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Mein Freund, das Schwein

6. November 2013

1854 veröffentlichte Henry David Thoreau das Buch „Walden or Life in the Woods“. Darin beschrieb er fast schon mehr tagebuchartig, wie er mehr als zwei Jahre allein im Wald lebte. Walden wollte damit nicht nur der damaligen Gesellschaft entfliehen, sondern einen neuen, alternativen Lebensstil für sich finden. Etwas Neues für sich wollte wohl auch Regisseur Shane Carruth entdecken. Nachdem er mit seinem Erstling „Primer“ hauptsächlich dem studierten Mathematiker in sich folgte und einen Film schuf, der zwar in seiner Authentizität überzeugt, aber vor allem das Gespür für gutes Geschichten-Erzählen vermissen ließ, wagte Carruth neun Jahre später einen weiteren Versuch. Und während man „Primer“ vielleicht noch mit Darren Aronofskys „Pi“ vergleichen könnte, wandelt Carruth mit seinem zweiten Film „Upstream Color“ auf den Pfaden von David Lynch… und Henry David Thoreau.

Die junge Kris (Amy Seimetz) wird eines Abends von einem Unbekannten niedergeschlagen. Der verabreicht ihr daraufhin einen Wurm, durch den sie in eine Art Trance gerät und mehr oder weniger das macht, was ihr Angreifer ihr sagt. Der lässt sie ihr Konto leerräumen und verschwindet dann. Ein anderer Mann – nennen wir ihn mal den Geräusche-Sucher, denn er liebt es, Geräusche jeglicher Art aufzuzeichnen – hilft Kris, den Wurm wieder loszuwerden… in einer merkwürdigen Operation, in der auch ein Schwein eine wichtige Rolle spielt. Anschließend kehrt Kris wieder in ihr normales Leben zurück – mit dem Unterschied, dass nichts mehr normal ist. Schließlich ist sie pleite. Eines Tages aber trifft sie auf Jeff (Shane Carruth selbst), der das gleiche Schicksal erleiden musste wie Kris. Die beiden verlieben sich… doch der Wurm und die Schweine bleiben weiterhin ein merkwürdiger Bestandteil ihres Lebens.

Ich hatte ja schon Schwierigkeiten mit „Primer“, aber der hat mir durch seine ganze Art irgendwie noch sehr gefallen. Mit „Upstream Color“ hatte ich aber sogar noch mehr Schwierigkeiten… denn im ersten Augenblick weiß man nicht so genau wie Henry David Thoreaus „Walden“, Würmer, Schweine und Orchideen zusammenpassen. Vielleicht müsste man „Walden“ wirklich mal gelesen haben, um vielleicht verstehen zu können, was es mit den Themen der Einsamkeit in dem Buch und in diesem Film auf sich hat. Denn der Film bleibt einem über lange, lange Zeit ein großes Rätsel. Das ist dann vielleicht auch der Grund, warum mir sofort die David-Lynch-Assoziation in den Kopf kam: Denn ähnlich poetisch-wirr wie Lynch versucht auch Carruth in seinem Zweitlingswerk zu sein.

Die Liebesgeschichte zwischen Kris und Jeff ist dabei allerdings mein geringstes Problem, beweist sie doch zumindest, dass Carruth ein wenig dazugelernt hat und im Vergleich zu „Primer“ gerade auf der Gefühlsebene deutlich mehr drauf hat. Aber dann ist da halt noch dieser Geräusche-Sucher, der nie wirklich Sinn ergeben will. Und die Schweine… Aber erstaunlicherweise liefert uns Carruth am Ende zumindest so etwas wie eine Erklärung… obwohl Erklärung höchstwahrscheinlich das falsche Wort ist, denn wenn jetzt jemand fragen würde, worum es denn nur ging, könnte ich auch nur stottern. Vielmehr zieht der Film am Ende einen Kreis, verbindet die Dinge vom Anfang mit den Geschehnissen am Ende und ermöglicht zumindest hier und da ein kleines Aha-Moment.

