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TFB I: Agent Gaga

21. Juni 2013

Wenn man jetzt Verschwörungstheoretiker wäre, könnte man sicherlich viel mit der Tatsache anfangen, dass „Skyfall“ der 23. James Bond-Film in 50 Jahren ist. Vielleicht ist jetzt die Zeit gekommen, in der James Bond sein wahres Gesicht zeigt und ab jetzt die Seiten wechselt… um an der Spitze von Quantum die Weltherrschaft an sich zu reißen. Immerhin weiß er bestens Bescheid, was man als Schurke nicht machen sollte. Das wäre doch mal ein witziger Film… oder darf man sich überhaupt über den Über-Agenten Ihrer Majestät lustig machen?

Klar darf man. Vor allem bei Bond. Der schreit ja förmlich danach auf die Schippe genommen zu werden. Deswegen starte ich jetzt „The Fake Bond“ und schaue mal, was der gute James alles ertragen musste… schließlich lädt jede erfolgreiche Reihe Trittbrett-Fahrer und Komiker ein.

Die erste Parodie zu Mr. Bond kam sogar recht früh. Zeitgleich mit Sean Connerys eigentlich letzten Auftritt in „Man lebt nur zweimal“ tauchte 1967 ein zweiter Bond-Film auf… der sich mit zwei Sachen brüsten konnte: zum einen enthielt dieser Film mindestens vier 007s und zum anderen spielte Orson Welles den Bösewicht. In einem Film namens „Casino Royale“.

Man darf diesen Film aber auf gar keinen Fall mit Daniel Craigs „Casino Royale“ verwechseln. In der Version von 1967 hat sich James Bond (David Niven) in den Ruhestand zurückgezogen. Doch weil die Geheimorganisation SMERSH damit begonnen hat, Agenten zu eliminieren, soll Bond in den Dienst zurückgeholt werden. Dafür wird auch gerne mal sein gesamtes Anwesen zerbombt. Leider stirbt dabei auch M und so wird der gealterte James neuer Chef von MI6. Erste Amtshandlung: Alle Agenten tragen ab sofort die Nummer 007 – zur Verwirrung des Feindes. Mit Hilfe von Mata Bond (Joanna Pettet), Tochter von Bond und Mata Hari, und der reichen Spionin Vesper Lynd („Dr No“ Ursula Andress) macht Neu-Bond Evelyn Tremble (Peter Sellers) nun jagt auf Le Chiffre (Orson Welles), Finanzier von SMERSH, um so an die ganze Organisation zu kommen.

Es gibt scheinbar eine wichtige Grundregel, die man beachten sollte, bevor man „Casino Royale“ schaut: Man muss herausfinden, was die sechs Drehbuchautoren (unter ihnen auch Woody Allen) geraucht, getrunken, gespritzt und eingenommen haben! Und sich dann selbst diese Rezeptur verabreichen, um bei diesem Machwerk Schritt halten zu können.

Die fünf Regisseure (unter ihnen auch „Die Spur des Falken“-Regisseur John Huston) bombardieren den Zuschauer mit einer chaotischen Flut an Episoden. Da tröstet der alte Bond Ms Witwe (Deborah Kerr), während sie und ihre zahlreichen weiblichen Verwandten versuchen, den Alten um die Ecke zu bringen. Dann wieder findet sich Bonds Tochter Mata in Berlin in einem Heim wieder, dass an „Das Cabinett des Dr.  Caligari“ erinnert und dank seiner expressionistischen Bauweise für ordentlich Verwirrung sorgt.

Irgendwann zwischendurch erinnert ein Kartenspiel zwischen Bond/ Tremble und Le Chiffre tatsächlich auch an den neueren „Casino Royale“. Bevor dann alles in einer riesigen Bar-Schlägerei endet, in der sogar UFOs und Jean Paul Belmondo irgendwie auftauchen.

Dieser „Casino Royale“ ist ein vollkommener Gaga-Film, der aber dennoch sehr schön gerade den Sexismus der Figur Bond demontiert. Insgesamt bietet der Film viele großartige Momente (gerade die Berlin-Episode ist herrlich skurril), doch leider verlieren sich die vielen guten Ideen in diesem szenischen Chaos, bei dem man sich schon fragen muss, ob sich die fünf Regisseure überhaupt abgesprochen haben, wer was dreht. Die einzelnen „Bonds“ liefern manchmal recht interessante und auch absurd-komische Einzelepisoden. Als Ganzes betrachtet ist „Casino Royale“ aber ein außer Kontrolle geratener Kindergeburtstag.

Besonders weh tut es, wenn man bedenkt, dass man hier Peter Sellers und Orson Welles aufeinander loslässt und dabei nichts für die Ewigkeit der Filmgeschichte geschaffen wurde. Da hat Welles Kurzauftritt in „Der Dritte Mann“ mehr Feuer als das hier.

Klar, eine Figur wie James Bond muss veralbert werden, und „Casino Royale“ hat ein paar gute Ideen. Insgesamt bestätigt dieser Film aber auch wieder mal eins: Zu viele Köche verderben den Brei.

Wertung: 4 von 10 Punkten (ein irres Happening, das nüchtern und bei klarem Verstand nur sehr wenig Sinn ergibt)

3 Kommentare leave one →
  1. 23. Juni 2013 23:15

    Der Film lebt für mich vorallem von seinem Sixties-Feeling (insbesonders der Score ist echt groovie…), inhaltlich ergibt das Ganze jedoch wirklich null Sinn und wirkt wie ein anderthalbstündiger LSD-Trip.

    Wenn er jedoch auch inhaltlich totaler Schrott ist und mit Ian Fleming absolut gar nix zu tun hat, so verfügt er für mich als Fan der Sechzigerlahre doch über gewisses Kultpotential, nicht zuletzt dank seiner Besetzungsliste, die jeden EON-Bondfilm in den Schatten stellt (Sellers, Niven,Welles,Allen, Holden…)

    Zugegeben,verheitzt wurden sie schon, die Darsteller… 😉

    • donpozuelo permalink*
      24. Juni 2013 09:45

      Absoluter Sixties-Flair. Das stimmt. Ich sag ja, wahrscheinlich muss man rauchen oder zu sich nehmen, was die damals genommen haben, dann erschließt sich einem der Film vielleicht etwas eher 😉

      Und ja, es ist echt verdammt schade, dass sie nicht mehr aus den Darstellern gemacht haben. Wohl ganz gut, dass Connery seine Mitarbeit abgesagt hat.

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  1. TFB III: Ooo, behave!!! | Going To The Movies

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