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Extrem-Tourismus

1. April 2013

Prypjat war einst eine kleine Stadt mit knapp 50.000 Einwohnern. Eine kleine florierende Stadt, der alle Möglichkeiten offen standen, um zu wachsen und zu gedeihen. Doch heute ist Prypjat eine Geisterstadt. Leere Straßen und Häuser erinnern nur noch daran, dass hier mal Menschen gelebt haben. Wo die hin sind??? Prypjat liegt in der Ukraine, nicht weit entfernt vom berüchtigten Kernkraftwerk Tschernobyl. Die meisten Arbeiter des Kraftwerks lebten bis 1986 in Prypjat, bevor sie allesamt wegen des schweren Reaktorunglücks im April 86 evakuiert wurden. Seitdem lebt dort niemand mehr.

Eine unheimliche Vorstellung, durch diese Stadt zu gehen, die so plötzlich verlassen wurde, das in den meisten Wohnungen noch Überreste der ehemaligen Bewohner zu finden sind. Unheimlich genug, um Prypjat als Kulisse für einen Horror-Film zu verwenden. Das dachte sich zumindest „Paranormal Activity“-Regisseur Oren Peli und produzierte hier „Chernobyl Diaries“ unter der Regie von Neuling Bradley Parker.

Chris (Jesse McCartney), seine Freundin Natalie (Olivia Dudley) und deren Freundin Amanda (Devin Kelley) reisen gemeinsam mit Chris’ Bruder Paul (Jonathan Sadowski) durch Europa. Bei ihrer Reise durch die Ukraine wollen sie unter der Leitung von „Extreme Tour“-Führer Juri (Dimitri Diatchenko) in die Geisterstadt Prypjat. Zusammen mit einem Packpacker-Pärchen macht sich die kleine Truppe auf den Weg. Anfangs ist es auch noch super cool, doch am Abend startet Juris Wagen nicht mehr, dann tauchen plötzlich Gestalten in der Dunkelheit auf und nur schnell wird klar: Unbewohnt ist Prypjat doch nicht.

Für einen richtig guten Horror-Schocker ist der Drehort absolut wichtig! Wenn die Location schon „Grusel“ schreit, dann überträgt sich das auch meistens sehr gut auf den Film. Zumindest das gelingt in „Chernobyl Diaries“ ausgezeichnet. Die leerstehenden Häuser, die von Asche und Dreck verschmutzten Wohnungen, ein stilles Riesenrad oder dunkle Keller-Räume – all das und noch viel mehr transportiert eine wahnsinnig gute und vor allem unheimliche Stimmung. Die Geisterstadt liefert Gänsehaut-Feeling pur. Zum Glück für uns fängt Regisseur Bradley Parker diese Atmosphäre auch wunderbar ein. Vor allem, wenn es dann dunkel wird, steigt der Gruselfaktor. Lobenswert ist dabei auch die Tatsache, dass wir nicht sofort mit irgendwelchen Monstern konfrontiert werden. Stattdessen bleibt lange im Dunkeln, wer oder was die Angreifer sind, die langsam damit anfangen, unsere kleine Reisegruppe zu dezimieren.

Doch damit hören die guten Sachen an „Chernobyl Diaries“ auch schon auf. Denn auch wenn die „Viecher“ lange nicht direkt vor die Kamera kommen, weiß jeder, der auch nur einen Horror-Film gesehen hat, was das wohl für Wesen sein könnten. Nur noch mal der Hinweis: Tschernobyl!!! Strahlung!!! Ja, ja… da ist „Chernobyl Diaries“ recht einfallslos und auch etwas geschmacklos, wenn man bedenkt, dass dieser GAU wirklich viele Menschen betroffen hat, die hier nun mehr oder weniger zu hirnlosen Fressmaschinen werden.

Der Horror-Effekt nimmt mit zunehmender Laufzeit des Films rapide ab – Location hilft zwar viel, kann aber allein nicht für alles stand halten. Spannung erzeugt der Film dann auf die altbekannte Weise: Mal taucht ein dunkler Schatten hinter den Leuten auf, dann steht plötzlich eine Figur in irgendeiner Tür… blablabla… „Chernobyl Diaries“ wirkt irgendwann nicht mehr, wird langweilig und vorhersehbar. Interessanterweise gibt es zum Ende eine höchst interessante Wendung, die man vielleicht eher hätte verfolgen sollen. Doch statt dessen dient sie nur als blöder Cliffhanger, um vielleicht irgendwann mal in Teil Zwei weiter erzählt zu werden.

Auch darstellerisch darf man sich nicht zu viel versprechen. Von den jungen Darstellern bleibt niemand im Kopf – zu sehr wird hier auf altbekannte und langweilig gewordene Stereotype gesetzt. Die Charaktere bleiben oberflächlich und warten nur darauf, gekillt zu werden. Einzig und allein Juri-Darsteller Dimitri Diatchenko kann als undurchsichtiger Reiseführer punkten. Bei ihm weiß man nie so ganz genau, was eigentlich seine wirkliche Agenda ist.

Ansonsten ist „ChernobylDiaries“ nichts, was hartgesottene Horror-Fans vom Hocker hauen dürfte. Atmosphärisch anfangs einwandfrei verfällt der Film schnell in die üblichen Klischees und versaut damit den ganzen Film.

Wertung: 5 von 10 Punkten (die Location-Scouts haben einen Extra-Bonus verdient, alle anderen gar nichts)

5 Kommentare leave one →
  1. luzifel permalink
    1. April 2013 12:19

    Ich mochte den Film, Er ist nichts besonderes, aber er fängt diese abgefuckt-trostlose Stimmung ziemlich gut ein. Abgesehen davon ist er völlig gradlinig und ohne jeden Schnörkel, was ich dem Film in Anbetracht von zahlreichen sinnlos komplizierten Filmen hoch anrechne. Was ich auch cool fand, waren die abgefuckten streunenden Hunde.

    Ich muss auch zugeben, dass ich ein großer Freund der PC-Spieler aus der Stalker-Reihe bin und die spielen auch in der Gegend und vermitteln die gleiche Stimmung.

    • donpozuelo permalink*
      1. April 2013 20:05

      Die Stimmung war schon toll. Aber bei der Location kann man das eigentlich auch nicht mehr versauen… es sei denn, man packt bunte Lämpchen überall hin. Das fand ich schon okay, aber die Story war klassisch 08-15 und öde. Wurde halt erst zum Ende ein bisschen interessanter… nur dann war ja auch schon alles vorbei.

      Naja… man kann ja nicht alles haben.

  2. 3. April 2013 11:00

    Da wurde einiges an Potential verschenkt. Die Idee ist ja schon recht stark und auch die Location, die verlassene Stadt, gut umgesetzt.

    Nur im Laufe des Films wird das halt immer vorhersehbarer und als sie dann durch irgendwelche unterirdischen Tunnel von der Stadt direkt im AKW landen, dann kann man das bei den Simpsons bringen, aber hier wirkte es doch etwas hilflos vom Drehbuchautor. Und die Auflösung enttäuschte mich am Ende ziemlich.

    • donpozuelo permalink*
      3. April 2013 11:06

      Idee und Location sind der absolute Hammer. Vor allem die Location. Aber Potenzial wird tatsächlich viel verschenkt, in dem man dann so eine vorhersehbare 08-15-Nummer draus macht. Die Auflösung am Ende war zwar auch fast schon zu erwarten, aber wenn man die etwas besser ausgebaut hätte, hätte ich die durchaus interessanter gefunden als den Rest.

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