Doch leider nützt das nicht so viel, wenn der Weg bis dahin etwas sehr anstrengend gestaltet wurde. Wahrscheinlich hat sich Carruth die Kritik zu „Primer“ wirklich zu Herzen genommen oder er hat ebenfalls irgendwelche Würmer verschluckt. Auf jeden Fall ist „Upstream Color“ über weite Strecken echt anstrengend. Zwar liefert Carruth teils recht schöne, poetische Bilderreigen, die aber weitestgehend wahllos aneinandergereiht zu sein scheinen. Immerhin überzeugt vor allem Amy Seimetz den ganzen Film als irritierte und verloren wirkende Kris.

Henry David Thoreau wollte mit seinem Buch „Walden“ das Denken über die eigene Person anregen. Was ist wirklich wichtig für mich? Ist es Geld oder ist es Liebe? Alle Wurm-Opfer bekommen dieses Buch und ein Schwein. Will Carruth uns damit sagen, dass wir uns mehr auf unsere natürliche Seite zurückberufen sollen? Will er uns mit „Upstream Color“ nach unserem Sinn des Lebens fragen? Vergesst alle materiellen Werte, werdet wie die Schweine: Findet einen Partner, zeugt Nachkommen und seid glücklich mit dem, was ihr habt! In diesem Sinne ist der Geräusche-Sucher vielleicht ein großer Vorreiter? Ich weiß es nicht und ich weiß es auch nach diesem Film nicht. Immerhin muss man das Carruth gutschreiben… vielleicht regt er den ein oder anderen an, über sein Leben nachzudenken. Entweder das oder die Verkaufszahlen von Thoreaus „Walden“ steigen ein klein wenig an.

Egal, was Carruth mit seinem Film auch bezweckt hat, er hat einmal mehr damit bewiesen, dass er ein recht eigenwilliger und doch sehr interessanter Regisseur ist, der sich nicht in eine Schublade stecken lässt. Ob einem das nun gefällt, muss jeder selbst für sich entscheiden.

Wertung: 6 von 10 Punkten (eigenwilliger und etwas langatmiger Film, der vielleicht hier und da ein paar nette philosophische Ansichten vertritt… entweder das oder ich interpretiere zu viel in den Film)

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4 Kommentare leave one →
  1. 6. November 2013 13:52

    In den USA wurde der Film ja oft eher mit Terrence Malick (speziell „Tree of Life“) verglichen denn wie von dir mit David Lynch. Für mich ist das speziell visuell und von der Art der Inszenierung her eine deutliche Steigerung gegenüber „Primer“.

    Der Film ist natürlich rätselhaft, für mich allerdings diesbezüglich auch gerade interessant. Derart nah an Thoreau sehe ich das alles gar nicht, das spielt sicher irgendwie rein, aber eine derartige Botschaft (oder überhaupt eine) habe jedenfalls ich selbst nicht aus dem Film mitgenommen.

    • donpozuelo permalink*
      6. November 2013 15:10

      Der Film ist eine enorme Steigerun gegenüber „Primer“ – sowohl erzählerisch als auch visuell. Den Bezug zu Thoreau habe ich wahrscheinlich auch nur für mich persönlich genommen, um dem Rätsel vielleicht etwas näher zu kommen. Ich mag Rätsel-Filme… vor allem, wenn sie mir so viele kleine Hinweise geben. Tja, und manchmal bleibt einer zu sehr hängen 😉

  2. 6. November 2013 13:57

    Genau, ich fand den auch nicht so doll und auch bildlich nicht besonders ansprechend (ganz zu schweigen von der Musik), eher total deprimierend. Amy Seimetz hatte mir aber gut gefallen.

    • donpozuelo permalink*
      6. November 2013 15:11

      Bildlich fand ich es schon nicht schlecht und halt auch enorm besser als noch beim Vorgänger. Aber irgendwie waren es dann doch zu viele Rätsel, die nie auch nur den Ansatz einer Lösung offenbarten… und das ist dann oft auch ein bisschen ärgerlich. Manchmal funktioniert sowas, manchmal nicht. Hier würde ich sagen: 50/50 😉

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