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Im Labyrinth gefangen

11. Oktober 2013

Wo sind die Zeiten, als man eine gute Geschichte noch in 90 Minuten erzählen konnte? 90 bis 100 Minuten, das war mal guter Standard. Aber mittlerweile haben uns die Filmemacher mehr und mehr zu erzählen, weswegen sie die 90 Minuten nur zu gerne überschreiten. Mittlerweile sind 120 Minuten die neuen 90 Minuten. Kaum ein Film – vor allem die großen, fetten Blockbuster – kommt mit weniger klar. Und oftmals ist die Länge genau das Problem. Wie viele Filme haben wir dieses Jahr schon gesehen, die gut und gerne hätten kürzer sein können? Genügend! Und nicht wenige von ihnen konnten die Zeit nicht zufriedenstellend ausfüllen. Zu oft gibt’s Hänger und längere Durststrecken, die man sich nur zu gerne sparen würde.

Bei Denis Villeneuves Film „Prisoners“ hatte ich ähnliche Befürchtungen. Stolze 153 Minuten lang wird hier von der Suche nach zwei vermissten Mädchen erzählt. Inmitten eines ruhigen Vororts werden die beiden gekidnappt, doch schon wenig später wird ein erster Verdächtiger, der junge Alex (Paul Dano), gestellt. Für den Vater eines der Mädchen, Keller Dover (Hugh Jackman), ist Alex eindeutig der Schuldige, nur muss die Polizei ihn aus Mangel an Beweisen wieder ziehen lassen. Dover entschließt daraufhin, auf eigene Faust zu agieren: Er entführt Alex, um von ihm zu erfahren, wo die Mädchen sind. Gleichzeitig sucht Detective Loki (Jake Gyllenhaal) weiter, in der Hoffnung, die Mädchen ebenfalls zu finden.

Ich gebe zu, ich habe wenig bis gar keine Erwartungen an den Film gehabt. Vom Trailer dachte ich, mich erwartet ein stinknormales Entführungsdrama mit einer Prise Selbstjustiz. Ich gebe auch zu, dass ich von Regisseur Denis Villeneuve vorher noch nie wirklich was gehört hatte und somit auch nicht damit vertraut war, ob er nun ein guter Regisseur ist. Dass er bereits für einen Oscar nominiert war, entging mir somit auch.Und in beiden Punkten wurde ich sehr, sehr positiv überrascht.

Schon James Wan hat in diesem Jahr mit „The Conjuring“ bewiesen, dass man verdammt gute Filme mit den einfachsten Mitteln machen kann. Und genauso führt uns auch Denis Villeneuve durch „Prisoners“. Es beginnt wie jedes andere Entführungsdrama auch, entwickelt sich aber im Laufe des Films zu so viel mehr. Was mich besonders beeindruckt hat, ist die Tatsache, dass wir in „Prisoners“ eine spannende und interessante Personen-Studie bekommen… und zwar durch die Eltern der entführten Kinder. Statt sich nur auf den Selbstjustiz übenden Keller Dover zu konzentrieren, bekommen wir drei weitere Elternteile gezeigt, die in ihren Reaktionen nicht unterschiedlicher sein könnten.

Somit entgeht „Prisoners“ geschickt dem großen moralischen Dilemma, ob man diese Selbstjustiz gut finden soll oder nicht. Denn wir sehen, wie die anderen Elternteile reagieren: Da gibt es den ängstlichen Mitläufer, die Entschlossene und die, die sich komplett verschließt und in ihrer Trauer versinkt. Jede Reaktion hat ihre Legitimation, ihre Berechtigung… es gibt kein richtig oder falsch, kein schwarz und kein weiß. Villeneuve gelingt es großartig, diese Grauzonen zu schaffen, ohne dabei den belehrenden Zeigefinger zu erheben.

Aber natürlich funktionieren so gute Charaktere nur mit tollen Darstellern… und ob nun Maria Bello als trauernde Mutter, Terence Howard oder Hugh Jackman – sie sind alle großartig. Jackman ist in einigen Szenen echt furchteinflößend… gleichzeitig gelingt es ihm, den „Wolverine“ komplett aus diesem Film rauszuhalten. Dafür versteckt er seine Muskelpakete unter Lagen dicker Jacken. Viel beeindruckender als Jackman ist jedoch Jake Gyllenhaal.

Sein Detective Loki (mag da jemand „The Avengers“?) liefert uns die spannende Parallelhandlung zu Jakcmans Selbstjustiz. Hier wird „Prisoners“ fast schon zu einem Mystery-Thriller. Zumindest hat es oft den Anklang. Interessanter als das, ist aber wirklich Gyllenhaal selbst: Sein Loki ist unglaublich gut gespielt – mit seinem nervösen Tick (dem ständigen Augenblinzeln) wirkt er überfordert, manchmal fast ängstlich. Gleichzeitig suggerieren seine vielen Tattoos an Hals und Händen eine möglicherweise unangenehme Vergangenheit. Wie die aussieht, überlässt der Film aber ganz uns. Und das liebe ich so an dem Film… nicht alles wird erklärt und das muss es auch nicht, denn es sorgt einfach für die Spannung, für das Nachgrübeln im Verlauf des Films.

