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Das Buch der Toten

22. April 2013

Für gewöhnlich gibt es keine lustigen Geschichten über den Kauf einer DVD. Doch in diesem Fall kann ich endlich mal eine Ausnahme machen und euch die halbwegs lustige Geschichte darüber erzählen, wie ich zu meiner DVD von Sam Raimis Klassiker „The Evil Dead“ kam. Da der hier in Deutschland ja nach wie vor verboten ist, kam ich bis jetzt nie in den Genuss dieses Kultklassikers. Umso erstaunter war ich dann, als ich an einem wunderbar sonnigen Sonntag über einen von Berlins zahllosen Flohmärkte schlenderte und bei einem Stand stehenblieb. Da verkaufte ein schmierig aussehender Typ alte Horrorfilme. Da gab es „Braindead“, „Cannibal Holocaust“ und andere schlimme Sachen. Und unter anderem halt „The Evil Dead“. In zwei Ausgaben: Die eine war die geschnittene Fassung von 70 Minuten, die andere die normale 85/ 86-Minuten-Fassung. Doch kaum nahm ich die in die Hand, kam der Typ zu mir rüber und meinte, er hätte die ultimative ungeschnittene Originalfassung auch noch. Die sei natürlich verboten, sagte er und wiederholte das im Verlauf von fünf Minuten mindestens noch zehnmal.

Er kramte also die DVD unterm Ladentisch (!!!) hervor, zeigt mir noch mal das Warnschild, auf dem Stand: „Diese DVD ist nur für den Vertrieb in Österreich erlaubt!“, betonte noch einmal, wie ungehorsam diese Transaktion eigentlich sei, nahm dann aber trotzdem freudig meine zehn Euro. Mit diesem Schatz in einer weißen Plastiktüte fühlte ich mich dann auch gleich wie ein ganz Schlimmer. Ich tat etwas furchtbar verbotenes, hatte sogar Geld dafür bezahlt und war auch noch stolz darauf und freudig erregt.

Zuhause stellte ich dann mit Genugtuung fest, dass die Qualität sehr gut war und freute mich endlich darauf, „The Evil Dead“ zu schauen. Nach all den Jahren, in den ich „The Evil Dead 2“ und „Army of Darkness“ schon lieben gelernt hatte, kam nun endlich der ominöse erste Teil, in dem Ash (ein verdammt junger Bruce Campbell) gemeinsam mit seinen Freunden Urlaub in einer kleinen Hütte im Wald macht. Im äußerst geräumigen Keller (!) dieser kleinen Hütte finden sie ein seltsames Buch und ein Tonbandgerät. Darauf hat sich ein Professor verewigt, der dieses Buch der Toten studiert und damit Dämonen in unserer Welt erweckt hat. Dumm nur, dass er auf dem Tonband genau die Formel ausspricht, um das Gleiche noch einmal geschehen zu lassen… und plötzlich sieht sich Ash von besessenen Freunden umgeben.

Die langen Jahre des Wartens haben die Erwartungen an diesen Film unheimlich gesteigert und ich war froh, dass „The Evil Dead“ da mithalten konnte. Der Film ist großartig. Vor allem wenn man bedenkt, dass Sam Raimi mal gerade 22 Jahre alt war und sich sein Geld für diesen ersten großen Film mühsam zusammenstottern musste. Man spürt, dass hier Menschen am Werk waren, die zwar noch nicht so bewandert im Filmemachen, aber schon große Horror-Fans waren. Man erkennt genau, wo welcher Strahler steht, damit hier und da ein paar Schatten entstehen. Man spürt die ungewollten Ruckler der Kamera und trotzdem erzeugt Raimi eine unheimliche Atmosphäre. Allein wenn diese unbekannte Macht durch den Wald auf die kleine Hütte zufliegt, ist das grandios. Wenn man sich dann vorstellt, wie Raimi oder Campbell selbst mit der Kamera auf einem Stück Holz oder auf einem Fahrrad durch den Wald heizen, um diese Fahrten hinzubekommen, dann schätzt man diese Einstellung gleich noch viel mehr.

Natürlich ist „The Evil Dead“ storytechnisch nicht sonderlich ausgefeilt: Buch finden, Dämonen erwecken, Leute sterben lassen. Fertig!!! Aber daran denkt man gar nicht, sondern ist einfach nur beeindruckt davon, was Raimi da alles auf die Beine stellt. Abgesehen von der Baum-Vergewaltigungsszene, die weitaus lustiger war als ich das gedacht hätte, sind die Effekte im Film schon wahnsinnig blutig. Viele Sachen, die wir zu sehen bekommen, sehen schon verdammt realistisch aus und lassen durchaus nachvollziehen, warum der Film damals für Aufsehen sorgte. Doch mittlerweile und mit Blick auf das kommende Remake kann ich nur hoffen, dass das Verbot aufgehoben wird, damit mehr Leute sehen können, was Raimi mit „The Evil Dead“ erschaffen hat.

