamkeit des FBI auf sich. Doch um die kümmert er sich nicht wirklich, vielmehr genießt er sein Leben mit jeder Menge Partys, Drogen und seiner hübschen Frau Naomi (Margot Robbie).

„The Wolf of Wall Street“ ist eigentlich wie geschaffen für Scorsese, der ja schon mit Filmen wie „Casino“ oder „GoodFellas“ wunderschön den Aufstieg eines Niemands porträtiert hat… mit allen Höhen und Tiefen. Ähnlich wie in diesen Filmen dient uns auch in „The Wolf of Wall Street“ Jordan selbst als Erzähler. Der durchbricht auch gerne mal die vierte Wand und redet direkt mit uns… macht uns sozusagen zum direkten Zeugen und Mitwisser seiner nicht ganz sauberen Geschäfte und seines übertriebenem Lebenstils.

Gerade am Anfang seines Drei-Stunden-Epos über die Überheblichkeit und Dekadenz der Börsenmakler sitzt wirklich jede Szene und jeder Lacher. Ob Jordan nun mit seinen Mitarbeitern Zwergenweitwurf spielt oder uns an seinen ausufernden Partys teilhaben lässt – „The Wolf of Wall Street“ ist witzig und schnell. Ein großartiger Film, wie man ihn einem 71-Jährigen wie Scorsese vielleicht nicht unbedingt zugetraut hätte. Doch zu meinem unendlichen Bedauern musste ich mir eingestehen, dass „The Wolf of Wall Street“ für mich irgendwann ziemlich langweilig wurde.

Warum? Weil er mir irgendwann einfach echt zu lang wurde. Manchmal hat man das Gefühl, dass Scorsese wirklich jede kleine Überdosis noch thematisieren will und dabei ein bisschen sein Ziel aus den Augen verliert. Ja, wenn Jordan total zugedröhnt und auf dem Bauch robbend zu seinem Auto kommen will, ist das lustig und traurig zugleich, aber irgendwann hat man von solchen Aktionen in „The Wolf of Wall Street“ auch genug gesehen. Ich glaube, nach einer Weile sollte jeder halbwegs nüchterne Zuschauer verstanden haben, dass Jordan und seine Freunde auf Drogen am besten funktionieren und sie deswegen sehr gerne konsumieren. Teilweise wirkt der Film wie „Fear and Loathing in Las Vegas“ – nur das er dabei nicht so herrlich abdreht wie Gilliams Drogentrip.

Immerhin hat Scorsese mit Leonardo DiCaprio jemanden gefunden, der dieses Arschloch Jordan Belfort sehr überzeugend darstellt. DiCaprio spielt sich die Seele aus dem Leib, er schreit, er feiert, er leidet, er hyperventiliert, er macht alles… er wird zum überheblichen Jordan. Doch gleichzeitig bleibt er mir dabei vollkommen fremd. Im Gegensatz zu einem Sam Rothstein („Casino) oder Henry Hill („Goodfellas“) bewegt mich Jordan Belfort nicht. Ich leide keine Minute wirklich mit ihm mit. So richtig konnte ich mich weder mit ihm freuen noch mit ihm weinen – er ist einfach nur süchtig nach allem und verliert irgendwann den Überblick. Dazu kommt dann noch, dass mich irgendwann auch Leos over-acting ein bisschen gestört hat. Allein, wenn er immer wieder vor seiner Belegschaft lange Reden hält… das hat mir manchmal echt sehr wehgetan. Gerne hätte man da auch einen Gang runter schalten können.

Zu wild und zu lang – das beschreibt „The Wolf of Wall Street“ für mich ziemlich gut. Ich sehe die Parodie aufs Finanzsystem, auf die Leichtgläubigkeit der Menschen auf die Broker, aber all das hätte man sicherlich auch zackiger und kürzer zeigen können. Wenn ich ehrlich sein soll, hätte ich lieber noch ein bisschen mehr von Matthew McConaughey gesehen (der war nämlich überragend) und weniger von Jonah Hill (wofür der da die Oscar-Nominierung bekommen hat, will mir nicht in den Kopf). Ich glaube, Martin Scorsese hat sich mit „The Wolf of Wall Street“ echt ein bisschen übernommen – statt jede einzelne noch so kleine Geschichte aus Belforts Leben zu erzählen, hätten die wichtigsten und abgefahrensten ausgereicht. Wie man das bei einem Biopic so macht…

