Skip to content

Die Liebe und ALLES, was dazu gehört

3. Juli 2013

Hat mal von euch jemand versucht, James Joyce’ „Ulysses“ zu lesen? Ich ja, immerhin wird das Buch als wichtiger Beitrag zur Weltliteratur gezählt. Da dachte ich mir irgendwann mal, das sollte man sich vielleicht mal antun. „Antun“ ist auch irgendwie das richtige Stichwort, denn „Ulysses“ ist wirklich schwere Kost. Was aber vor allem daran liegt, dass Joyce hier versucht, den Gedankenfluss eines Mannes an einem einzigen Tag niederzuschreiben. Ohne Punkt und Komma und vor allem in einem für Gedanken typischen Wirrwarr. Da war man am Anfang der Zeile noch im Treppenhaus und plötzlich befindet man sich in den Gedanken an einen Traum, um zwei, drei Wörter weiter dabei zu sein, die Nachrichten in der Zeitung zu analysieren. Diesem Gedankenfluss konnte ich so circa 100 Seiten folgen, danach wurde es mir zu viel.

Es ist halt etwas, womit nicht jeden Tag zu tun hat und an das man sich wirklich erst gewöhnen muss. Ist zumindest meine Einstellung. Ähnlich sieht es mit den letzten Filmen aus, die Regisseur Terrence Malick in die Kinos gebracht hat. Im vorletzten Jahr kam mit „The Tree of Life“ ein Film über das Leben und ALLES, was dazu gehört. In diesem Jahr taucht er mit uns ein in die Welt der Liebe. Und in „To The Wonder“ tut er das ähnlich wie Joyce bei seinem „Ulysses“… in einem ständigen Fluss aus Gedanken über die Liebe.

Wir lernen ein junges Paar kennen (Ben Affleck und Olga Kurylenko), die nach einiger Zeit in Frankreich in die USA ziehen. Während er sich hier um seine Arbeit kümmert (er scheint schwer an der Umwelt interessiert zu sein, untersucht Bodensubstanzen, etc. im Umfeld großer Industriegebiete), bleibt sie die meiste Zeit mit ihrem Kind allein. Irgendwann gibt’s Streit, sie kehrt samt Kind nach Frankreich zurück und lässt ihn allein. Daraufhin bandelt er mit einer alten Freundin (Rachel McAdams) an, doch auch das hält nicht lange. In diesem Liebestreiben sucht dann auch noch ein Priester (Javier Bardem) nach Sinn und Liebe.

Terrence Malick ist einer, der keine halben Sachen macht. Sprich: Entweder man mag das, was er einem da auf der Leinwand bietet oder man mag es überhaupt nicht. „To The Wonder“ macht da keine Ausnahme und hebt das, was Malick in „The Tree of Life“ geschaffen hat, noch auf eine höhere Stufe.

Dieser Film ist wirklich ein filmgewordener „Ulysses“. Ein visuelles Werk, das mehr Stummfilm ist. Bilder bedeuten Malick alles. Das, was er uns sagen will, das zeigt er uns. So schwirrt und schwebt seine Kamera wie ein ruheloser Geist in ständiger Bewegung um die Figuren herum. Ja, es gibt wieder enorm viele Bilder, in denen die Sonnen durch Bäume scheint, aber „To The Wonder“ ist so viel mehr im Vergleich zum etwas verworrenen „Tree of Life“. Immerhin lässt sich bei diesem Film doch so etwas wie eine Chronologie spüren. Doch bezieht sich das nicht auf die Handlung, sondern vielmehr auf die Liebe.

Die Liebe steht hier über allem. Und dabei sollte man sich gleich von der Vorstellung verabschieden, Malick hätte einen gewöhnlichen Liebesfilm gedreht, in dem wir eine nette Dreiecksbeziehung zu sehen bekommen. Das gibt’s schon genug. „To The Wonder“ ist vielmehr… naja, so etwas wie eine Art Gedicht, ein Essay, ein Rum-Philosophieren über die Art der Liebe. Sie fängt bei Verlangen an, geht über die verliebte Verspieltheit hin zu einer gemeinsamen, innigen Vertrautheit, bei der man sich auf ewig wohlfühlen könnte. Doch dann wird Liebe auch zu etwas, dass eine gewisse Anstrengung erfordert… die Verliebtheit geht und was bleibt dann? Liebe muss überdacht werden, geformt und angepasst werden. Klappt das, wird noch so viel mehr daraus. Klappt es nicht, so wird scheinbar alles, was vorher war, null und nichtig.

Malick lässt seine Charaktere alle Stadien der Liebe durchleben… dabei verliert er nicht viele Worte. Muss er auch nicht, denn, ob nun Ben Affleck oder Olga Kurylenko, sie spielen ihre Rollen mit dieser stummen Intensität, dass man theoretisch nicht einmal die spärlichen Off-Kommentare bräuchte.

