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Goyas „Hexen in der Luft“

12. August 2013

Hypnose ist so eine Sache, der ich irgendwie skeptisch gegenüberstehe. Was vielleicht (oder sehr wahrscheinlich) daran liegen könnte, dass all meine Erfahrungen mit dem Thema Hypnose nur aus Filmen stammen. Da sülzt irgendein „Therapeut“ etwas davon, dass man die Augen schließen und an einen schönen Ort denken soll. Hier und da wird vielleicht auch noch von 10 runter gezählt und – zack – einmal Schnipsen mit dem Finger und schon ist alles fertig. Jetzt ist der Hypnotisierte in den Händen des Hypnotiseurs, erinnert sich an längst vergangenes, an vergangene Leben, an schlimme Ereignisse oder wird mal eben komplett umgepolt, so dass das Klingeln einer Glocke ausreicht, damit er anschließend wie ein Huhn gackert. Am Ende noch einmal Schnipsen und alles ist wieder vorbei…

Ein Konzept, dass mir immer sehr suspekt war, aber anscheinend sollen ja so fünf Prozent der Bevölkerung unserer lieben Erde tatsächlich ziemlich offen für Suggestionen sein. Perfekte Opfer-Lämmer für einen willigen Hypnotiseur also. So ein Opfer-Lamm ist auch Simon Newton (James McAvoy) in Danny Bolyes neuestem Film „Trance“: Zumindest wird er gezwungen von Gangster Franck (Vincent Cassel). Denn eigentlich wollte Franck bei einer Auktion Francisco Goyas Gemälde „Hexen in der Luft“ stehlen. Doch Auktionsmitarbeiter Simon scheint das Bild irgendwie vorher selbst entwendet zu haben. Auf jeden Fall ist es weg und Simon kann sich wegen einer Verletzung am Kopf nicht mehr erinnern, wo es sein könnte. Also will Franck es mit Hypnose versuchen. Dabei soll Therapeutin Elizabeth (Rosario Dawson) helfen… nur scheint ihre Hypnose-Therapie das Ganze nur noch schlimmer zu machen.

Ich gebe zu, manchmal frage ich mich schon, was ich unter Hypnose so alles erzählen würde. In den meisten Fällen klingt das schon irgendwie witzig. Aber Danny Boyle hat mir das mit „Trance“ jetzt gehörig versaut. Jetzt habe ich zu sehr Angst zu den fünf Prozent zu gehören, denen man in Hypnose wirklich alles erzählen kann. Denn Hypnose bei Boyle bedeutet ein riesen Chaos und ungewollte Konsequenzen. Das Ganze aber natürlich in ziemlich coolem Outfit…

„Trance“ ist ein Film, bei dem man wirklich wachsam sein muss. Hinter jedem Schnitt könnte sich etwas Neues offenbaren, mit dem man so nicht gerechnet hat. Boyle strickt ein kaum zu durchschauendes Netz aus Intrigien, bei dem man ständig im Dunkeln darüber bleibt, wer denn jetzt eigentlich die Kontrolle hat. Hier macht „Trance“ dann richtig Spaß, weil man jeden einzelnen Hinweis, den man glaubt zu haben, abwägen muss. Ich meine, wenn selbst die Typen im Film irgendwann nicht mehr wissen, was was ist, wie soll ich es dann wissen. Hier und da möchte man fast an „Inception“ denken – gerade dann, wenn Erinnerungen ineinander übergehen, sich mit anderen vermischen und im ersten Augenblick etwas ganz neues formen. Doch mit Nolans Sci-Fi-Action-Dingens ist Boyles „Trance“ wirklich nicht zu vergleichen.

