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Überleben, um zu leben

15. Januar 2014

Es steckt schon verdammt viel Wahrheit in dem Spruch: „Ein Blick sagt mehr als tausend Worte.“ Ein Blick kann dich verzaubern, die stutzig oder unsicher machen. Er kann dich komplett aus der Fassung bringen, sich tief in dich hinein bohren und dich in deinem geschützten Innersten treffen… ohne das du etwas dagegen tun kannst. In Steve McQueen drittem Film „12 Years A Slave“ bekommen wir genau so einen Blick.

Eigentlich ist Solomon Northup (Chiwetel Ejiofor) ein freier Mann. Er lebt mit seiner Familie in New York des Jahres 1841, genießt ein gewisses Ansehen als Geigenspieler und kann sich eigentlich nicht beklagen. Doch dann lässt er sich von zwei Fremden zum Essen einladen. Die schlagen ihm ein tolles, lukratives Geschäft… aus dem leider Solomons schlimmste Jahren werden. Denn nach einer durchzechten Nacht wacht Solomon in Ketten auf und wird als Sklave in den Süden verkauft. Sein erster Besitzer William Ford (Benedict Cumberbatch) muss ihn allerdings aus Geldnöten weiter verkaufen… und so landet Solomon bei dem sadistischen Sklaventreiber Edwin Epps (Michael Fassbender).

„12 Years A Slave“ ist eine wahre Geschichte… eine Tatsache, die man sich beim Anschauen dieses wirklich erschreckenden Films irgendwie immer wieder vor Augen führen muss: Das ist wirklich so passiert. Niedergeschrieben von Northup selbst… und jetzt verfilmt von Steve McQueen. Womit dem McQueen-Kenner auch klar sein dürfte, dass es dieser Film in sich hat. McQueen beschönigt nichts, macht uns keine falschen Hoffnungen, sondern hält seinem Zuschauer eiskalt den Spiegel vor. Es gibt Momente in „12 Years A Slave“, da wünscht man sich, die Kamera würde sich wegdrehen… wenn Solomon beispielsweise einen Tag lang an einem Baum aufgehängt wird… doch McQueen lässt es nicht zu, dass wir den Blick abwenden. Vielleicht ist das seine Art zu sagen, dass man sich lange genug NICHT mit diesem Thema beschäftigt hat (was zumindest für die Amerikaner sicherlich zutreffend ist). Es ist auf jeden Fall nicht in seinem Interesse, hier auf bloße Schockmomente zu setzen – „12 Years A Slave“ ist kein torture porn, das muss hier mal gesagt sein. Alle Gewalttaten in diesem Film sind so drastisch, weil sie es nun wirklich waren… und gerade ein Steve McQueen setzt so etwas immer in Szene. Dabei bleibt mcqueen auch in seinem dritten film gewohnt distanziert, ein neugieriger Beobachter, der Gefühle durch seine Darsteller zeigen lässt.

Wie sich das für McQueen gehört, spielt nach „Hunger“ und „Shame“ auch zum dritten Mal Michael Fassbender mit. Und das Arschloch, das er spielt, ist wirklich zum Fürchten. Sein Plantagenbesitzer Epps ist ein erbarmungsloser Tyrann, der sein Recht auf Sklaven in der Bibel verankert sieht und auch nicht davor zurückschreckt, sein „Eigentum“ mitten in der Nacht zu skurril-fürchterlichen Tanzabenden auftreten zu lassen. Fassbenders Epps muss nur einmal schräg gucken und man bekommt es schon mit der Angst zu tun. Allerdings lebt „12 Years A Slave“ nicht von Fassbender allein… und damit kommen wir endlich zu diesem einen anfangs erwähnten Blick. Den liefert uns nämlich Chiwetel Ejiofor.

Er spielt den Unterdrückten auf stille, aber kraftvolle Art und Weise, der aber nie seinen Mut verliert. Solomon Northup erlebt in seinen 12 Jahren aber auch eine unheimliche Bandbreite von verschiedenen Menschen… die unterschiedlicher nicht sein können und die seinen Willen zum Überleben, um zu leben, ständig auf die Probe stellen. Und irgendwann, an einem seiner tiefsten Punkte, schaut Northup uns direkt ins Gesicht. Man kapiert es erst gar nicht, doch dann bohrt sich dieser Blick tief und tiefer in uns hinein. Man möchte sich verkriechen, um Verzeihung betteln, sich das eigene Herz rausreißen wegen all der Gräueltaten… in allein diesen paar Sekunden beweist Ejiofor, warum er die beste Wahl für diese Rolle war.