Erstaunt war ich allerdings schon darüber, wie sehr viel ernster der Ton im ersten Teil noch ist. Da gibt’s kein „Groovy“, kein „I swallow your soul!“. Da gibt’s nur den knallharten Überlebenskampf. Wirklich schmunzeln kann man halt nur, wenn man die kleinen Ecken und Kanten des Films erkennt, die deutlich machen, dass Raimi noch nicht ganz so firm im Filmemachen war. Trotzdem ist „The Evil Dead“ ein grandioser Horrorstreifen, der zurecht Kult-Status hat.

Wertung: 9 von 10 Punkten (wir danken an dieser Stelle auch Stephen King, dessen Kritik des Films damals dafür sorgte, dass der Film etwas besser vermarktet wurde)

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14 Kommentare leave one →
  1. 22. April 2013 07:29

    Wie gesagt tolle Atmosphäre und tolle Spannung, aber ich kann echt immer noch nicht glauben, dass das Teil bei euch verboten ist.

    • donpozuelo permalink*
      22. April 2013 09:13

      Ja, schon irgendwie absurd… was werden sie dann wohl mit dem Remake erst machen??? 😉 Das geht nämlich so richtig fies ab. Da sieht alles wirklich extrem echt aus, während man beim Original ja schon deutlich erkennen kann, wann eine Puppe oder wann Knete eingesetzt wurde. Trotzdem ein toller Film… und wie gesagt, ich war echt überrascht, wie „gruselig“ der doch war. Ich kannte bis dahin immer nur Teil 2 und 3 und ging davon aus, dass auch Teil 1 viel mehr Komik beinhalten würde. Naja… kommt ja dann später noch genug 😉

  2. 22. April 2013 10:17

    Ich habe den Film vor ca. 10 Jahren in der ungeschnittenen(!) Fassung für eine unglaubliche Summe im Elektrofachhandel gekauft. Die Qualität war beschissen, doch immerhin hatte ich endlich die Gelegenheit den Film zu sehen. Tja, der Film hat mir dann nicht sonderlich gut gefallen. Mir war er zu ernst und zu trashig, aber damals hatte ich vielleicht auch die falschen Erwartungen, da ich eher etwas lustigeres, wie „Evil Dead II“ oder „Armee der Finsternis“, erwartet hatte. Auf jeden Fall ein Kulfilm, der das Genre geprägt hat.

    • donpozuelo permalink*
      22. April 2013 10:27

      Die ungeschnittene Fassung habe ich jetzt auch 😉 Und ja, ich hatte auch etwas Lustigeres erwartet… gerade nach „Evil Dead II“ und „Army of Darkness“. Aber ich finde es schon allein faszinierend, wenn man sich die ganze Geschichte hinter dem Film so anschaut. Dass Raimi und Co. eigentlich alle keine Ahnung hatten oder unter welchen Bedingungen der Film entstanden ist. Das spielt bei mir dann auch immer ein bisschen mit rein… und so fand ich diesen Film von Anfang an großartig.

  3. 16. Mai 2013 12:02

    Verstehe immer noch nicht, was dem Film (s)eine Klasse verleiht. Komischerweise kann mir dies auch niemand erklären, nicht mal ein Freund, für den das sein Lieblingsfilm ist. Die Kamerafahrten sind toll, klar. Und Blut gibt es, wow. Aber warum das nun ein Meisterwerk sein soll, das zu kritisieren in Filmkreisen bereits als ketzerisch gilt, will sich mir nicht erschließen (und vermag scheinbar auch niemand zu erklären).

    • donpozuelo permalink*
      16. Mai 2013 12:32

      Tja, gute Frage. Liegt wahrscheinlich an dem „verbotenen“ Hype des Films. Vielleicht liegt’s auch einfach daran, dass sich seit Jahren keiner über den Film beschwert hat… ich weiß es auch nicht. Klar, mittlerweile ist es eigentlich schon mehr Trash als alles andere, aber die verzweifelten Bemühungen der Darsteller, seriös zu wirken und die herrlich skurrilen Effekte muss man doch einfach lieb haben. Obwohl… man kann auch einfach Teil 2 nehmen, der das alles eh eine Nummer besser macht.

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