Boyle verzichtet auf große Action und setzt mehr auf die Verwirr-Taktik. Das funktioniert bei ihm hervorragend und man sitzt am Ende des Films und kratzt sich verwundert am Kopf. Ich versuche mich jetzt mal so kryptisch wie möglich auszudrücken: Das Schöne an „Trance“ ist, dass Boyle uns am Ende eine Aufklärung liefert. Allerdings muss man sich dann fragen, inwieweit diese Aufklärung wirklich Aufklärung ist. Den ganzen Film über wird uns vorgemacht, wie tiefgehend Hypnose sein kann, wie mächtig sie bei einer Person ist, die nur bereit dazu ist. Wer also sagt uns, dass die Aufklärung nicht nur ein weiteres Puzzle-Teil in einem großartig verworrenem Film ist. „Trance“ ist dabei wieder einer dieser Filme, den man ein zweites und vielleicht auch ein drittes Mal sehen sollte. Er macht nämlich nicht nur Spaß, sondern man sammelt garantiert auch noch ein paar Indizien, die einem vorher entgangen sind.

„Trance“ ist allein deswegen schon so verdammt gut, weil nicht vorhersehbar ist und selbst am Ende noch bestimmte Fragen offen lässt, die man sich selbst beantworten muss. Dazu kommt dann noch Boyles Darsteller-Trio Cassel, Dawson und McAvoy. Cassel spielt den „Schurken“ mit gewohnter Lässigkeit, während McAvoy diese Rolle des fast schon passiven Naivlings wunderbar ausfüllt. Rosario Dawson ist dann wie das Salz in der Suppe, wodurch das Ganze richtig rund wird. Allerdings sollte man auch bei den Darstellern Vorsicht walten lassen, denn so, wie man nie so ganz weiß, wer die Kontrolle hat, beherrschen auch die Darsteller den Film recht unterschiedlich. Das heißt, in jedem Augenblick kann ein anderer von ihnen die Kontrolle übernehmen… was zusätzlich perfekt in Boyles Verwirrspiel mit eingeht.

„Trance“ ist wirklich ein großartig und spannend inszenierter Thriller, der einen ganz in seinen Bann zieht. Boyle versteht es gekonnt mit uns zu spielen, uns eine falsche Fährte zu legen und uns vorzuführen. Das macht „Trance“ zu einem Film, den man wirklich mehr als einmal gesehen haben sollte…

Wertung: 9 von 10 Punkten (ach ja, und bevor ich es vergesse, irgendwie geht’s dann auch immer noch um dieses Gemälde)

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9 Kommentare leave one →
  1. 12. August 2013 10:23

    Hat mir auch sehr gut gefallen und vielleicht existiert der ein oder andere auch nur in seiner Fantasie. Aber gucken wir den Film lieber noch einmal :-))

    • donpozuelo permalink*
      12. August 2013 10:25

      😀 Könnte durchaus möglich sein. Aber gerade das fand ich am Ende echt ziemlich gut. Wenn der fürs Heimkino bereit steht, dann wird der definitiv noch einmal geschaut.

  2. 12. August 2013 19:29

    Mir hat er gestern auch sehr gut gefallen. War mir am Ende zwar nicht ganz sicher, ob die Story wirklich „rund“ war und alles einen Sinn ergibt, aber zum Anschauen ist er super spannend. Da waren einige Szenen dabei, die einem den Atem rauben (plus DIE Szene mit Rosario Dawson natürlich)

    • donpozuelo permalink*
      12. August 2013 21:58

      DIE Szene mit Rosario Dawson… verstehe 😉

      Ich glaube, dieses Unwissen, ob die Story wirklich rund war, ist absolut gewollt. Denn so bleibt nach wie vor die Frage, was denn nun wirklich Hypnose und was Realität war. Und vor allem, wer hier wirklich Realität war. Fand ich echt gut…

  3. 12. August 2013 22:11

    Ein handwerklich sehr solider, bildstarker Film, der auf den ersten Blick an „Inception“ bei genauerem Hinsehen jedoch eher an „Vertigo“ erinnert.
    Vincent Cassel ist ein Genuss und DIE Szene mit Rosario Dawson glatKinoeintritt wert… 😉

    • donpozuelo permalink*
      13. August 2013 09:02

      Es ist schon sehr viel mehr „Vertigo“ drin als „Inception“ – da hast du auf jeden Fall recht. Ob DIE Szene mit Dawson nun wirklich den Eintritt rechtfertigt, weiß ich nicht. Der Rest des Films um diese Szene ist auf jeden Fall auch ziemlich sehenswert 😉

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