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Hinterhofspanner

8. April 2013

Hinterhof-Wohnungen sind wirklich nur bedingt schön. Aber ich kenne bis jetzt nur Hinterhof-Wohnungen, die wirklich schrecklich sind. Ich habe selbst drei Monate in so einer Wohnung verbringen müssen. Wo man sich hin und wieder schon fragen muss, ob die Sonne tatsächlich scheint oder nicht. Wo der einzige Ausblick die Wand von gegenüber ist; wo das einzige Leben das Leben der Menschen hinter den Fenstern ist. Hinterhof-Fenster laden einfach zum Gucken ein – auch aus dem einfachen Grund, dass, wenn man mal rausschaut, nichts anders hat, wo man hinschauen kann. Natürlich (!!!) würde mir nie im Leben einfallen, die Leute bewusst zu beobachten, aber hin und wieder erwischte man sich schon dabei…

Wer das Glück hatte, noch nie in einer Hinterhof-Wohnung leben zu müssen, aber trotzdem gerne mal ein Gefühl davon haben möchte, der ist bei Alfred Hitchcocks „Das Fenster zum Hof“ genau richtig. Der Fotograff L.B. „Jeff“ Jefferies (James Stewart) ist durch einen Unfall gezwungen, den ganzen Tag in seiner kleinen Wohnung zu hocken. Dabei beobachtet er seine Nachbarn: die Ballerina, die nur in Unterwäsche zu proben scheint; der Komponist, bei dem plötzlich Hitchcock persönlich vorbei kommt, um die Uhr zu stellen oder das Ehepaar von gegenüber, wo auf einmal die Frau verschwindet und der Ehemann sich auffällig merkwürdig verschwindet. Für Jeff ist klar, der Typ hat seine Frau umgebracht. Doch weder die Polizei noch seine Freundin Lisa (Grace Kelly) wollen Jeff glauben, der deswegen seine „Beobachtungen“ noch lange nicht aufgeben will.

Hitchcocks Hinterhof hätte ich nur zu gern gehabt. Da gibt’s tatsächlich eine Menge zu sehen. Die Leben der verschiedenen Menschen wurden teilweise auf sehr witzige Weise inszeniert… beispielsweise, wenn das eine Pärchen wegen der Hitze draußen auf dem Balkon schläft und bei einem nächtlichen Regenschauer verzweifelt versucht, die große Matratze durchs Fenster zu schieben. Oder das Hündchen, das im eigenen Flaschenzug von ganz oben zum Gassi in den kleinen Garten gelassen wird. Das Interessante an Hitchcocks Hof ist tatsächlich, dass man diesen Menschen nur zu gerne zu schaut – denn hier durchlebt man alles und mal ganz ehrlich, wer – wie Jeff – keinen Fernseher zur Verfügung hat, der kann diese Art von Unterhaltung doch wirklich gut gebrauchen.

Gleichzeitig zwingt Hitchcock den Zuschauer aber auch in die Voyeurs-Rolle. Den einzigen Ausweg, den wir haben, würde bedeuten, wir müssten den Fernseher ausschalten. Und dafür ist „Das Fenster zum Hof“ dann doch eindeutig zu spannend. Denn so richtig kann man Jeffs Paranoia anfangs nicht nachvollziehen. Man will ihm nicht glauben, schließlich hat er wichtige Momente einfach verschlafen… Momente, in denen der Nachbar von gegenüber sein Frau getötet haben könnte. Oder auch nicht. Die Stimme der Vernunft (sowohl unsere eigene als auch die von Jeff in Form eines Detectives) sagt uns, dass wir nicht alles wissen, um diese Anschuldigungen zu rechtfertigen. Trotzdem schafft es Hitchcock, dass wir irgendwann anfangen an uns selbst zu zweifeln. Der gesunde Menschenverstand fängt an zu rebellieren: „Du kennst nicht die ganze Story“, „Du hast nicht alles gesehen, was von Bedeutung ist“. Aber dieser grandiose Schweinehunde Hitchcock streut so viele Hinweise, die Jeff dann auch noch nur zu bereitwillig aufnimmt, dass man selbst irgendwann bei Jeffs Paranoia angekommen ist.

Es ist schwer in Worte zu fassen, aber was Hitchcock hier in „Das Fenster zum Hof“ macht, ist wirklich absolut spannend. Spannend natürlich auch nur deswegen, weil die Darsteller das Ganze so überzeugend rüberbringen. James Stewart und Grace Kelly (eine unglaublich schöne Frau!!!) liefern ein sympathisches Leinwand-Pärchen, das vielleicht wirklich mal darüber nachdenken sollte, sich einen Fernseher zu zulegen 😉

Wenn jemand den Titel „Master of Suspense“ verdient hat, dann wirklich Alfred Hitchcock. Und wer das nicht glaubt, sollte sich dringend einmal „Das Fenster zum Hof“ anschauen.

Wertung: 10 von 10 Punkten (Komik und Spannung in perfekter Zweisamkeit vereint)

6 Kommentare leave one →
  1. 8. April 2013 07:28

    ‚Das Fenster zum Hof‘ ist einer meiner absoluten Lieblingsfilme und das, obwohl ich kein riesiger Hitchcock-Fan bin. Aber hier zeigt sich einfach, wie großartig es sein kann, wenn eine gute und spannende Grundidee perfekt umgesetzt wird. Muss man definitiv mal gesehen haben!

    • donpozuelo permalink*
      8. April 2013 09:21

      Wahre Worte… obwohl mein absoluter Lieblings-Hitchcock-Film nach wie vor „Vertigo“ ist.

  2. 9. April 2013 21:45

    Ja das ist ein Meisterwerk 🙂
    Und man muss nicht mal eine reine Hinterhofwohnung haben, denn die gute Berliner Altbauwohnung hat meist wenigstens ein Zimmer zum Innenhof. Lustigerweise lebte ich 17 Jahre in einer Wohnung zum (Hinter)Hof und in guter Tradition hat man natürlich gerne alle anderen beobachtet. Da geht kaum was drüber 🙂
    Nein, im Ernst, Hitchcock hat den Gesellschaftsvoyeurismus super eingefangen und bewiesen, dass man mit wenig viel erreichen kann.

    • donpozuelo permalink*
      9. April 2013 21:50

      😀 Da hast du Recht. Wenn mal wirklich nichts im Fernsehen kommt, hat man ja immer noch Nachbarn 😉

      Manchmal wünscht man sich heute ein paar mehr Filme wie die von Hitchcock. „Das Fenster zum Hof“ ist wirklich ein großartiges Meisterwerk. Kann man sich immer und immer wieder anschauen.

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