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Der lange Weg zum Arzt

27. Dezember 2013

Wir werfen Hollywood ja immer gerne vor, sich nur noch an Büchern, Comics, alten Filmen, Spielen oder anderen Vorlagen zu orientieren. Allerdings sind die Herrschaften nicht die einzigen, sie sind nur die größten in diesem Gewerbe der „Verwurstung“ anderer Stoffe. Außerdem interessiert man sich in Hollywood nur für Vorlagen, die auch in Amerika wirklich erfolgreich waren. Und dieser Erfolg blieb für Autor Noah Gordon leider aus…. zumindest in den USA. Vor knapp 30 Jahren veröffentlichte er den historischen Roman „Der Medicus“. Nirgendwo wurde das Ding so sehr verschlungen wie in Europa. Allein bei uns in Deutschland verkaufte sich das Buch mehr als sechs Millionen Mal. Deswegen dürfte es auch nicht verwundern, dass sich statt Hollywood nun eine Ko-Produktion mit deutschem Regisseur an dem dicken Buch versucht.

Erzählt wird die Geschichte des jungen Rob Coles (Tom Payne). Der verliert im London des 11. Jahrhunderts seine Mutter durch die unheilbare Seitenkrankheit (Blinddarm-Entzündung). Wild entschlossen, Menschen zu helfen, macht sich Rob auf den Weg, ein echter Medicus zu werden. Erst tingelt er mit einem fahrenden Bader (Stellan Skarsgard) durch England, bis er von dem Arzt aller Ärzte erfährt. Im entfernten Persien lehrt der große Medicus Ibn Sina (Ben Kingsley) Medizin. Rob macht sich auf den langen Weg…

medicus

Ich hab’s nicht so mit historischen Romanen, aber „Der Medicus“ klingt auf dem Papier eigentlich ziemlich interessant. Nicht nur behandelt Gordon die Geschichte der Medizin und die krassen Unterschiede zwischen westlicher und östlicher Medizin. Während die Kirche alles aus dem arabischen Raum verteufelte, waren unsere arabischen Freunde schon sehr, sehr viel weiter. Diese Unterschiede findet sich auch im Film gut dargestellt wieder. Stellan Skarsgards Bader ist eigentlich nur ein wandernder Scharlatan. Er kennt sein paar Kräuter, benutzt ein paar Blutegel – kümmert sich aber hauptsächlich eher um sich selbst. Wenn das der Stand der Medizin ist, dann ist man wirklich verloren. Was komisch aussieht, wird abgeschnitten – fertig. Ben Kingsleys Ibn Sina (den es wirklich gegeben hat) ist da Millionen Jahre weiter… und selbst das wird durch den neugierigen Rob Cole noch hinterfragt.

Gleichzeitig spielen im Film aber auch religiös-gesellschaftliche Fragen auf der Agenda. Rob muss sich als Jude ausgeben, um überhaupt an der Schule angenommen zu werden. Hier lernen er und seine Mitschüler, nur dank der Großzügigkeit des Shahs (Olivier Martinez). Doch es brodelt gewaltig. Muslimische Gruppen erzürnen sich über die Praktiken an Ibn Sinas Schule. Toleranz zwischen den Religionen – auch das ein Thema, dass „Der Medicus“ offen anspricht und fordert. Die Folgen von Intoleranz sorgen auch hier nur für schlimmen Ärger.

Doch bei all den hochtragenden und teils auch aktuellen Themen ist „Der Medicus“ auch immer noch ein Film. Regisseur Philipp Stölzl bebildert das ziemlich atemberaubend. Ob die Weiten der Wüste, die Enge der persischen Stadt oder das ungemütlich wirkende England – die Bilder sind toll. Wunderschöne Landschaftsbilder sorgen für den richtigen Flair von Abenteuer… Rob Coles Reise sieht beeindruckend aus.

Leider hat „Der Medicus“ das Problem, dass ihm das Herz fehlt. Die Oberfläche funkelt wunderschön, doch ansonsten vermisst man das gewisse Etwas. Die Geschichte besteht aus aneinandergereihten Episoden. Die Geschichte zieht sich bei 150 Minuten Laufzeit zwischendurch gaaaanz schön in die Länge. Mit einer lieblosen Liebesgeschichte versucht man uns ein bisschen bei Laune zu halten, doch es klappt nicht. So richtig kann man nicht mit Rob mitfiebern, dafür fehlt mehr Drama. Und genau das hat mich so geärgert…

Die Darsteller sind allesamt echt gut. Tom Payne trägt seine erste Kino-Hauptrolle mit Würde und damit auch die ganze Verantwortung für den Film. Doch man hätte ihm und allen anderen viel mehr zu spielen geben müssen. Mehr Emotionen, mehr Gefühl, mehr Drama, mehr Hindernisse. In „Der Medicus“ löst sich irgendwie alles wie von selbst. Episode abgehackt und die nächste bitte. Stölzl erschafft ein gutes Grundgerüst, aber mehr leider nicht… Ein Film wie „Der Medicus“ hätte sehr viel intensiver sein können. Aber verschenkt letzten Endes viel zu viel Potenzial. Ich glaube, da lese ich vielleicht doch irgendwann mal das Buch.

Wertung: 6 von 10 Punkten (ich glaube, Kenner des Buches werden noch mehr enttäuscht… „Der Medicus“ ist schöne Fassade ohne Herz)

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2 Kommentare leave one →
  1. 29. Dezember 2013 18:09

    Ach, hätte die BBC doch einfach eine sechsteilige Fernsehserie draus gemacht… 😦

    • donpozuelo permalink*
      29. Dezember 2013 19:45

      Ja, ich glaube, als Serie wäre das sehr viel besser geworden. Hätte man dem Buch mehr gerecht werden können… obwohl Beispiele wie „Under the Dome“ auch zeigen, dass es selbst eine Serie richtig versauen kann.

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