Ich bin auf jeden Fall ziemlich enttäuscht aus dem Kino gekommen. Ich hatte einfach das Gefühl, dass Scorsese sich zu viel in Kleinigkeiten aufhält, anstatt eine wirklich spannende Geschichte zu erzählen. Der Anfang ist viel versprechend und saukomisch, danach wurde es für meinen Geschmack alles zu sehr ausgereizt. Schade, wenn man bedenkt, dass Scorsese diese Art von Story eigentlich perfekt kann.

Wertung: 5 von 10 Punkten (die laaaaange, laaange Geschichte eines Junkies, der süchtig nach wirklich allem war)

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15 Kommentare leave one →
  1. 20. Januar 2014 08:52

    Vermutlich fällt deine Wertung noch schlechter aus als bei mir, weil du Scorsese so sehr magst. Mir persönlich ist der Kerl ja ziemlich egal. Er hat gute und schlechte Filme gemacht. Wie jeder Regisseur eben.

    Ansonsten kann ich absolut alles nachvollziehen. Es wundert mich etwas, dass du nichts über die Fleischbeschau geschrieben hast. War dir das egal?

    • donpozuelo permalink*
      20. Januar 2014 09:02

      Die schlechtere Wertung liegt definitiv auch daran, dass ich Scorsese so sehr mag. Die Fleischbeschauung habe ich irgendwann einfach so hingenommen, weil’s wenigstens noch was nettes zu sehen gab 😉 bevor mich der Film zu Tode gelangweilt hätte. Aber nö, das ist mir irgendwie nicht so schwer ins Gewicht gefallen.

  2. 20. Januar 2014 12:57

    Oho, dachte ich mir, dass 3 Stunden zu lang sind, darum hatte ich auch Samstag einen Rückzieher gemacht und bin nicht rein.
    Nach meiner Meinung gibt es nur wenig Filme, die diese Länge brauchen und ich konnte mir nicht vorstellen was da bei diesem Thema über eine so lange Spielzeit gezeigt wird.
    Na ja. Bei Matthew McConaughey und Jonah Hill scheinen die Meinungen einhellig zu sein, also was mein Umfeld so sagt. McConaughey top, Jonah Hill: so lala.

    • donpozuelo permalink*
      20. Januar 2014 14:17

      McConaughey ist wunderbar… wirklich großartig. Den Part mit ihm hätten sie wirklich mehr ausbauen können. Hills dagegen nicht so sehr.

      Die drei Stunden kamen mir bei dem Film wirklich ziemlich lang vor. Aber gut… da kann man jetzt auch nichts mehr machen. Allerdings, wenn ich überlege, dass Scorsese eigentlich noch viel länger gewesen ist und ordentlich kürzen musste… da will ich nicht den „Director’s Cut“ sehen 😀

  3. 21. Januar 2014 00:51

    Trifft ja ziemlich genau meine Sicht auf den Film – kam in der Form schon länger nicht mehr vor, glaube ich.

    Einfach zu lang, zu unoriginell, zu breit aufgetragen. Leo und Matthew McConaughey waren super, aber der Rest hat mich ab der Hälfte des Films wirklich gestört.

    • donpozuelo permalink*
      21. Januar 2014 09:01

      Ich glaube auch. War ja dann jetzt auch mal wieder höchste Zeit 😉

  4. 22. Januar 2014 07:37

    Ich fand das Ende dann etwas lahm. Wie die Story dann noch eine Wendung nahm und dann noch mal eine… das hätte durchaus etwas strammer sein können

    • donpozuelo permalink*
      22. Januar 2014 09:18

      Mein Reden. Danke!!! Ja, es hätte wirklich alles etwas strammer erzählt werden können. Scorsese schwelgt mir teilweise zu sehr in seinen Darstellern, ohne ihnen eine Richtung geben zu wollen. Am Anfang ist das auch irgendwie noch okay… aber später wirkt das alles sehr ziellos.

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