Aber auch alle andere Rollen – jede noch so kleine Nebenrolle – ist wunderbar besetzt (mit Paul Dano, Paul Giamatti, Brad Pitt, Sarah Paulson oder der wunderbaren Lupita Nyong’o). „12 Years A Slave“ ist von der ersten bis zur letzten Minute ein fesselnder und packender Film, der einen auch noch lange danach nicht in Ruhe lässt (und dieser Blick ist mit dafür verantwortlich). Ich bin wirklich mit zittrigen Knien aus dem Kino gegangen… und hätte mich am liebsten erst einmal für ein paar Tage verkrochen. „12 Years A Slave“ ist somit vielleicht auch nicht unbedingt die beste Samstag-Abend-Unterhaltung, aber ein krasser, unheimlicher, bewegender und berührender Film.

Wertung: 10 von 10 Punkten (dass alles auf einer wahren Geschichte beruht, macht es mit jeder Minute eigentlich nur noch schlimmer)

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11 Kommentare leave one →
  1. 16. Januar 2014 17:06

    Ich freue mich schon sehr auf Steve McQueens erst 3. Film. Ist das nicht unglaublich, dass er nur 3 hat? Ich habe bisher nur deine Bewertung bewudert 10 von 10! Wow. Den Rest lese ich mir lieber nachdem ich ihn gesehen habe durch … wie so oft! 🙂

    • donpozuelo permalink*
      16. Januar 2014 21:45

      Irgendwie find ich’s ja ganz gut, dass McQueen sich Zeit lässt. So macht er wenigstens immer Stoffe, die ihn auch interessieren und die er dann auch großartig umsetzt. Wie halt „12 Years A Slave“. Unheimlich beeindruckend, dieser Film. Ich bin gespannt, wie er dir gefallen wird.

      • 19. Januar 2014 11:26

        Hab ihn nun gestern auch gesehen und bin noch am verarbeiten, bevor ich darüber schreiben kann. (das zu … nicht unbedingt die beste Samstag-Abend-Unterhaltung ;)) Du hast das übrigens sehr schön beschrieben … das Gefühl das man beim Schauen hat.

        Ich finde es auch gut, dass McQueen sich Zeit lässt. Ich bin nur immer wieder erstaunt, dass er mit „so wenig“ Erfahrung schon so groß ist. Es liegt ihm wohl einfach im Blut und er hat mit Fassbender einen Schauspieler gefunden, der seine Gedanken zu 100 % auf die Leinwand übertragen kann. Tolles Team.

        Übrigens, nur dass du es weißt … ich habe dich mit einem Stöckchen beworfen: http://ergothek.com/2014/01/19/mein-leben-in-15-songs/

        • donpozuelo permalink*
          19. Januar 2014 17:34

          Definitiv kein Samstag-Abend-Film. Hatte ich das nirgends geschrieben? Wenn nicht, dann tut’s mir Leid. Mich hatte es noch schlimmer getroffen. Ich hab den Film an einem Sonntag um 10 geguckt und musste dann noch den restlichen Tag überstehen.

          Fassbender und McQueen sind echt ein absolut perfektes Team. Die schenken sich nichts und geben echt alles. Wirklich Hut ab!!!

          Stöckchen habe ich erspäht, werde ich dann auch machen. Ich hoffe, bis nächsten Sonntag ist’s fertig. Schöne Aktion, aber echt schwer 😉

        • 19. Januar 2014 18:27

          Doch das hast du … ich hab dich bloss zitiert. 😉

          Ich bin gerade am Schreiben und versuche meine Gefühle in Gedanken zu transformieren um dann einen Text daraus zu zaubern. Keine leichte Aufgabe, einen Text zu verfassen der all das ausdrückt was dieser Film in einem bewirkt … Das gibts nicht oft.

          Das Stöckchen ist wirklich eine schöne Sache. Man kann schön die ganzen begrabenen Gefühle wieder hervorholen. 🙂 Bin gespannt auf deinen Soundtrack. Die Musik die er hört sagt schon immer ein bisschen was über den Manschen aus. 😉

        • donpozuelo permalink*
          19. Januar 2014 21:10

          Dass mit den richtigen Worten ist bei dem Film echt schwer. Ich bin gespannt, was du so schreiben wirst 😉

          Ja, das mit der Musik ist spannend. Bin selber ein bisschen gespannt, welche Songs ich so für mich nehmen werde 😀

  2. 19. Januar 2014 14:37

    Ich werde den Film wahrscheinlich in der nächsten Woche dann auch sehen. Die bisherigen 2 Filme von McQueen mochte ich, allerdings habe ich dabei noch kein richtiges Meisterwerk erkannt, wie viele andere. Und so gehe ich auch nicht mit übermäßigen Erwartungen in den Film. Immerhin kann ich nebenbei Oscar-Vorbereitung betreiben 😉

    • donpozuelo permalink*
      19. Januar 2014 17:38

      Ja, den Favoriten-Status haben ihm ja jetzt zwei andere Filme abgenommen. Aber er ist wirklich sehenswert.

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