„Prisoners“ ist einer der besten Thriller seit Jahren. Villeneuve hält die ganzen 153 Minuten die Spannung. Die Story fesselt, schlägt unzählige Haken und ist nie wirklich vorhersehbar. Dazu gibt’s grandiose Darsteller und eine verdammt ungemütliche Stimmung. So muss ein guter Thriller aussehen.

Wertung: 10 von 10 Punkten (eiskalt und unvorhersehbar… mit einem großartigen Jackman und einem noch besseren Gyllenhaal)

21 Kommentare leave one →
  1. 11. Oktober 2013 08:07

    Vielleicht deutet die Kunst, eine Geschichte in 90 min spannend erzählen zu können, ja auch auf eine gewisse Qualität der Regisseure hin. *Pfeif*

    • donpozuelo permalink*
      11. Oktober 2013 09:11

      😀 Könnte durchaus möglich sein. Aber in diesem Fall kann man es sehr gut verschmerzen. Denn auch wenn „Prisoners“ lang ist, erzählt Villeneuve eine gute Geschichte.

  2. 11. Oktober 2013 09:52

    Für mich ist der Film in der Tat „ein stinknormales Entführungsdrama mit einer Prise Selbstjustiz“, eben auch weil er so vorhersehbar ist. Die Längen von 2,5 Stunden machen sich ebenfalls bemerkbar und Howard, Davis sowie Bello finde ich allesamt ziemlich egal, weil das Drehbuch sie nicht fordert, da es sich für sie nicht interessiert. Das ist die Jackman & Gyllenhaal Show – und leider nicht mehr. Sicherlich kein schlechter Film in meinen Augen, aber halt auch nur (guter) Durchschnitt.

    • donpozuelo permalink*
      11. Oktober 2013 10:27

      Vorhersehbar fand ich den ehrlich gesagt überhaupt nicht. Und als Durchschnitt würde ich ihn jetzt auch nicht bezeichnen. Zu selten kommt mal noch ein wirklich guter Thriller in die Kinos. Von daher war ich schon echt begeistert.

  3. 11. Oktober 2013 20:55

    10 Punkte!?! Ich zweifle, aber ich habe ihn auch noch nicht gesehen. Allerdings halte ich Hugh nicht wirklich für einen guten Schauspieler. Na mal sehen

    • donpozuelo permalink*
      13. Oktober 2013 22:43

      Ich sehe schon, ich muss aufpassen, bevor ich dein Vertrauen verliere 😉 Aber „Prisoners“ war schon echt gut.

  4. 16. Oktober 2013 12:11

    10/10 bei dir – muss ich sehen. 🙂

    • donpozuelo permalink*
      16. Oktober 2013 12:21

      Der ist echt sehenswert. Anders, aber sehr sehenswert.

  5. 21. Oktober 2013 15:14

    Ohh, da schürst Du ja die Erwartungen. Muss ich noch rein!

    • donpozuelo permalink*
      21. Oktober 2013 17:10

      Ist wirklich gut. Allerdings… je mehr ich überlege, frage ich mich, ob der Film nach einer zweiten Sichtung immer noch so gut ist. Ich werd’s dann wohl auf DVD mal nachholen und überprüfen 😉

  6. 1. Dezember 2016 19:32

    Ich habe ihn mittlerweile vor ein paar Monaten gesehen und habe den Schluss echt vergessen (darum weiß ich auch nicht, ob ich jemals was zu schreibe). Also ich weiß nicht mehr wirklich wer da im Loch gelandet ist :))
    Mir hatte natürlich Paul Dano echt gut gefallen. Der Junge kriegt immer auf die Mütze, kann aber auch diese unterschwellige Bedrohlichkeit gut rüberbringen. Gyllenhaal finde ich immer etwas übermotiviert, er spielt eben, bei den richtig Guten „Flutscht es einfach so raus“. Geht mir bei Bale genauso. Seine Rolle ist aber interessant, auf jeden Fall.

    • donpozuelo permalink*
      1. Dezember 2016 20:52

      Jackman sitzt im Loch 😉

      Dano war super. Ich mochte Gyllenhaal hier auch. Aber ich verstehe, was du meinst: Man könnte es hier als zu sehr versucht interpretieren.

      • 1. Dezember 2016 20:55

        Hatte ich doch den richtigen Verdacht. Jetzt haben wir hier gespoilert :))

        • donpozuelo permalink*
          1. Dezember 2016 20:58

          Nicht so schlimm… der Film ist ja eh schon ein wenig älter.

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