Vielleicht hat man es ein wenig gemerkt: Ich gehöre zu der Pro-Malick-Fraktion. Zumal mich „To The Wonder“ noch sehr viel mehr gefesselt hat als „The Tree of Life“. Irgendwie konnte ich diesem Film sehr viel mehr abgewinnen… vielleicht liegt es daran, dass man sich in vielen Situationen selbst wieder entdeckt. Vielleicht ist es aber auch, weil Malick dieses Mal wirklich etwas geschaffen hat, was sich unglaublich fremd und gleichzeitig so vertraut anfühlt. Keine Ahnung, ich klinge wahrscheinlich schon so, als wäre ich auf Droge… vielleicht ist es auch das.

Auf jeden Fall ist „To The Wonder“ ein höchst intensiver und sehenswerter Film. Einzig und allein Javier Bardems Rolle hat mich immer wieder ein wenig gestört. Der Priester auf seiner Sinn- und Liebessuche hat für mich nicht so ganz ins Bild gepasst. Aber hey, bei fünf Cuttern kann das schon mal passieren (so sind schließlich auch Jessica Chastain und Rachel Weisz komplett aus diesem Film verschwunden – schade eigentlich!!!)

Tja, ich kann nur sagen: Traut euch!!! Bei diesem Film kann euch eh keiner eine wirkliche Antwort darauf geben, ob ihr ihn mögen werdet oder nicht. Das ist halt Malick.

Wertung: 10 von 10 Punkten (hier geht wirklich nur „entweder – oder“… ich war definitiv total im Bann dieses Films)

Advertisements
12 Kommentare leave one →
  1. 3. Juli 2013 10:28

    Wow, ich habe den Film, wie immer, noch nicht gesehen, aber die Bewertung lässt mich aufspringen! Hoffe ich kann denn noch irgendwie erwischen 🙂

    • donpozuelo permalink*
      3. Juli 2013 10:31

      Wie gesagt… dies ist wirklich ein „Entweder-Oder-Film“. Ich kenne genügend Menschen, die den Film ziemlich scheiße fanden, aber mich hat das echt gefesselt. Es ist halt mal was anderes… irgendwie schon sehr angenehm nach all den Explosionsblockbustern mal was Ruhigeres zu sehen 😉

  2. 3. Juli 2013 17:45

    Ah, wie interessant, ich habe den Film nämlich mit Virginia Woolf verglichen, die mit Joyce ja sehr viel gemein hat (obwohl „Ulysses“ eigentlich nicht vollständig Bewusstseinsstrom ist, aber das führt jetzt hier zu weit). Diese einzigartige Weise, das Leben einzufangen, der Malick sich verschrieben hat, ist schon wertvoll. Ich finde nur, er könnte das etwas dringlicher einsetzen, nicht ganz so scheinbar wahllos wie in „To the Wonder“. Trotzdem schön, dass er dir so gut gefallen hat. 🙂

    • donpozuelo permalink*
      3. Juli 2013 23:27

      Ich merke schon, da ist jemand Expertin. Ich gestehe, alles, was ich über Joyce weiß, stammt aus der Schulzeit und ist nicht sonderlich umfangreich. 😉

      Ich glaube, das „wahllose“ stammt echt daher, dass Malick ja scheinbar einfach sehr viel dreht und erst im Schnitt dann irgendwie die Geschichte entsteht. Aber wie gesagt, wahrscheinlich hat’s mir auch nur so gut gefallen, weil es mal was komplett anderes war als das, was man sonst so zu sehen bekommt.

  3. Sebastian permalink
    3. Juli 2013 18:24

    „hier geht wirklich nur ‚entweder – oder'“ – nein. Habe ich auch bisher aus nahezu jeder Rezension anders herausgelesen, die ihn gerade im Kontext seines übrigen Werkes eher mittelprächtig fanden, und dieser Einschätzung schließe ich mich auch an. Visuell einfallsreich, aber nach gewisser Zeit ungemein ermüdend, weil auf der emotionalen Ebene völlig kühl und belanglos. Und: Wer außer Ben Affleck kommt auf die Idee, Ben Affleck als Hauptdarsteller zu engagieren?

    • donpozuelo permalink*
      3. Juli 2013 23:29

      Dazu muss ich sagen, dass ich außer „Tree of Life“ und jetzt halt „To The Wonder“ keinen anderen Film von Malick kenne. Deswegen kann ich das leider nur mit „Tree of Life“ vergleichen…

      Und das mit Ben Affleck beantwortet sich ja von selbst: Terrence Malick 😉 So schlecht fand ich Affleck jetzt wirklich nicht.

  4. 3. Juli 2013 19:23

    Als Ulysses nach fünfzig Seiten immer noch nicht fertig rasiert war, habe ich ihn zur Seite gelegt.

    • donpozuelo permalink*
      3. Juli 2013 23:30

      😀 Ich glaube, ich habe es noch bis zum Treppenhaus und auf die Straße geschafft, bevor ich auch aufgegeben habe.

Trackbacks

  1. Terrence und der Krieg | Going To The Movies
  2. Der mit dem Bär kämpft | Going To The Movies
  3. Tarot-Poesie | Going To The Movies
  4. Blogparade: My 100 greatest films of the 21st century… so far | Going To The Movies

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: